O 61.
Ireitag, den 24. Juli
1896.
Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesttzer vr. Max Huttler ).
Arauenherz und Iranenwatten.
Lebensbild von Mary Dobson.
(Fortsetzung.)
XVI.
Dr. Günther's erste Briefs waren angekommen; erschrieb von der kurzen Reise nach Hamburg und seinemdortigen Aufenthalt, hatte feine Ueberfahrt nach New-Uork besorgt und sollte diese am folgenden Abend an-treten.
„Von dieser Reise werde ich hoffentlich als ein an-derer Mann heimkehren, Fräulein Feldheim", schrieb eran Marie, „um meinen Kindern und meiner Mutterdas sein zu können, wozu ich ihnen gegenüber verpflichtetbin. Erstere befinden sich in Ihrer Obhut gewiß sowohl, wie es mein Herz nur wünschen kann. LassenSie mich, ich bitte sie dringend darum, recht viel vonihnen erfahren, auch schreiben Sie mir von meinerMutter, welche beim Abschied sehr erregt war. Dochkonnte ich ihrem Wunsche nicht entsprechen, nicht inder Vaterstadt zu bleiben, wo jeder meinen Verlust undmein Unglück kennt und mich oft genug daran erinnertu. s. w."
Auf diesen Bries antwortete Marie mit dem nächstenSchiff, schrieb in eingehender Weise von dem Wohlbe-finden der Kinder, berichtete auch über seine Familie,so weit sie dieß ohne ihr vorzugreifen konnte, und schloßmit Grüßen und Bestellungen von Ersteren, welche dieseihr in die Feder gegeben.
Mit diesem Brief gingen auch die Briefe vonMutter, Schwester und Schwager ab, welche sämmtlichvon Mariens Lob und Bewunderung voll waren. Auchsprachen Erstere ihm in herzlichster Weise ihre Wünschefür sein Wohlergehen in der neuen Welt aus; HerrReichardt aber, den er zu seinem Bevollmächtigten fürdie Dauer seiner Abwesenheit ernannt, hatte ihm auchgeschäftliche Mitteilungen zu machen.
Der Sommer mit seiner Pracht und Herrlichkeitging wiederum zu Ende, und mit kälteren, wechselvollenTagen trat der Herbst an seinen Platz. Die Kinderkonnten nicht mehr wie sonst draußen spielen und ar-beiten, wenngleich sie so oft wie möglich im Freienwaren. Marie hielt jede Verweichlichung von ihnenferne, wußte sie doch zur Genüge, daß nur schwache,leicht erregbare Nerven HedwigS Unglück nach und nachherbeigeführt. Sie besuchte Frau Günther und Rei-
chardt's oft mit ihnen, und diese waren eben so oft beiihr und mit ihrer Erziehungsweise einverstanden. Auchdie Gräber ihrer Mutter und ihres Bruders suchte siemit ihnen auf, und als es keine Blumen mehr gab, siezu schneiden, wurden Kränze aus Epheu und Immergrüngebunden.
Von Dr. Günther kamen oft Briefe, die meistenan seine Mutter und Marie gerichtet, an. Er war vonNew-Aork nach anderen größeren Städten gereist, über-all von den deutschen Cvnsuln voll Entgegenkommenaufgenommen. Die Wtntermonate gedachte er im Südenzuzubringen, später aber wieder nach den VereinigtenStaaten zurückzukehren. Er verfolgte überall wissen-schaftliche Zwecke und ward von feinen Collegen, welcherNationalität sie auch waren, voll Entgegenkommen dabeigefördert. —
Die Zeit verging, der erste Wiuterschnee fiel aufHedwigs und ihres Kindes Grab, und bedeckte die Kränze,mit denen die Liebe der Ihrigen sie geschmückt. DasWeihnachtsfest ward im Kreise derselben still begangen,und gegen Ende Januar zog in diesem große Sorgeein. Frau Günther hatte sich eine starke Erkältung zu-gezogen, nach welcher ein nervöser, fiebernder Zustandblieb. AIs voll Besorgniß Marie mit dem Arzt, demFreund ihres Sohnes, sprach, erklärte dieser, daß ihr dieTrennung von ihrem Sohne und den Kindern nach-hänge und eine zeitweilige Ortsveränderung für sie er-wünscht sei. Sie bot dazu ihr Haus an, Reichardt'swaren damit einverstanden, und nun galt es, die Zu-stimmung der Kranken zu erlangen. Dieß war indeßnicht so leicht, sie schützte die Mühe und Sorge vor,welche nothwendig sie verursachen würde, und fügte ihrenEinwendungen hinzu:
„Haben Sie denn nicht schon durch die Kindergenug, Fräulein Feldheim?"
„Die Kinder machen mir weder Sorge noch Mühe,Frau Günther", entgegnete voll herzlicher FreundlichkeitMarie, „und auch Sie würden dieß nicht thun, könntenSie sich entschließen, zu mir zu kommen. In steterUnruhe aber würde ich Ihretwegen sein, wüßte ich Sieallein mit dem Mädchen in Ihrer Wohnung!"
„Ich will zu Bertha gehen."
„Bertha hat nicht die Kinder, die Sie aufheiternund zerstreuen werden, und wird Sie oft besuchen." —
Marie drang mit ihren Vorstellungen durch, undschon in den nächsten Tagen bezog Fran Günther ei»