Ausgabe 
(7.7.1896) 56
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Wie Marie später durch Bekannte erfuhr, hatte er dortGlück und ward mit der Tochter einer angesehenenFamilie verheirathet.

Im Hause selbst war nie mehr die Rede von derSache, und um seine Tochter von ihrer Liebe zu heilen,beschloß Herr Feldheim unter den vielen Bewerberneinen Schwiegersohn zu wählen. Ihm sagte als solcher,ein reicher Fabrikherr gesetzten Alters am besten zu, denaber seine Tochter verwarf und ihrem Vater zugleich er-klärte, nie heiraten zu wollen. Da alle Vorstellungenerfolglos blieben, theilte er dem wenig erfreuten Be-werber die Weigerung seiner Tochter mit, der, um sichzu rächen, sich in ganz nächster Zeit mit einer jungen,hübschen und lebensfrohen Wittwe verlobte, und diesebald darauf heirathete.

Seitdem war von Herrn Feldheim's Seite nie mehrvon einer Verheirathung seiner Tochter die Rede undbei eintretender Kränklichkeit war er erfreut, sie, dieauch in geschäftlichen Angelegenheiten ihm gewandt zurHülfe kommen konnte, in seiner unmittelbaren Nähezu haben.

VI.

Gehen wir in unserer Erzählung um etwas längerals ein Jahr zurück und betreten wir wiederum dasHaus, in das zu Anfang derselben wir unsere Lesergeführt. Es ist einige Tage nach dem Weihnachtsfest,und wir finden Herrn und Frau Reichardt wie Hedwig,welche als Tochter bei ihnen geblieben, im Wohnzimmer.Die Dämmerung des kurzen Wintertages, an demblendendweißer Schnee die Erde deckt, ist eingetreten,im Ofen glimmt ein lebhaftes Kohlenfeuer, das denRaum genügend erhellt, und Erstere halten Mittagsruhe,während Hedwig, nachdem sie einige häusliche Angelegen-heiten besorgt, eben die Lampen anzünden will, als dieGlocke der Hausthüre erschallt und sie auf den Flurhinausgeht, um nachzusehen, wer Einlaß begehrt. DieThüre öffnend, steht ein hochgewachsener Mann vor ihr,den kaum sie erblickt, als errathend und erbleichend,was jedoch die Dämmerung ihn nicht erkennen läßt, sielebhaft ausruft:

Herr Doktor, Sie sind eS?"

»Ja, Fräulein Nothenfels", erwiderte dieser, sieebenfalls erkennend, vermochte aber nicht mehr zu sagen,denn Frau Reichardt, welche den Ruf vernommen, er-schien, und sich ihr zuwendend, sagte Dr. Günther, nach-dem sie sich begrüßt:

Sie sehen, Frau Reichardt, daß ich von Ihrermir in der Porta Westfalica ertheilten Erlaubniß Ge-brauch mache"

Seien Sie uns willkommen, Herr Doktor", er-widerte sie freundlich, die ihr dargereichte Hand er-greifend,und treten Sie näher, damit ich Sie auchmit meinem Mann bekannt machen kann!"

Er kam ihrer Aufforderung nach, und während dieMänner sich ebenfalls freundlich begrüßten, zündeteHedwig die Lampe an und ließ die Vorhänge herab,worauf Alle Platz nahmen. Dr. Günther erkundigte sichdenn nach dem Ergehen der Familie Reichardt und er-fuhr, daß seit dem vergangenen Sommer sie sich voll-kommen wohl befunden.

Er dagegen erzählte, daß er sich um eine Vakanzan einem der städtischen Krankenhäuser beworben undauch die Stelle eines ersten Gehülfsarztes der chirur-

gischen Abtheilung erhalten, mit der Befugniß, Privat-praxis auszuüben.

Und sind Sie mit dem Wechsel zufrieden?" fragteHerr Reichardt, dessen Gattin wie Hedwig ihre Arbeitzur Hand genommen.

Gewiß, Herr Reichardt", entgegnete der Arzt,dann ich habe bereits den Anfang mit eigener Praxisgemacht. Besonders erfreut darüber aber sind meineMutier und Schwester, deren Häuslichkeit ich theile!"

Die Unterhaltung ward noch eine Weile, auch dieSommerreise berührend, fortgesetzt, dann aber empfahlDr. Günther sich, nachdem Herr und Frau Reichardtihn aufgefordert, seinen Besuch zu wiederholen, was erauch zusagte.

Er hielt, wenn auch nach längeren Zwischenpausen,Wort, wodurch Neichardt's von seiner schnell zunehmen-den Praxis erfuhren, es ihnen aber auch klar ward,daß Hedwig die besondere Anziehungskraft für ihn sei,wie, daß ebenfalls sie ihn nicht mehr mit gleichgültigenAugen ansah. Diese gegenseitige Neigung konnte nichtanders als ihre vollständige Billigung haben, und siebeschlossen, den Dingne freien Lauf zu lasten unddiesem ruhig zuzusehen.

Die Zeit verging, der Winter machte dem FrühlingPlatz, und dieser verfloß, ohne der Familie Reichardtein bemerkenswerthes Ereigniß zu bringen, da auch ihrSohn mit seiner Familie sich voll befand. Den Som-mer verlebte Hedwig bei dieser, was besonders Dr. Steinbefürwortet, da deren Wohnort zugleich ein Seebad war.Erst im Oktober kehrte sie frisch und blühend zu ihrenPflegeeltern zurück, die sie nicht länger entbehren wollten,obgleich Arthur Reichardt und besonders seine jungeGattin sie nur ungern scheiden sahen. Dr. Günther,welcher seiner Zeit von Hedwig Abschied genommen, hatteNeichardt's wie sonst besucht und sich stets theilnehmendnach ihr erkundigt. Eine Woche nach ihrer Heimkehrerschien er ebenfalls, und Letzteren konnte Beider freudigeErregung beim Wiedersehen nicht entgehen.

In gewohnter Weise schwanden die Tage bis insneue Jahr dahin, wo, wie wir wissen, Dr. Günther zuHerrn Feldheim berufen ward und nach diesem HerrnReichardt ebenfalls als Arzt besuchen mußte. Er wardvon Hedwig empfangen, welche, für den Augenblick sichselbst vergessend, in ihm nur den Erleichterung und Hülfebringenden Arzt sah, den sie sogleich zu dem Krankenführte. Bei diesem war, wie die Untersuchung ergab,eine augenblickliche Operation erforderlich. Hedwig gingihm dabei mit ruhiger Besonnenheit zur Hand, währendFrau Reichardt ihm den Verband aulegen half. Nacheinigen Anordnungen verließ Dr. Günther auch dieseFamilie, jedoch mit der Zusage, am folgenden Tagewiederkommen zu wollen.

Raschen Schrittes ging er durch die jetzt hartge-frorenen Straßen dahin. Er mußte noch mehrere Häuserbetreten, in denen er sehnlichst erwartet ward, er sahmenschliches Elend, Kummer und auch Armuth, undhatte, wo es Noth that, aus seinen bescheidenen Mittelnauch Beistand, der ihm Dank und Segenswünscheeintrug.

Den warmen Winterrock fester an sich ziehend, eilteer nach beendigtem Tagewerk seiner Wohnung zu, wo,wie er wußte, seine Mutter und Schwester seiner harrten.Es war gegen zehn Uhr, als er sie erreichte und mittiefempfundenen Behagen das wohldurchwärmte Zimmer