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aber ahnte, daß der Gegenstand derselben in ihr eineFreundin verehrte, ein Vorbild edler Weiblichkeit, dieihrem ganzen Umfange nach kennen zu lernen er inseiner Familie, mehr aber noch als Arzt Gelegenheitgehabt. —
Marie Fcldheim ward von den Anwesenden freund-lich begrüßt, während der kleine Albrecht sich ihrer Handbemächtigte, die ihm schon unzählige Male Freude ge-spendet und in der er auch wiederum ein Spielzeugfand, mit dem er sich hocherfreut zurückzog. Ihr scharferBlick gewahrte Frau Neichardt's und Hedwig's aufge-regte Gesichter und ehe sie noch einmal nach der Ur-sache derselben fragen konnte, erzählte ihr schon Letztere, wasihre Tante ihr mitgetheilt. Marie sprach ihre ganzeTheilnahme über die erhaltenen schlimmen Nachrichtenaus und schlug in Bezug auf Frau Günther vor, fallssie darauf eingehen wolle, ihr Gast zu sein.
„Ihr freundlicher Vorschlag dürfte ihr zusagen,Fräulein Feldheim", entgegncte Frau Neichardt, „undda ich jetzt zu ihr gehe, will ich ihn ihr mittheilen.Jedenfalls werden Sie mich, wenn Sie zu Hause seinsollten, diesen Abend bei sich sehen!"
Marie bejahte dieß, und sich an Hedwig wendendfuhr Frau Neichardt zwar mit erzwungener Ruhe fort:
„Hedwig, wir werden uns vor meiner Abreise wohlnicht mehr sehen, da mir noch sehr viel zu besorgenübrig bleibt, laß uns also schon jetzt scheiden —"
„Tante, liebe Tante, muß es wirklich sein?" riefauf Höchste erregt Hedwig und umschlang sie mit beidenArmen. „Wenn ich mir vorstelle, daß Du — —"
„Still, still, Kind", unterbrach Erstere ernst, „undlaß uns das Beste hoffen. Wir trennen uns vielleichtnur für kurze Zeit — —"
„Aber Albrecht, Tante", unterbrach weinend, dochresignirt Hedwig.
„Er muß diesen Abend spät zu uns, sonst morgennach dem Bahnhof kommen", erwiderte Frau Neichardt,deren ganzer Kraft es bedurfte, um ruhig zu bleiben.„Und nun lebe wohl, liebes Kind, hoffentlich sehen wiruns bald wieder. Möge der Himmel uns Alle schützenund vor jedem Unglück bewahren!"
Sie küßte Hedwig wiederholt und machte sich dannsanft von ihr los, küßte auch den kleinen Albrecht,grüßte Marie und verließ schnell das Zimmer, in demdiese die weinende Hedwig zu trösten suchte.
Nach angebrochener Abenddämmerung trat FrauNeichardt bei Marie Feldheim ein und theilte ihr FrauGünther's Entschluß, in der Nähe ihrer Kinder bleibenzn wollen, mit, wie auch, daß deren Tochter sie inihrem Hause vertreten würde. Dann fügte sie bewegthinzu:
„Jetzt habe ich Sie noch um Vieles zu ersuchen,Fräulein Feldhcim, und müssen Sie mir versprechen,meine Bitten, da Sie es können, erfüllen zu wollen!"
„Ich versprechen Ihnen, alles das für Sie zu thun,wozu ich im Stande bin!" gelobte Marie ernst, fastfeierlich.
„Ich empfehle Ihnen Hedwig an", antwortete FrauNeichardt mit Nachdruck, „über die ich seit dem Todeihrer Mutter gewacht, und die mir theuer wie ein eige-nes Kind ist. Ihr aufgeregter Zustand macht mich be-sorgt, und muß diesem mit Ernst und Ruhe entgegen-getreten werden. L>ie, Fräulein Feldheim, besitzen beialler Herzensgütc diese Eigenschaften, und da sie Ihnen
großes Vertrauen weiht, werden auch Ihre Bemühungennicht ohne Erfolg sein!*
„Ich werde alle Ihre Wünsche erfüllen", versprachtiefbewegt Marie.
„Sie müssen noch mehr thun, Fräulein Feldheim",fuhr erregter Frau Neichardt fort. „Ich gehe in einvon schwerer Krankheit heimgesuchtes Haus und verhehlemir auch die für mich damit verbundene Gefahr nicht.Die Fügungen des Himmels sind wunderbar, und ichkönnte zu meinen Kindern gegangen sein, um lebendnicht mehr hierher zurückkehren zu sollen!"
„Frau Neichardt l" unterbrach fast erschrockenMarie.
„Man muß in Fällen wie der vorliegende aufalles gefaßt sein", fuhr unbeirrt Frau Neichardt fort.„Sollte mir also etwas Menschliches zustoßen — dann— dann — dann, Fräulein Feldheim, müssen SieHedwig Ihre ganze Sorge weihen, denn ein solcherSchlag würde sie furchtbar treffen I"
„Aber, Frau Neichardt-", unterbrach noch-
mals Marie.
„Lassen Sie mich ausreden, theures Fräulein Feld-heim", sprach tief Athem holend Frau Neichardt. „Leider,leider ist Hedwtgs Mutter einer traurigen Nervenkrank-heit erlegen, vor der durch rechtzeitige Ueberwachung siegewiß bewahrt werden kann. Sollte also eine schwereStunde kommen, so seien Sie ihr mit Liebe und Trostnahe, und haben Sie Geduld, auch wenn sie Beideszurückweist. Und nun — —" , und hier erhob sichFrau Neichardt, „muß ich gehen. Leben Sie wohl,Fräulein F-eldheim", hier ergriff sie deren beide Hände,„und nehmen Sie meinen Dank für das mir geleisteteVersprechen. Möge Gottes Segen immer bei Ihnensein und Ihnen im Leben alles Glück zu Theil werden,welches Sie in so reichlichem Maße verdienen!" undMarie unter Thränen in ihre Arme schließend, verließsie dann schnell auch dieß Haus und eilte an dem mond-hellen Abend dem ihrigen zu. Marie Feldhcim blickteihr tiefbewegt nach, denn eine bestimmte Ahnung sagteihr, daß sie Frau Neichardt, welche sie verehren undhochschätzen gelernt, zum letzten Mal gesehen.
Täglich gingen Nachrichten aus . . . über das Be-finden seines Sohnes und Enkels bet Herrn Neichardtein, und Vertha Günther beförderte sie stets dorthin,wo sie so sehnlich erwartet wurden. Anfänglich kamensie von Frau Neichardt's Hand und meldeten die Zu-nahme der Krankheit bei Beiden; dann hatte Erstererdie Krisis glücklich überstanden, bei Letzterem jedoch dasFieber zugenommen. Darauf kam eines Tages mit derersten Post ein von dem Schwiegervater geschriebenerBrief; Arthur Neichardt's Zustand besserte sich, derkleine Max aber war in Lebensgefahr und auch FrauNeichardt vom Typhus ergriffen.
Diese Nachrichten, welche die Betheiligten auf'sSchmerzlichste erregt, erfuhr Hedwig durch Marie, dievon Herrn Neichardt und Dr. Günther gebeten wordensie ihr mitzutheilen. Diese zu ungewohnter Stunde beisich eintreten sehend, rief sie, deren ernstes Gesicht ge-wahrend, in höchster Besorgniß:
„Marie, Sie bringen mir gewiß schlimme Nach-richten -"
„Ich habe Ihnen allerdings traurige Mittheilungenzu machen, Hedwig", erwiderte ruhig Marie im vollenBewußtsein dessen, was sie Frau Neichardt in der