Ausgabe 
(14.7.1896) 58
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437
 
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1896 .

Augsburger Postxeitung".

Di«stag, den 14. Juli

Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer Dr. Mar Huttlers.

Arauenherz und Irauenivatten.

Lebensbild von Mary Dobson,

(Fortsetzung.)

X.

Zwei Jahre find wiederum vergangen, und aneinem schönen Herbsttag führen wir die Leser nach Dr.Günther's Wohnung, welche in der Nähe derjenigenseiner Mutter und im Erdgeschoß eines größeren Hausesliegt. Es ist gegen die Mittagsstunde, die Zeit wo ervom Krankenhause zurückzukommen pflegt, und Hedwigist allein mit dem Haus- und dem Kindermädchen, dennvor zwei Monaten ist ihr zweiter Sohn geboren, währendder zweijährige Albrecht, welcher seinem Vater auffallendgleicht, ein kräftiger, stattlicher Knabe ist. In Hedwigsehen wir eine gesunde, rührige junge Frau, die eifrigschafft und wirkt, und bisher die Befürchtungen ihrerSchwiegermutter überflüssig gemacht, obgleich ihre Nervender Schonung bedürfen, was indeß in der vergrößertenHaushaltung meistens übersehen wird. In der Küchebeschäftigt, denn der kleine Hugo schläft in der Obhutdes Kindermädchens, hört sie die Hausthür öffnen, undneben ihr spielend hat Albrecht dieß ebenfalls vernom-men, denn er eilt auf den Flur, und bald hört sie ihn dieeingetretene Person mit lautem Jubel alsGroßmama"begrüßen. Dem anwesenden Mädchen ihre Anweisungenertheilend, geht sie dann zu ihnen, und bei der gegen-seitigen Begrüßung Frau Reichardt ansehend, fragt sieschnell und besorgt:

Was ist geschehen, liebe Tante, denn DeinemAussehen nach"

Ich bringe in der That traurige Nachrichten,Hedwig", unterbrach Erstere mit schmerzlich bewegtenGesichtszügen und folgte ihr mit dem Knaben insWohnzimmer.

Doch nicht von Albrecht?" rief erbleichend diejunge Frau, und ihre Augen blickten der Pflegemutterangstvoll entgegen.

Von Albrecht", wiederholte fragend Frau Reichardt.Weßhalb denkst Du an ihn? Ich meine, er wirdsogleich hier sein"

Ach, ich fürchtete schon", rief sich fassendHedwig,denn seit er den schlimmen Fall gethan undAbends blutend nach Hause kam, ängstige ich mich seinet-wegen bis ich ihn wiedersehe!"

Sei nicht thöricht, Hedwig", antwortete verweisend

ihre Pflegemutter,und laß ihn nie dergleichen kindischeReden vernehmen, die ihn verdrießen könnten und müßten.Höre dagegen was ich Dir zu sagen habe. Arthur undder kleine Max sind am Typhus erkrankt, der in . . .herrscht, und Elfriede, die hinreichend mit den beidenjüngeren Kindern und der großen Haushaltung zu thunhat, bittet mich dringend ihr zur Stütze zu kommen!"

Du wirst doch nicht gehen, liebe Tante?" riefvon neuem aufgeregt Hedwig.Bedenke die so gefähr-liche und ansteckende Krankheit"

Eine Mutter zaudert nicht, wenn es sich um ihrund noch dazu einziges Kind handelt", entgegnete miternstem Nachdruck Frau Reichardt.Mein Brief anElfriede, daß ich morgen kommen werde, ist bereitsunterwegs!"

Aber der Onkel?" fiel Hedwig ein.

Er weiß noch nicht einmal, daß ich die schlimmenNachrichten aus .... erhalten, wird aber mit meinenAnordnungen einverstanden sein" , antwortete FrauReichardt.

Willst Du ihn aber allein lassen, jetzt wo eretwas leidend ist und besonderer Pflege bedarf?" fragteHedwig besorgt.

Ich möchte Bertha bitten, zu uns zu kommen,die Ruhe genug zu ihren Arbeiten hätte, dann aberwäre ihre Mutter allein"

Nochmals ward die Hausthür geöffnet, und mitfreudestrahlendem Gesicht und dem Ausruf:TanteMarie!" eilte der kleine Albrecht Marie Feldheimentgegen.

Sie, welche mit einem Herzen voll ruhiger Ent-sagung und edler Menschenliebe aus England heimge-kehrt war, hatte sich während der verflossenen zwei Jahrenicht oder nur zu ihrem Vortheil verändert, und warmit der aufrecht getragenen Gestalt, den ansprechendenZügen des mildesten Gesichtes und den tiefblauen aus-drucksvollen Augen eine in hohem Grade fesselnde Er-scheinung. Niemand konnte begreifen, weshalb sie keinender vielen Bewerber um ihre reiche Hand annahm, und auchihre englischen Freunde hatten ihr gezürnt, weil sie die-jenige ihres jüngsten Sohnes, eines angesehenen See-offiziers, ausgeschlagen. Ihrem Geheimniß aber warnoch Niemand nahe gekommen, es lag tief in ihrer Brustverborgen, und wenn je von Bekannten besprochen ward,daß sie unvermählt geblieben, so ward dieß allerdingswohl einer unerwiderten Neigung zugeschrieben, Niemano