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betrat, in welchem Erstere die Zeitung vorlas, währendLetztere, welche alle Besorgungen ausgerichtet und neueBestellungen entgegengenommen, mit einer Handarbeitbeschäftigt war und auf dem gedeckten Tisch das Abend-brod bereit stand. Soweit er befugt war, erzählteDr. Günther dabei von seinen Patienten, besonders vonHerrn Feldheim und seiner Tochter, welche seinem Ge-dächtniß ganz entschwunden gewesen, dann aber wünschteer Mutter und Schwester eine gute Nackt und ricthauch ihnen, sich zur Ruhe zu begeben. Als die Thürsich hinter ihm geschlossen, begann Frau Günther überdas mühevolle Leben eines jungen, unermüdlichen Arzteszu sprechen und fügtemit einem Seufzerhinzu:
„Könnte er docheinmal eine reiche oderauch nur wohlhabendeFrau heirathen, da-mit ihm die Sorge fürdas Leben leichterwürde",und zu einemanderen Gedankenübergehend fuhr siefort: „Fräulein Frld-heim würde nach allem,was ich von ihr ge-hörter als eine solchefür ihn schon gefallen.
Sie muß aber damalsin Halle keinerlei Ein-druck auf ihn gemachthaben — —"
„Das glaube ichauch nicht", erwidertedie Tochter, welchereinebestimmteAhnungsagte, daß sein Herzbereits für eine Andereschlage und diese,wennsie seineLiebe erwidere,die Seinige werdenmüsse. —
VII.
Mehrere Wochenwaren vergangen, seitHerr Feldheim DoctorGünthcr's Patient ge-worden, und er hatteschon, was erauchwar,
Ursache damit zufrie-den zu sein, denn wenn, wie Letzterer Marien gesagt, es fürsein eigentliches rheumatisches Leiden nur Linderung, keineHerstellung gab, so hatte doch sein Allgemeinbefindensich gebessert und damit seine Stimmung sich gehoben.Dazu trug auch die Hoffnung bei, gegen Ende Märzsoweit hergestellt zu sein, um mit seiner Tochter nachItalien reisen zu können und dort seine vollständigeGenesung zu erwarten.
Während dieser Zeit hatte auch Herr Neichardt seinOhrenleiden soweit überwunden, daß es ihn nicht mehran der gewohnten täglichen Arbeit hinderte. Damit aberhatten auch Dr. Günther's ärztliche Besuche aufgehört,
und er erschien wiederum nur gelegentlich. EinesAbends, nachdem er mehrere seiner Kranken besucht,schellte er an der ihm so wohlbekannten Thür undward von Hedwig begrüßt, welche ihm mit einem leichtenGrad von Befangenheit sagte, daß Rctchardt's ausge-gangen seien, jedoch bald zurückkehren würden. Sieführte ihn ins Zimmer, wo Beide Platz nahmen und erein umfangreiches Papier aus der Tasche zog, welcheser ihr mit den Worten reichte:
„Hier, Fräulein Rothenfels, sind die bewußten An-sichten, von denen ich Ihnen und Frau Neichardt gesagt.Sie werden leicht die Ihnen bekannten Punkte wieder-erkennen — —"„Sie find sehr gütigHerr Doktor", er-widerte Hedwig, daskleine Packet in Em-pfang nehmend. „DieBilder werden unsviele Freude gewäh-ren, denn wir sprachenoft von unserm Auf-enthalt in.
mit seiner ganzen Um-gegend I"
Bei diesen Wortenhatte sie schon die Um-hüllung entfernt undbetrachtete mit leb-hafter Bewunderungdas erste Blatt, diePorta Westfalica dar-stellend; dann griffsie, während er keinAuge von ihr ver-wandte, zu dem zwei-ten, das sie nicht so-gleich erkannte, daherder Lampe näherbrachte und dann leb-haft ausrief:
„Ist das nicht dieRuine mit derFörstereibei ... . ?" und sahvielleicht unbewußtleicht erröthend zu ihmauf, senkte aber schnellihre Augen vor denseinigen, die forschendund voll Liebe ihrentgegenblickten.
»Ja, FräuleinRothenfels", entgegnete er mit unverkennbarer Erregung,„es ist die alte Burgruine mit ihrer Umgebung und dieStelle, an der ich Diejenige kennen lernte, deren Bildseitdem mir immer gegenwärtig gewesen!"
Hedwig, welche längst gewußt, daß ein Augenblickwie dieser kommen würde, erröthete noch tiefer, währendDr. Günther bewegt fortfuhr:
„Fräulein Rothenfels, Sie müssen längst empfun-den haben, wie theuer Sie meinem Herzen sind; sollteich mich getäuscht haben, wenn seither ich mich der Hoff-nung hingegeben, auch nicht gleichgültig zu sein?"
(Fortsetzung folgt.)
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