Ausgabe 
(24.7.1896) 61
Seite
463
 
Einzelbild herunterladen

463

ein Telegramm seine Antwort zu schicken. Sollte dieDepesche nicht kommen, so war anzunehmen, daß er denBrief nicht erhalten, und in dem Fall wollte Herr Nei-chardt nochmals und nach New-Z)ox! schreibe».

XVII.

In Dr. Günther's Wohnung war große, wennauch stille Freude eingekehrt, denn seine Mutter er-wartete ihn daheim, und zwar an einem Abend gegenEnde Juli. Seine Zimmer standen bereit und warenvon den Kindern mit den Blumen ihrer Gärten ge-schmückt; auf dem Schreibtisch, den Bertha wie in frü-heren Zeiten geordnet, lagen bereits für ihn eingegangeneBriefe und amtliche Schreiben, wie auch die neuestenZeitungen, und Hedwig's über demselben hängendesBild war mit einem zarten Kranz von duftende« Grünumrahmt.

Bertha wollte ihren Bruder bei ihrer Mutter er-warten, deren Aufregung mit jeder Minute zunahm, ihrGatte aber seinen Schwager am Bahnhof in Empfangnehmen. Arthur Reichardt hatte ebenfalls kommenwollen, den Gatten seiner verstorbenen Pflegeschwester beidessen Ankunft zu begrüßen, doch war er durch einenothwendige plötzliche Reise seines Schwiegervaters daranverhindert. Hugo und Marga waren nicht nach Hausegekommen. Dr. Günther hatte in seinem letzten Briefaus England bemerkt, sie in Fräulein Feldheim's Obhutzu lassen, welcher er selbst sie anvertraut, wie überhauptam Abend seiner Ankunft in keinerlei Aufregung zuversetzen. Marie, welche durch Frau Günther diese Be-stimmungen ihres Sohnes erfahren, war damit einver-standen und sah seinem Besuch entgegen.

Frau Günther und Bertha schien der Zug längerals sonst mit dem so sehnlich Erwarteten auszubleiben,doch hatte er zur gewohnten Stunde die Stadt berührt,und gegen neun Uhr fuhr auch der Wagen mit denbeiden Schwagern vor. Dr. Günther stieg zuerst ausund schritt schnell dem Hause zu, an dessen Schwelleseine Mutter und Schwester ihn sprachlos und unterThränen begrüßten, während auch seine Augen feuchtglänzten. Dann begaben sie sich inS Wohnzimmer, wo-hin ihnen Herr Reichardt, welcher unterdeß das um-fangreiche Gepäck besorgt, folgte. Hier äußerten sie inlebhafter Weise ihre Freude, gesund und wohlbehaltenwieder vereint zu sein, und voll Stolz betrachtete FrauGünther den stattlichen Sohn, dessen zwar immer nochernstblickende Augen gleichzeitig voll Thatkraft leuchteten,und dessen Gang und Haltung den früheren Lebens-muth und hohes, edles Selbstvertrauen verkündeten.Dann erkundigte er sich eingehend nach dem Befindenseines Schwagers, und als er darüber Auskunft er-halten, fragte er nach Marie Feldheim und seinen Kin-dern. Nur zu gerne und mit freudestrahlenden Augenerzählte seine Mutter von ihnen, und als sie ihremHerzen Genüge gethan, er tiefernst ihr zugehört, hatteBertha das bereitgehaltene Abendessen auftragen lassen.Als die kleine Familie sich zu diesem niederließ, begannDr. Günther von seiner neuen Stellung zu sprechen,deren erste Ankündigung er wirklich in St. John er-halten und sogleich telegraphisch darauf geantwortet, daßer sie annehmen würde. Das Vertrauen und die An-erkennung, welche ihm die Verwaltung des Krankenhausesdadurch bewiesen, erfüllte ihn mit hoher Freude, und ererklärte, sich am folgenden Morgen dorthin begeben zuwollen, um persönlich seine Heimkehr anzuzeigen.

Als in einer späteren Stunde Reichardt'S sich nachHause begaben und auch Mutter und Sohn sich getrennt,betrat Dr. Günther zum ersten Male sein Arbeitszimmer,wo, vor seinen Schreibtisch tretend, er die Lampe ergriffund Hedwig's Bild beleuchtete. Lange betrachtete er dielieblichen, von Glück und Lebensfrohsinn strahlendenZüge seines so früh verstorbenen Weibes, wie diese inden ersten Jahren ihrer Ehe gewesen, dann die Lampezurückstellend, richteten sich seine Augen nochmals aufdas so sinnig geschmückte Bild, nur zu sicher ahnend,wer dieß gethan uud er wandte sich dann mit schmerzlichbewegten Gestchtszügen ab.

Am folgenden Morgen sah Frau Günther nurwenig von ihrem Sohn, der verschiedene Besuche ab-zustatten hatte und längere Zeit im Krankenhause ver-weilte, wo er von seinen früheren Collegen voll Herz-lichkeit begrüßt ward und dem bisherigen Oberarztzusagte, seine neue Stellung schon um die Mitte Augustantreten zu wollen, da dieser zu Anfang September indem neuen Wohnort erwartet ward.

Am Nachmittage eilte er nach dem Feldheim'schenHause, wo Marie, welcher er seinen Besuch hatte meldenlassen, ihn erwartete. Die Kinder, nachdem sie erfahren,daß ihr Vater angekommen, hatten dieß unter lautemJubel im Hause verkündet, bald aber mit gänzlich ver-ändertem Gesicht gesagt:

Wird Papa uns heute mitnehmen, Tante Marie?Laß uns lieber hier bleiben, wo wir Deinen und unsernGarten haben, in dem wir so gern pflanzen und ar-beiten Wögen!"

Ich kann nichts dazu sagen, Kinder", erwidertemit tiefgekühltem Herzen Marie.Ihr müßt jeden-falls thun wie es Papa will.",

Nein, nein, Tante Marie, ich gehe nicht nach derStadt", rief entschieden die kleine Marga und blickteunerschrocken zu ihr auf.Ich will Papa bitten, baßer uns bei Dir läßt, und gewiß wird er eS auch thun",und ihres Sieges gewiß, ergriff sie die Hand ihresBruders und eilte mit ihm ins Freie, während traurigMarie im Gartenzimmer zurückblieb.

Sie blieb aber nicht lange allein, bald ertönte dieGlocke der Hausthür, und als diese geöffnet ward, ver-nahm sie eine bekannte, lange nicht mehr gehörteStimme, welche in sehr freundlicher Weise mit Johannsprach.

Ihr Herz schlug einen Moment heftig, schnell färbtensich ihre Wangen, ebenso schnell aber war die Bewegungwieder verschwunden, und als ein kurzes, scharfes Klopfenden Einlaß Begehrenden meldete, antwortete sie mit ruhigerund sicherer Stimme, und Dr. Günther trat ein. Ihrseine Hand reichend, in die sie die ihrige legte, richtetensich nach der langen Trennung Beider Augeu aufeinander, und ihre Rechte mit einem warmen Druck um-fassend, sagte er mit tiefer, bewegter Stimme:

Da bin ich wieder, Fräulein Feldheim, ein an-derer Mann als ich gegangen

Willkommen in der Heimath, Herr Doktor", ent-gegnete ebenfalls bewegt Marie, den Druck seiner Handerwidernd,und möge Ihnen diese wiederum lieb undtheuer werden!"

Sie ist es immer gewesen, Fräulein Feldheim",versicherte er in demselben Tone,auch als ich unterdem furchtbarsten Geschick zu leiden hatte, und derschwere Schlag ist nun etwas überwunden!"