Ausgabe 
(7.7.1896) 56
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aber mit der reichen Mündel seines Vaters läßt nochimmer auf sich warten, und mag das Herz des jungenMädchens auch schon gewählt haben. Doch nun, Mutter,laß uns von der Sache schweigen, Albrecht könnte kommenund"

Jetzt ward schnell die Hausthür geöffnet und ge-schlossen, ein fester Schritt näherte sich dem Zimmer,und gehörig gegen Wind und Wetter geschützt tratDr. Günther ein, dessen Bekanntschaft der Leser voretwa anderthalb Jahren in der Burgruine bei . . . ge-macht. AIs nach gegenseitiger Begrüßung seine Mutterauch ihm gegenüber das schlechte Wetter beklagte, er-widerte er beruhigend:

Es ist so schlimm nicht damit, Mutter, denn derWind läßt nach, und der Regen und Schnee hört aufzu fallen. Auch kann ich noch nicht zu Hause bleiben,da ich außer einigen Patienten Reichardt's besuchenmuß I"

Ist dort Jemand krank?" fragte Frau Günther,welche die Familie vom Hörensagen kannte, und einemaufmerksamen Beobachter wäre nicht entgangen, daß ihreGesichtszüge einen leichten Grad von Mißbilligung aus-drückten. Eine Antwort erhielt sie nicht, denn nochmalsward die Hausthür geöffnet, und auf den Flur hinaus-gehend, erblickte Bertha einen jungen Mann, welchernach höflichem Gruß ihr einen Brief übergab und sichdarauf die Antwort des Herrn Doktors erbat.

Dieser war schon hinzugekommen, und das Schreibenseiner Schwester Hand entnehmend, öffnete er es undlas die wenigen Zeilen, welche Marie Feldheim imNamen ihres Vaters geschrieben. Sich dann dem Ucber-bringer zuwendend, trug er ihm auf, Herrn Feldheimzu sagen, daß er sogleich kommen werde, und ließ sichvon ihm noch dessen Wohnung bezeichnen, worauf derDiener sich mit dem, wie er wußte, so erwünschten Be-scheid entfernte. Dr. Günther kehrte zu seiner Mutterund Schwester zurück, und dieser den Brief reichend, lassie die schön und mit fester Hand geschriebenen Zeilen,während er eingehend erzählte von wem sie gekommenund schließlich hinzufügte:

Nach Herrn Feldheim werde ich Herrn Reichardtbesuchen, der, wie seine Gattin mir geschrieben, micheines Ohrenleidens wegen zu sprechen wünscht!"

Hat sich das plötzlich eingestellt?" fragte FrauGünther.Denn da Du doch die Familie zuweilen

siehst-" und ihr forschender Blick streifte ihren

Sohn.

Ich habe bisher nicht davon gewußt, Mutter",erwiderte dieser ruhig,bin auch seit vielen Wochennicht bei ihnen gewesen! Doch nun, auf Wieder-

sehen" und seinen Hut nehmend verließ er eiligdas Zimmer und das Haus. Als er gegangen, sagteFrau Günther mit leichter Verstimmung:

Mir gefallen Albrecht's Privatbesuche bei der Fa-milie Reichardt nicht, denn ich fürchte, ihre Pflegetochterist die Hauptveranlassung dazu!"

Und wenn dem so wäre, Mutter?" entgegneteBertha von der Arbeit aufsehend, an der sie eben dieletzten Perlen aufnähte und noch einige Seidenfäden be-festigte.Fräulein Rothenfels ist ein sehr hübschesMädchen, soll eine vorzügliche Erziehung genossen habenund sehr häuslich sein!"

Sie wäre dennoch aber kaum eine geeignete Fraufür Albrecht", fuhr in demselben Ton Frau Günther fort.

An eine Frau denkt auch Albrecht gewiß nochnicht", versetzte mit leichtem Lächeln über ihre Sorge dieTochter.Denn wer wie er so unaufhörlich in Anspruchgenommen ist "

Das ist freilich wahr", gab Frau Günther zu.Heute wiederum den neuen Patienten von seinerTochter muß er uns erzählen" fuhr sie dannvon einem plötzlichen Gedanken erfaßt fort.

Sollte die vielleicht eine Frau für Albrecht sein?"fragte sich lächelnd erhebend ihre Tochter, fügte aberernster hinzu:Ich wollte, Albrecht heirathete nie,Mutter, denn dann müßten wir ihn entbehren, und daswürde mir sehr, sehr schwer werden!" und dieß sagendverließ auch sie das Zimmer, um ihre Besorgungen aus-zurichten. Frau Günther aber sann über die Möglich-keit einer ehelichen Verbindung ihres Sohnes nach, derihrer Ueberzeugung nach in seinem Beruf die höchstenZiele erreichen würde, und dessen Zukunft daher in jederBeziehung eine glänzende sein mußte.

V.

Herr Fcldheim hatte Dr. Günthers Antwort unterheftigen Schmerzen entgegengenommen, und als derDiener das Zimmer verlassen, sagte er, sich an seineTochter wendend, in mürrischem Ton:

Der wird wahrscheinlich auch nichts für mich thunkönnen, und wenn es so fortgeht"

Laß uns Besseres von ihm hoffen", erwiderte dieseermuthigend,denn dürften wir das nicht, so hätte derProfessor ihn Dir nicht so warm empfohlen!"

Er hatte keine Antwort auf diese Bemerkung, undes verging noch eine kleine Weile, bis die Glocke derHausthür erklang, u. während Herr Feldheim in unverkenn-bar befriedigtem Ton sagte:Da ist er schon! "strömte seinerTochter einen Moment alles Blut zum Herzen u. färbte dannihre Wangen mit tiefem Noth. Sich höher aufrichtend warjedoch im nächsten Augenblick diese Erregung verschwun-den, und sie sah mit ruhigem Blick dem eintretendenDr. Günther entgegen. Ueber die Förmlichkeit der Be-grüßung kamen sie schnell hinweg, dann sagte, für denAugenblick seine Schmerzen vergessend, der Kranke ingewohnter kurzer Weise:

Es freut mich, daß Sie so schnell gekommen sind,Herr Doktor. Erinnern Sie sich unserer noch vonHalle her?"

Es würde die Unwahrheit sein, wollte ich IhreFrage bejahen, Herr Feldheim", erwiderte aufrichtig derArzt seinen Patienten zugleich mit dem Auge einessolchen betrachtend.Ich habe dort so viele Krankekennen gelernt und behandelt"

Das thut auch nichts zur Sache", entgegneteErsterer, diese Erklärung begreifend, während seineTochter Beide beobachtete,wichtig dagegen ist, daßSie da sind und es mit meiner Behandlung versuchenwollen!"

Gewiß, Herr Feldheim", versicherte Dr. Günther,und so lassen Sie mich dann erfahren, auf welcheWeise das geschehen muß, denn ich sehe Ihrem Gesichtean, daß Sie heftige Schmerzen leiden."

Der Patient begann seinen Bericht, den oftmalsseine Tochter ergänzen mußte. Nach diesem fand dieUntersuchung statt, dann schrieb Dr. Günther einigeRezepte, ertheilte Marie mündliche Verordnungen, undsich darauf nochmals an den Kranken wendend sagte er:

Ich werde, um die Wirkung der Mittel besser