Ausgabe 
(3.7.1896) 55
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auö dem Sitzen herauskommen, nur bei Nacht, wo sieliegen, wie cS immer Brauch war. Man kennt ihreMethode: aus dem Hause in die Droschke, aus der Droschkein die Eisenbahn, aus der Eisenbahn in den Hotcl-Omni-buS, dann vermittels Auszuges auf den Stock, wo gleichrechts oder links ihr Zimmer ist. Zurück ebenso, in dieDroschke, auf den Dampfer, auf die Drahtseil- oder Zahn-radbahn. Sind sie in einer Großstadt, so empfängt siedie Pferde-, die Dampf-, die elektrische, wenn nicht gardie Stadt- oder Untergrund-Bahn. Und alle diese ver-schiedenen Beförderungsmittel liefern sie richtig wiederim Gasthofe und schließlich wieder zu Hause ab.

Solche Reisende sind wie Frachtgüter, die fort-während umgeladen werden. Und welche Rolle spielenbei dieser langwierigen Sitzprocedur die Beine? So gutwie keine, sie sind lediglich für den Fall der Noth da,ähnlich wie in elektrisch erleuchteten Sälen der Vorsichthalber immer ein paar Gasslärumchen brennen.

Verständige Leute würden höchstens den Kopf schüt-teln, wenn die geschilderte Methode einzig für die Reisevorbehalten bliebe. Sie wird indessen von gar vielen Idas ganze Jahr über angewendet, vor allem von den so-genannten Großstädtern. Sie führen zur Entschuldigung >die riesigen Entfernungen an. Das scheint mir aber nurhalb richtig zu sein, denn daß im Grunde etwas ganzanderes dahintersteckt, als Zeit, Geld und Kraft zu sparen,sieht man in gewissen Kleinstädten, wo die Leute bisherganz gut ohne Pferdebahnen und dergleichen ausgekom-men sind, jetzt dagegen, wo sie sich solche zugelegt haben,die tollsten Streiche machen, wie ich unlängst erleben mußte.

Ich war nämlich auf den Gedanken gerathen, wiedereinmal nach Krähwinkel zu gehen. Krähwinkel ist mirimmer als das gemüthlichste Städtchen von der Welt er-schienen, so puppig und still wenn ich am einen Endeder Stadt nieste, rief mir regelmäßig der Obsthändler,der am andern Ende seinen Stand hatte, Prost zu. Wieerstaunte ich daher, als das erste, was ich bei meinerAnkunft sah, eine Pferdebahn war.

Potztausend!" sagte ich zu meinem Freunde, dermich am Bahnhöfe abgeholt hatte,da habt ihr ja einePferdebahn."

Das will ich meinen! Es war aber auch hoheZeit." Dabei strahlte seine Miene ordentlich vor Ver-gnügen-

Ich traute meinen Ohren nicht.Ha, hat sich denndie Stadt so vergrößert?"

Das nicht", bemerkte er.Aber wenn du glaubst,unsere Pferdebahn rentire sich nicht, da sieh' nur! Kommrasch, daß wir auch noch Plätze erwischen."

Eigentlich war es ganz überflüssig, die kurze Streckebis zu meines Freundes Wohnung zu fahren. Indessender Cnriosität halber fügte ich mich. Natürlich kam es»wie ich es vorausgesehen hatte: Kaum daß wir glücklichsaßen, mußten wir wieder aufstehen, wir waren am Ziel.

In der nächsten halben Stunde war ich stark be-schäftigt. Ein Familienglied nach dem andern erschien,um mich zu begrüßen, und jedes legte mir die Fragevor:Nun, was^ sagen Sie denn zn unserer Pferde-bahn?"

Gerade hatte ich znm siebenienmal mein grenzen-loses Erstaunen ausgedrückt, als die Thüre aufging undmeines Freundes Schwiegermutter eintrat.Willkommen,willkommen". rief siesoeben vernahm ich, daß

Sie da sind, und sofort bin ich mit der Pferdebahn her-gceilt, um Sie zu sehen."

Obwohl tief gerührt, konnte ich doch nicht umhin,zu fragen, ob sie denn nicht mehr dicht nebenan wohne?

O gewiß", erwiderte sie,aber ich mache dasimmer so: Ich nehme die Pferdebahn bis zum Bahnhofund fahre dann mit dem nächsten Wagen hierher. Ach,es ist ja gar zu angenehm! Man trifft immer so vieleBekannt: und hört immer 'was Neues."

Ich war sprachlos. Doch es kam noch schöner.Gegen Abend führte mich mein Freund hierhin und dort-hin, zu diesem und jenen: Bekannten, aus einer Kneipein die anders. Trotzdem es sich immer nur um einenKatzensprung handelte, wurde jedesmal die Pferdebahngenommen. Er behauptete, alle Welt mache es so. Undso war es auch. Ein fortwährendes Ein- und AuL-steigen, daß die Pferde gar nicht aus dem Schritt kamen.Blos ein alter lahmer Herr war eigensinnig genug, neben-her zu humpeln; er hatte jedoch schon bald einen der-artigen Borsprnng, daß er nicht mehr einzuholen war.

Nachher zu Hause klopfte ich meinem Freunde aufdie Schulter und bemerkte:Hör' 'mal, ihr müßt jamit eurer Pferdebahn brillante Geschäfte machen, und du,alter Glückspilz, hast natürlich einen ganzen Stoß Actiendavon im Schrank."

Nicht ein Stück."

Wie?" staunte ich ihn an.

Nein, niemand hier hat Actien. Die fremden Ka-pitalisten, die auf den guten Einfall kamen, waren bishernicht zu bewegen, die Actien auf den Markt zu bringen,und ich fürchte, sie werden es auch in Zukunft nichtthun. Es ist wirklich recht schade."

Nach dieser Eröffnung sann ich auf eine Ausrede,um mich baldmöglich aus den: Staube zu machen. Offengestanden, Krähwinkel war mir unheimlich geworden.

In der That, es ist einfach ein krankhafter Zu-stand. DaS eine Drittel der civilisirten Menschheit ist be-reits vollständig ergriffen, ein Drittel zeigt sehr bedenk-liche Anwandelungen, lediglich das letzte Drittel hält sich,wie wir eingangs gesehen haben, noch tapfer. Ob auchauf die Dauer? Warten wir's ab. Wir haben es leidermit einer wahren Manie zu thun, und man weiß, wieansteckend dergleichen ist. Allgemein gesprochen möchte ichsie Fahrsucht nennen, doch gibt es allerhand Speziali-täten, wovon die schlimmste die Tretradsucht ist. Schonfeit längerer Zeit bildet sie den Gegenstand meines be-sonderen Studiums. Die Ergebnisse liegen soweit vor,daß ich demnächst damit herausrücken kann. Also aufWiedersehen! (Köln . Volksztg.)

--s-

Goldkörner.

Es giebt Menschen mit leuchtendem und Menschen mitglänzendem Verstände. Die ersten erhellen ihre llmgebnng,die zweiten verdunkeln sie. M. v. Ebner-Eschenbach .

Sei auf deiner Hut vor Aufwallungen des Zorns. Laßdeinen Unmnih niemals Leute fühlen, die dir nichts darauferwidern dürfen oder mögen. Placken.

Gemeinsam leiden macht die Bürde leichter.

Das Bitr'rc wird durch Gewohnheit süß.

Wohl dein Ganzen, findetSich einmal einer, der ein MittelpunktFür viele Tausend wird, ein Halt; sich hinstelltWie eine siste Sänl', an die man sichMit Lust mag schließen und mit Zuversicht._ Schiller.