Ausgabe 
(14.7.1896) 58
Seite
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Scheidestunde versprochen,und wir dürfen uns nichtverhehlen, daß die Lage der Dinge in . . . sehr ernstist,und sie wiederholte ihr den Inhalt des Briefes, denam Morgen Herr Neichardt erhalten. Hedwig hörte ihrmit steigender Aufregung zu und sagte, als sie allesvernommen, mit bebenden Lippen:

Es wäre ein furchtbarer Schlag für Arthur undElfrtede, wenn sie wirklich ihr ältestes Kind verlierenwüßten. Ich ich glaube cs nicht ertragen zukönnen", und sie drückte ihren neben ihr stehendenKnaben so leidenschaftlich an sich, daß dieser sie er-schrocken ansah.

Dem Menschen wird nur das vom Lenker allerSchicksale auferlegt, was er zu ertragen vermag, Hed-wig", erwiderte mit leisem Nachdruck Marie, und Beidebesprachen dann die erhaltenen traurigen Nachrichten ineingehendster Weise.

Am folgenden Tag hatte sich der Zustand deskleinenMax verschlimmert, wäh-rend sein Vater der Genesungentgegenging, Frau Neichardtaber im heftigen Fieber lag,und am Nachmittag traf schonseine Todesnachricht ein. Hedwigwar bei dieser aufs Schmerz-lichste bewegt, nahm sie aberruhiger auf, als ihr Gatte undHerr Neichardt, der sie ihnenüberbrachte, gedacht. Nur zuManen sagte sie, als diese sieaufsuchte:

Wie kann eS nur die armeElfriede ertragen, ihr Kind vonsich geben zu müssen, um esauf den Kirchhof gebettet zuwissen! Ich glaube, ichwürde an ihrer Stelle auchsterben oder wahnsinnig werden l

Mit dem ihr eigenen mildenErnst suchte Marie sie zu be-ruhigen, was anscheinend ihrauch gelang; sie sah aber ein,daß Frau Reichardt's Befürcht-ungen nicht unbegründet ge-wesen.

Leider folgte in einigen Ta-gen schon Frau Neichardt ihrem Enkel, nachdem die übersie eingegangenen Berichte immer ungünstiger geworden.Die zwar erwartete Nachricht versetzte die Familie undalle ihr Nahestehenden in die größte Trauer, und Hedwig,welche sie wiederum durch Marie erfahren, wies alle Vor-stellungen und jeden Trost der Freundin hartnäckig, ja,fast heftig, zurück.

Einige Tage später fand Frau Reichardt's Beer-digung statt, nachdem am Abend zuvor ihre Leiche an-gekommen, die Arthur Reichardt's Schwiegervater be-gleitete und ihr Gatte und Dr. Günther am Bahnhofin Empfang genommen. Sie ging unter großer Be-theiligung von Verwandten, Freunden und Bekanntenvor sich, und Jeder beklagte den so frühen Tod derallgemein verehrten Frau. Auch Frau Günther undBertha waren ihr zu Grabe gefolgt, Marie aber beiHedwig geblieben. Diese, im höchsten Grade aufgeregt,war sehr leidend und fand einen traurigen Trost darin,

fortwährend von der Verstorbenen zu sprechen, undMarie hörte ihr mit der größten Geduld zu. Wie siewußte, war Dr. Günther seiner Gattin wegen keineswegsbesorgt, sondern der bestimmten Ansicht, daß nur dieletzten Ereignisse ihre Nerven in hohem Grade erregt,sie aber bei Ruhe und Schonung sich bald wieder kräf-tigen würde.

LII.

Das Leben geht auch ohne die geliebten Dahin-geschiedenen weiter, und soviel auch der Mensch geschafft,gewirkt und geleistet, er ist das ist leider einetraurige Wahrheit zu entbehren, seine Stelle wirdersetzt. Dieß galt auch in Bezug auf Frau Neichardt,die anfänglich schwer vermißt wurde und ohne

die die Ihrigen nicht leben zu können glaubten.

Ihr Leben ging indeß in gewohnter Weise weiter,

wenngleich überall täglich von ihr gesprochen ward.Ihr Gatte hatte sich von dem ihn so unerwartet

getroffcmnSchlag erholt,BerthaGünther leitete vollU msicht seinHauswesen, und seine Kinderund Enkel befanden sich wohl,wenn Erstere auch die gehabtenVerluste noch nicht überwunden.Auch Hedwig gewöhnte sich,ihre zweite Mutter zu entbeh-ren, und der kleine Albrechtfragte nur zuweilen nach derGroßmama. Ihre Gesundheitschien die frühere zu sein, dochlebte sie nur für ihre Familieund ihre Haushaltung. Rührigund rüstig wie immer wohnteFrau Günther in ihrer Nähe,Marie Feldheim aber, die un-verändert dieselbe geblieben,wachte über sie und suchte, soweit sie cs zuließ, sie zu er-heitern und zu zerstreuen.

Zu Hedwig's großer Freudeund Genugthuung mehrte sichdie Praxis ihres Gatten, auchunter den Aerzten des Kranken-hauses stand er in hohem An-sehen, und wie stets seine Muttergehofft, war die Zeit nichtfern, die ihn als einen der bedeutendsten Aerzte seinerVaterstadt sehen würde. Die fortwährenden Anstreng-ungen aber schwächten seine Nerven, er bedurfte dringendeiner Erholung, und eines Mittags nach Hause kom-mend, theilte er Hedwig mit, daß er einen vierwöchent-lichen Urlaub genommen und die Zeit mit ihr und denKindern in einer ruhig gelegenen, waldreichen Sommer-frische zu verleben gedenke. Hedwig war darüber sehrerfreut, ein geeigneter Aufenthalt war bald gefunden,und von diesem kehrte körperlich und geistig erfrischt undgekräftigt die Familie zurück. Marie Feldheim hatteunterdeß die Familie Stanfield, die in Baden angekom-men, besucht, doch ließ sie sich, wohl wissend, daßHedwig ihrer bedurfte, zu weiterem Bleiben nicht be-wegen.

Der Winter schon der zweite nach FrauReichardt's Tod verging wiederum Allen in ge-wohnter thätiger Weise, und im Frühling ward zu ihrer

Erzherzog Otto.