Ausgabe 
(7.7.1896) 56
Seite
423
 
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beobachten zu können, erst übermorgen wiederkommen.Sollten Sie aber bis dahin meine Gegenwart wünschen,so bitte ich es mir wissen zu lassen", und entfernte sichmit einer leichten Verbeugung. Als die Thür sich hinterihm geschlossen, sprach Herr Feldheim in gewohnter ver-stimmter Weise:

Laß alles schnell besorgen, Marie, damit wirsehen, ob dieser Dr. Günther mir zu helfen im Standeist. Er gefällt mir übrigens nicht besonders, hat, seitwir ihn kennen gelernt, sich sehr verändert und tritt füreinen noch jüngeren Arzt sehr bestimmt auf. MeinstDu das nicht auch?"

Wir wollen hoffen, Vater, daß er Dir bald Lin-derung verschafft", entgegnete die Tochter, deren Zügeden gewohnten milden Ernst trugen und in denen einaufmerksamer Beobachterauch noch einen leisen An-fing von Schmerz undTraurigkeit gefunden habenwürde, der ebenfalls inihren ausdrucksvollenAugen lag,und Du dannDeine Meinung über ihnänderst", und dieß sagendrief sie den Hausdiener her-bei und trug ihm die Be-sorgung der Recepte auf.

Gleichzeitig erschien auchder Wärter, welcher dieNächte bei dem Kranken zu-brachte, damit seineTochter,die am Tage so vielfachdurch ihn in Anspruch ge-nommen wurde, ungestörtschlafen konnte.

Mehrere Stunden später,als bereits die Nacht an-gebrochen, betrat diese ihreZimmer im oberen Stock-werk des Hauses, welcheihr Vater geschmackvoll undfreundlich für sie hatte aus-statten lassen. Das Wohn-gemach war behaglich durch-wärmt, auf dem Tischebrannte eine zierlicheLampeund in einem neben diesemstehen den Sessel sich nie-derlassend, stützte sie gegen

dessenLehne dasHaupt. Lange sann sie nach, ihreZüge nahmendabei einen tieftraurigen Ausdruck an, und endlich sagtesie leise, indeß ein schmerzlicher Seufzer den Weg überihre Lippen fand:

Vergessen vergessen während ich - ich"

Nach einer Weile richtete sie sich auf, bald auchblickten ihre Augen in gewohnter ruhiger Weise, undwenn auch an ihren Zügen noch ein schmerzlicher,trauriger Ausdruck haftete, fuhr sie dennoch mit sichererStimme fort:

Ach ich muß vergessen, daß damals in Halle ereinen tiefen Eindruck auf mein Herz gemacht! Mußvergessen, daß ich thöricht genug gewesen, zu hoffen, auch

er- nein, nein, seine so freundliche Aufmerksamkeit

galt war seinem Patienten, dessen Tochter aber war und

blieb ihm gleichgültig, und jener Zeit erinnert er sichnicht mehr! Ob in seinem Herzen ein anderes Bildgelebt? Jünger und schöner als ich gewesen?"

Nochmals sann Marie Feldheim eine Weile nach,dann aber sich höher aufrichtend fügte sie entschlossen hinzu:

Vergessen einem erträumten Glück entsagen, dasist mein Loos wie es schon einmal zur Zeit meinerersten Jugendblüthe gewesen, und Niemand Niemanddarf ahnen, am wenigsten aber er selbst, daß so langesein Bild in meinem Herzen gelebt", und nach diesenWorten an ihren Schreibtisch tretend, öffnete sie daskunstvolle Schloß und nahm aus einem Fach ein sorg-fältig gefaltetes Papier hervor. Es ebenfalls öffnend,betrachtete sie die darin vorhandenen getrockneten Blumenund Blätter, legte sie dann auf die noch im Ofen be-findliche Kohlengluth, sodaß sie schnell auflodertenund verbrannten, undnahm nochmals im SesselPlatz. Nach einer Weilerichtete sie sich wieder auf,ihr Gesicht überzog einschnelles Roth, die Augenblickten freudig und halb-laut sagte sie:

Und wenn dennoch injener Zeit, wo wir unstäglich gesehen, auch seinHerz in wärmerer Regungfür mich zu schlagen ge-lernt, er dieß noch em-pfindet und nur äußerlichkalt und ruhig ist, ummeine Gefühle zu er-forschen?"

Der Ausdruck freudigerErregung verblieb einigeMinuten in ihrem Gesicht,denn das Menschenherz er-saßt so gerne auch die leisesteHoffnung, dann aber ver-schwand er allmülig undleise sprach sie:

Nein, nein, es ist nichtmöglich, er hätte es diesenAbend beim Wiedersehensicherlich verrathen, wäh-rend wir offenbar seinemGedächtniß gänzlich ent-

, schwunden waren!"

Und während nun Marie Feldheim zu dem vor, ihr liegenden Buch greift, um durch den fesselndenRoman ihren Gedanken eine andere Richtung zu geben,müssen wir zum Verständniß der Leser berichten, daßfrüh schon, als der einzigen Tochter ihres Vaters, vielejunge und auch ältere Männer sich ihr genähert, umihre Neigung zu erwerben, was ihnen indeß nicht ge-lang, wohl aber dem Lehrer ihres damals noch lebendenBruders. Ihr Vater entdeckte die Liebe der noch sehrjungen Leute, die seinen Ansprüchen bei weitem nichtgenügte, und entließ auf der Stelle den Lehrer, der umseine Neigung wirksam zu überwinden, sich zu seinem inSüdamerika als Kaufmann lebenden Bruder begab,welcher ihm bald zu einer geeigneten Stellung verhalf.

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