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„Augsburger PostMung".
Dinstag, den 7. Juli
1896 .
ssür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag des Lilerarischen Instituts von Haas Ä Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler ).
Arauenherz und Krauenwatten.
Lebensbild von Mary Dobson,
(Fortsetzung.)
IV.
In einem bescheiden, doch behaglich eingerichtetenZimmer im Erdgeschoß eines weder großen noch an-sehnlichen Hauses inmitten der Stadt stand eine Frau,welche das fünfzigste Lebensjahr weit überschritten, ineinfacher Hauskleidung am Fenster und blickte auf diedurch Gasflammen hellerleuchtete und durch Wagen undFußgänger belebte Straße hinaus. In dieser war nurnoch wenig von dem gefallenen Schnee vorhanden, derim Freien die Erde weiß deckte und noch immer vomheftigen Wind vor sich her getrieben ward. Nachdemdie Frau die nasse Straße und die eilig Vorübergehendeneine Weile beobachtet, sagte sie, sich an ein jungesMädchen wendend, das beim hellen Schein der Lampeeifrig mit einer Handarbeit beschäftigt war:
„Es ist ein schauerliches Wetter, Bertha, undbesser von hier aus anzusehen, als sich darin zu be-finden!"
„Und dennoch muß ich mich hineinbegeben, Mutter",erwiderte aufsehend die Tochter, deren äußere Erscheinungnicht darauf schließen ließ, daß sie Wind und Wetterscheute. Nicht regelmäßig schön, war sie dennoch sehrhübsch zu nennen, wozu die lebhaft und entschlossen indie Welt hineinblickenden Augen und das reiche welligebraune Haar besonders beitrugen. Sie war von mitt-lerer Größe und zierlicher, doch kräftiger Gestalt, undalle ihre Bewegungen bekundeten Festigkeit und Ent-schlossenheit. Sie hatte bereits das vierundzwanzigsteLebensjahr erreicht, doch hielt man sie stets für jüngerals sie war.
„Ist es nothwendig, Kind?" fragte in fast be-sorgtem Tone die Mutter. „Kannst Du den Weg nichtbis morgen hinausschieben oder Christine gehen lassen?"
„Aber Mutter, sollte ich das Wetter nicht so gutertragen können wie sie?" fragte mit leichtem Lachendie Tochter und fügte mit sanfter Emschtedenheit hinzu:„Die Arbeit muß noch heute abgeliefert werden, da innächster Zeit das Sophaklssen zum Hochzeitsgeschenk ge-braucht wird. Unsere Christine könnte ich auch schon,weil Frau Müller mir ihre Rechnung gern selbst bezahlt,nicht schicken!"
„Ach, Bertha", fuhr nach kurzer Pause die Mutterbesorgt fort, „ich fürchte, dieß angestrengte Arbeiten
schadet auf die Dauer Deiner Gesundheit, denn Du stehstbleich und angegriffen aus — —"
„Das muß so sehr nicht auffallen, Mutter, dennsonst würde es auch wohl Albrecht bemerken", entgegnete,sie mit den lebhaften Augen ansehend, die Tochter.
„Albrecht hat, wie die meisten Aerzte, für dieSeinen keine Zeit", erwiderte leicht verstimmt FrauGünther.
„Er ist so sehr beschäftigt, Mutter", entschuldigteErstere den Bruder. „Müssen wir uns nicht freuen,
- daß neben seiner Anstellung am Krankenhause er inso kurzer Zeit schon eine ziemlich ausgebreitete Praxiserlangt?"
„Das ist allerdings wahr, Kind", versetzte nochimmer verstimmt die Mutter, „doch kann er von seinerEinnahme noch immer nicht viel für sich verwenden, daer für uns so viel — —"
„Aber Mutter, äußere vor allen Dingen nichtAlbrecht gegenüber solche Gedanken", bat ernst dieTochter. „Er hält sich verpflichtet, Dir einigermaßendas zu ersetzen, was Du und der verstorbene Vater fürihn geopfert. Auch hast Du ja Deine Pension-"
„Die aber mir meinem Tode aufhört, wo Dirdann nur unsere geringen Ersparnisse bleiben", versetztetrübe Frau Günther. „Ja, hättest Du Deine Ver-lobung nicht aufgegeben! — Jetzt ist Otto Neufeldschon ein Jahr Assessor, und wenn auch seine Einnahmenur eine mäßige, so härtet Ihr doch genug darangehabt!"
„Ja, das hätten wir", entgegnete Bertha mit ver-änderter Stimme, „und wenn nicht sein Vater, als ervor mehreren Jahren nach . . . versetzt ward, auch zu-fällig der Mitvormund eines sehr reichen, jungen Mäd-chens geworden, so hätten wir uns auch gewiß gehei-rathet. Von der Zeit an aber war er gegen mich ver-ändert, auch seine Familie behandelte mich nicht liebevollund freundlich wie sonst, und da ich das nicht ertragenkonnte und wollte — —"
„So machtest Du der Sache ein schnelles Endeund gabst ihm mit seinem Ring auch sein Wort zurückund erhieltest den Deinigen wieder", unterbrach fasttraurig Frau Günther.
„Ja, Mutter, und es war richtig, daß ich den ent-scheidenden Schritt that", fuhr merktjch erregt die Tochterfort, „wenn es mir auch, nachdem wir zwei Jahre ver-lobt gewesen, nicht leicht geworden ist. Seine Verlobung