Ausgabe 
(24.7.1896) 61
Seite
464
 
Einzelbild herunterladen

Sie haben die Ihrigen wohl angetroffen", fuhr,als sie Platz nahmen, Marie fort.

Ja, und auch meine Kinder werde ich gesund undwohl wiedersehen", antwortete Dr. Günther, dessen Ge-stchtszüge sich etwas erheiterten.

Ja, ich hoffe, Sie werden mit meiner Sorge undPflege zufrieden sein", antwortete, zu einem leichterenTon übergehend, Marie.Sollen wir sie im Gartenaufsuchen oder sie rufen lassen, denn Sie werden mitgroßer Sehnsucht von ihnen erwartet!"

Das war nicht erforderlich, denn muntere Kinder-stimmen kamen näher und riefen, ehe sie noch die Thürerreicht:Tante Marie Tante Marie" hieltenaber, vor dieser stehend, mit weitgcöffneten Augen inne,stürzten mit dem Ausruf:Papa! Papa!" zu diesem,der sie in seinen Armen auffing. Sie umschlangen seinenHals mit ihren Armen, während er sprachlos sie wiederund wieder küßte und in Mariens Augen Thränenglänzten. Die Kinder gewannen zuerst die Sprachewieder, und ihre Arme von seinem Hals lösend, ergriffensie seine Hände, sahen ihn mit freudig glänzenden Augenan und sprachen:

Nun bleibst Du doch immer hier, Papa, und gehstnie wieder weg!"

Nein, Kinder, ich bleibe jetzt bei Euch", ant-wortete er, sie voll Vaterliebe und Bewunderung be-trachtend.

Jetzt erschien Dora, welche den Kleinen gefolgt warund auch von ihm mit freundlichen Worten begrüßtward. Dann aber hefteten sich seine Augen wiederumforschend und prüfend auf die Kinder. ES waren die-selben Gesichter und Gestalten, aber gesund, kräftig undlebensfrisch, das eine Jahr hatte sie gänzlich umge-wandelt.

In lebhafter Weise fragten sie ihn jetzt nach seinerReise und Ankunft, und als sie darüber eine ihnenverständliche Auskunft erhalten, erzählten sie ihm vonihrem Garten und fragten, ob er ihn sehen wolle.

Gewiß, Kinder", erwiderte er freundlich und sichzugleich erhebend, während sie mit leuchtenden Augenseine Hände ergriffen und ihn so schnell sie konnten fort-führten, Dora aber Marie bedeutungsvoll anblickte undihnen folgte.

Dr. Günther und seine Kinder, die ihn munterumsprangen, hatten deren Anlage erreicht, auf der esgrünte und in den buntesten Farben blühte, und die ervoll Ucberraschung betrachtete, indeß sie voll Spannungzu ihm aufsahen. Seine Gedanken wandten sich dabeivoll Dankbarkeit Marien zu, die auch dieß zum Bestender Kinder ersonnen, denen aber sein Schweigen zulgnge währte, denn Hugo fragte:

Ist unser Garten nicht sehr schön, Papa?"

Ja, Kinder", erwiderte Dr. Günther schnell underkundigte sich nach allen Pflanzen und Blumen, undBeide wußten ihm genaue Auskunft zu geben, erzähltenihm auch, daß sie von letzteren Kränze gebunden und sieihrer Mama und ihrem Bruder gebracht. Bei dieserErklärung wurden ihre Gesichter ernst; da er sie abernicht in traurige Stimmung versetzt sehen wollte, er-kundigte er sich nach einer größeren, frischgrünen Flächeihres Gartens, und die kleine Marga war im Begriffeingehend zu antworten, doch kam Hugo ihr schnell zu-vor und sagte:

Was da wächst, bekommst Du zum Abendesien,

Papa. Weil Du angekommen bist, dürfen wir heutemit Euch essen und sollen bei Dir sitzen. Gehe nunaber wieder zu Tante Marie, lieber Papa. damit wiralles fertig machen können!"

Dr. Günther blickte seine Kinder lächelnd an, eben-falls lächelnd auf Dora, und ging dann langsam demHause zu, während die Kinder sich an die Arbeit machtenund vorsichtig die größten Pflanzen auszupften. Baldbetrat er das Gartenzimmer, wo voll Spannung Marieihn erwartet hatte, und ihr seine Hände reichend sagteer mit tiefer, bewegter Stimme:

Haben Sie Dank, Fräulein Feldheim, für daswas Sie meinen Kindern gethan und ihnen gewesensind l"

Herr Doktor-" unterbrach ebenfalls bewegt

Marie.

Wie wie vermag ich Ihnen je Ihre Liebe undFürsorge für die kleinen mutterlosen Waisen zu ver-gelten ?"

Herr Doktor", begann die eingetretene Pause unter-brechend Marie mit unsicherer, leicht stockender Stimme,wenn Sie glauben, daß ich nach bestem Wissen undWillen für Ihre mutterlosen Kinder gesorgt, und allenErnstes meinen, deshalb in meiner Schuld zu sein, sogiebt eS ja, ich will Ihnen daS nicht verhehlen, es giebteine Möglichkeit nur ich bediene mich aber nur Ihreseigenen Ausdrucks dieß zu vergelten-"

Was was kann ich thun? Sprechen, o, sprechenSie, Fräulein Feldheim!" rief lebhaft erregt Dr. Güntherund sah sie erwartungsvoll an.

Lassen Sie mir die Kinder, die zu entbehren mirunendlich schwer werden würde", und bei diesen Wortenblickten Mariens Augen ihm voll Spannung entgegen.

Er war in der That überrascht und zögerte einenAugenblick, was ihr nicht entging, dann aber erwiderteer ruhig und entschlossen:

Meine Kinder bleiben Ihrem Wunsche gemäß beiIhnen, Fräulein Feldheim! Ich habe an Hedwig'SGrabe immer wieder gelobt, sie so glücklich wie möglichzu machen, es würde aber kein Glück für sie sein, wollteich sie dem schönen Leben entreißen, welches sie unterIhrem Schutze führen!"

Haben Sie Dank für dieß Versprechen, HerrDoktor", erwiderte voll tiefer Rührung Marie und reichteihm die Hand, die er mit der seinen fest umschloß.

Hier ließen sich die Stimmen der Kinder vernehmen,und als sie nach einigen Sekunden das Zimmer betraten,trug Hugo zierlich geordnet einen Teller voll frtschrotherRadieschen, die er seinem Vater, den er wie auch Margatriumphirend ansahen, mit den Worten reichte:

Die haben wir schon vor langer Zeit für Dichgesäet, Papa"

Dr. Günther nahm den Teller entgegen, und dessenInhalt betrachtend, sagte er voll Herzlichkeit:

Ihr habt mir durch diese Radieschen eine großeFreude gemacht, Kinder, und wir wollen sie diesen Abend,wie Ihr gesagt, essen. Hört nun aber, was ich Euchnoch zu sagen habe. Tante Marie und ich, wir habenüber Euch gesprochen"

Die Kinder sahen ihn fast erschrocken an und dannauf Marie, während er den Teller auf den Tisch stellteund fortfuhr:

Tante Marie hat zu meiner Freude Euch sehrliebgewonnen und will Euch noch länger hier behalten,