Ausgabe 
(24.7.1896) 61
Seite
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fkenndliches Zimmer im Erdgeschoß ihres Hauses. Sie serholte sich bald in der frischeren, freieren Luft und er-heiterte sich an der Gegenwart der Kinder, die so lebens-froh, kräftig und gesund waren und in Beweisen ihrerLiebe gegen sie nicht ermüdeten. Ost, wenn in derDämmerungsstunde sie auf dem Sopha ruhte und beimSchein der hellen Ofengluth Hugo und Marga anMariens Seite sah, wo sie lebhaft mit ihr plauderten,oder sie ihnen eine ihrer schönen Geschichten erzählte,wenn sie dann an ihren abwesenden Sohn dachte, dessenEemüthsstimmung eine immer ruhigere und lebens-muthigere ward, dann trat wohl das schöne Zukunftsbild,das sie so getreulich festgehalten, deutlicher vor ihreSeele, sie betrachtete es auch schon länger, ihr Herz er-freute sich daran, und mit einem leisen Seufzer pflegtesie dann ebenso oft leise zu sagen:Wie Gott Willi"

Zu Anfang April ward das Osterfest begangen,und mit ihm die Auferstehung der Natur, die Hugo undMarga bald in jedem knospenden Blatt, in jeder sichfärbenden Frühlingsblume entdeckten. Als Carl dieGartenarbeiten vornahm, begannen auch sie die ihrigen,streuten Sämereien aller Art in die verschiedenenBeete und sahen deren Aufkeimen erwartungsvoll entgegen.

Bald nach Ostern kehrte, vollständig hergestellt undgekräftigt, Frau Günther voll Dank gegen Marie in ihreWohnung zurück. Schon in den ersten Tagen fühltesie sich einsam und verlassen, nachdem sie fast drei Mo-nate in der heitersten Umgebung und in der liebevollstenPflege gewesen, doch beschloß sie, dieß Gefühl Nieman-dem, am wenigsten Marien, zu verrathen und auch nieihrem Sohn darüber zu schreiben.

Dieser, welcher den Winter im Süden von Nord-und in Mittel-Amerika verlebt, war, wie er in seinemletzten Briefe angedeutet, im Begriffe die heißen Gegen-den zu verlassen und nach dem Norden znrückzukehren.Er schrieb stets voll hoher Befriedigung über seine Reise,schrieb von seiner gekräftigten Gesundheit, und zu AllerFreude, daß er im Juli oder August heimkehren werde.Von seiner Mutter Kränklichkeit hatte er durch sie selbst er-fahren und Marien herzlich für die ihr erwiesene Liebeund Sorge gedankt.

Im Mai reiste Bertha mit ihrem Gattin nachCarlsbad . Es hatte sich bei ihm ein Leberleiden geltendgemacht, das frühzeitig zu bekämpfen der Arzt gerathen.Bei ihrer Heimkehr im Juni ward ihnen eine freudigeUeberraschung zu Theil, die Frau Günther selbst erstam Morgen erfahren und außer ihr noch Niemandwußte. Der Oberarzt der chirurgischen Abtheilung besKrankenhauses, an dem auch Dr. Günther angestellt ge-wesen, hatte von einer größeren Universität den Rufeines Professors der Chirurgie erhalten und diesen an-genommen, und war nun Dr. Günther an seine Stellevon der Verwaltung des Krankenhauses zum Oberarzternannt. Die Mittheilung machte Frau Günther ihrenKindern, als diese am Nachmittag sie zu besuchen kamen,und als Bertha das versiegelte, officielle Schreiben sah denn die erste Nachricht war ihrer Mutter in ver-traulicher Art durch einen Collegen ihres Sohnes zu-gegangen, und sie wie ihr Gatte hatten ihre großeFreude darüber ausgesprochen fügte sie mit leisemNachdruck hinzu:

Nun beginnen Deine früheren Hoffnungen sich zu«füllen, Mutter, denn Albrecht gelangt zu einem höherenAnsehen in feiner Vaterstadt!^

Möchte ihm dieß nur selbst Freude bereiten",entgegnete bewegt Frau Günther,und er sein neues,schwieriges Amt geistig und körperlich gekräftigt antretenkönnen!"

Das wird er gewiß", versetzte Herr Reichardt,zugleich als Bevollmächtigter seines Schwagers, das amt-liche Schreiben öffnend, während seine Gattin an einenandern stillen langgehegten Wunsch ihrer Mutter dachte,dessen Erfüllung auch sie unbeschreiblich beglücken würde.

Frau Günther sprach nun die bestimmte Ansichtaus, daß auch Marie Feldheim die so wichtige Nachrichterfahren müsse, und eben erklärten Reichardt's, sie ihrüberbringen und sie zugleich begrüßen zu wollen, alsdie Hausthüre geöffnet ward und kleine Füße sich schnelldem Wohnzimmer näherten. Dieß betraten alsbald Hugound Marga mit freudestrahlendem Gesicht und blumen-gefüllten Händen, und Ersterer rief lebhaft:

Großpapa Tante Bertha, wir sind in EuremHause gewesen, und Christine hat uns gesagt, daß Ihrschon angekommen und hier wäret!"

Herr und Frau Reichardt begrüßten die Kinder,wie auch die ihnen folgende Marie, welche sie dagegendaheim willkommen hieß. Dann begäben sich Alle zuFrau Günther, welche voll herzlicher Liebe und Freudeihre Enkel küßte, Marie die Hand zum Gruß reichteund voll freudiger Aufregung ihr die Ernennung ihresSohnes mittheilte. In der ihr eigenen ruhig-freund-lichen Weise wünschte Marie ihr wie auch ihren KindernGlück dazu, und Herr Reichardt bemerkte:

Es ist nur schade- daß Dr. Günther selbst dieNachricht möglicherweise erst nach einigen Wochen er-fährt, denn für den Augenblick wissen wir nicht einmalbestimmt wo er sich aufhält!"

Das kann ich Ihnen sagen", antwortete ebensoruhig Marie,denn ich habe diesen Mittag einen Briefvon ihm gehabt. Dr. Günther wird am 24. ds. Mts.in der Stadt St. John in Neufundland sein, dorteinige Tage bleiben und dann die Reise nach New-Iorkantreten, wo er in dem uns bekannten Hotel wohnenwird!"

In Neufundland?" rief fast erschrocken FrauGünther.Was aber will er da? Müßte er nichtzurückkommen, so ginge er wohl gar nach Grönland undnoch weiter, und wir würden ihn in diesem Jahr kaumwiedersehen!"

Die Anwesenden lächelten über diese Erklärung,und Herr Reichardt sagte:

Ich möchte allerdings auch, er wäre uns näher,oder wir wüßten wenigstens bestimmt, wo er sich diesenAbend oder morgen früh aufhält, denn dann würdeich ihm eine Depesche schicken. Was gedenken Siein Bezug auf eine Antwort zu thun, Fräulein Feld-heim?"

Ich habe, da Dr. Günther dringend Nachrichtvon hier begehrt, gleich heute geantwortet, und da wirerst den achten Juni haben, den Brief nach St. John geschickt", erwiderte Marie.Ein Brief an Sie, FrauGünther", wandte sie sich dann an diese,ist unterwegs,unterdeß aber lesen Sie diesen, der eine längere Reise-beschreibung enthält", und das Schreiben aus der Taschenehmend, übergab sie es ihr.

In der für Dr. Günther so wichtigen Angelegen-heit beschloß sein Schwager sogleich zu schreiben, mitder Aufforderung, ihm nach Empfang des Briefes durch