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und ich, weil Ihr immer meine guten Kinder gewesenseid, will Euch hier lassen!"
Bald ihn, bald Marie ansehend, hatten die Kinderihm aufmerksam zugehört und jedes seiner Worte ver-standen. Bei den letzien aber kam neues Leben in sie,ihre Augen und Züge strahlten vor Freude, und schnellzu Marien tretend, sagten sie:
„Ist es wahr, Tante Marie? — Bleiben wirbet Dir?"
„Ja, Kinder", erwiderte sie bewegt, und als diesesie dann voll stürmischer Zärtlichkeit umarmten und lieb-kosten, schloß sie sie fest an ihre Brust.
Einen Augenblick blickten Dr. Günther's Augenernst, dann sah er voll Befriedigung auf die schöneGruppe. Den Kindern aber kam bald ein anderer Ge-danke, und von Mariens Schooß kletternd, sprangen siezu ihrem Vater, umarmten auch ihn herzlich, und Hugosagte:
„Wie gut bist Du, Papa, daß Du uns hier lassenwillst! — Wirst Du uns auch oft besuchen?"
„So oft ich kann", erwiderte ruhig sein Vater,„denn ich bekomme jetzt viel Arbeit —"
Er ward durch seiner Mutter und Netchardt's Kom-men unterbrochen, die kaum Marie, ihn und die Kinderbegrüßten, als diese ihnen voll Freude erzählten, daßihr Vater ihnen gesagt, sie würden bet Tante Mariebleiben. Aller überraschte Blicke gewahrend, bestätigteDr. Günther die Worte seiner Kinder, und während siesich erfreut darüber auSsprachen, nahm Frau Günther'sVision — das schöne Zukunftsbild — eine festere Ge-stalt an.
XVIII.
Dr. Günther hatte sein neues Amt angetreten, undkamen seine Collegen wie die leidende Menschheit ihmvertrauensvoll entgegen. Er ward durch letztere mehrnoch als früher in Anspruch genommen, doch der ver-hältnißmäßig noch junge Oberarzt besaß eine große Arbeits-kraft, und war seine Gesundheit durch die Strapazender langen Reise in der neuen Welt gestählt. Seinebedeutenden Kenntnisse, sein scharfer Blick und seinesichere Hand begannen schon ihm Ehre und Ansehen auchüber die Grenzen seiner Vaterstadt hinaus zu bringen.Seine Mutter war stolz auf ihn und alle seine Erfolge,beklagte aber, daß sie so wenig von seiner Person hatte.Oft sah sie ihn während des ganzen Tages kaum längerals beim Mittagessen, da auch Rcichardt'S Ansprüche anseine Gesellschaft machten und er, sobald er eine Stundeerübrigen konnte, zu seinen Kindern ging, bei denen erstets Erheiterung fand. Oft, sehr oft auch lenkte erseine Schritte nach dem stillen Friedhof, wo die Gräberseiner Theuren stets mit frischen Kränzen geschmücktwaren. Wer dieß that, wußte er nur zu gut, denn oftgenug erzählten ihm seine Kinder, daß sie ihre Mamaund ihren Bruder besucht.
So war die Zeit vergangen, der Sommer demHerbste gewichen und diesem der Winter mit seinen kurzenTagen, mit Stürmen, Schnee und Eis gefolgt. Letztererhatte auch das Weihnachtsfest und den Jahreswechsel ge-bracht, die von Günther's, Netchardt's, wie auch MarieFeldheim in stiller Weise begangen worden. In Dr.Günther's und seiner Mutter Lebensweise war keine Ver-änderung eingetreten. Oft fragte sich diese und sprachauch mit ihren Kindern darüber, wie lange sie ihm wohlnoch gefallen würde, da sie seinem Herzen nicht genügen
konnte, nachdem er eine glückliche Häuslichkeit kennengelernt, und als einmal sie die Sache wieder anregte,antwortete ihr Schwiegersohn:
„Sei unbesorgt, Mutter, Albrecht wird nicht immerwie jetzt leben, er muß sich nur erst in seine neueStellung wie alles was sie mitbringt hineingefundenhaben. Ist das geschehen, so macht auch das Herz seineRechte wieder geltend, und das wird nicht vergeblich sein!"
Und es machte sich bereits, wenn auch erst in leiserWeise, geltend. Oft wenn er seine Kinder besuchte, dieihn mit offenen Armen empfingen und mit stürmischenLiebkosungen begrüßten, mit denen er dann in Mariensgroßem, behaglichem Wohnzimmer, wo er sie vor Jahrenkennen gelernt, eine glückliche, schnell entschwundene Stundeverlebte, dabei sich mit Marien unterhielt, die mit klaremVerständniß auf alle seine Mittheilungen, mochten sieKrankenfälle oder seine amerikanische Reise, auf die erso gern zurückkam, betreffen, einzugehen wußte, wenn erdann im Dunkeln durch Sturm, Regen und Schnee denRückweg unternahm, auf diesem deS traulichen, glück-lichen Heims seiner Kinder gedachte, dann kam ihm wohldas Gefühl, daß sein jetziges Dasein aller Freude ent-behre, welche er zu Hedwig's Lebzeiten gekannt, und inletzter Zeit regte sich auch in feinem Herzen der Wunsch,solcher Lebensfreuden wiederum theilhaftig zu werden,wenn er auch noch nicht weiter überdachte, wie diesertheilhaftig zu werden sei.
Spät an einem Nachmittag, als wiederum er Marieund die Kinder verlassen, ging er von ihnen zu einereinen ernsten Fall betreffenden Consultation. Nach vor-genommener Untersuchung fand er diesen weniger gefähr-lich und konnte dem Kranken die Versicherung geben,ihm durch eine Operation den Arm zu erhalten, undsollte diese am folgenden Tage im Krankenhause ausge-führt werden. Der Patient war ein unbemittelter Ar-beiter und daher seine wie seiner Frau Freude über diegünstige Aussicht groß.
In seinen Gedanken mit dem Fall beschäftigt, vondem er bedauerte, ihn nicht früher erfahren zu haben,um leichter helfen zu können, erreichte er seine Wohnung,wo er zuerst seine Mutter aufsuchte, die er an demTage nur bei dem verspäteten, eilig eingenommenen Mit-tagessen gesehen. Zu seinem nicht geringen Schreckenfand er sie bleich und angegriffen auf dem Sopha lie-gend, allein, ohne jegliche sorgende, liebevolle Pflege.Sich schnell nach ihrem Befinden erkundigend, erkannteer einen leichtnervösen, fieberhaften Zustand, der indeßbald gehoben werden mußte, wenn er bei ihrem Alternicht schwächend nachwirken sollte. Dieser Zustand abermußte schon länger gewährt haben, und er machte sichVorwürfe, daß er ihn nicht früher beachtet, wie seinerMutter leise Vorstellungen, daß sie nicht mit ihm darübergesprochen, und fügte schließlich nachdrücklicher, als ervielleicht wollte, hinzu:
„Du mußt Hülfe haben, Mutter, junge, kräftigeHilfe! — Wir wollen eine tüchtige Haushälterin an-nehmen, die Dir zugleich Gesellschafterin sein kann!"
„Nicht doch, mein Sohn", beruhigte ihn FrauGünther, und ihre matten Augen blickten ihn liebevollan, „eine fremde Person würde hier wenig nützen, ichaber werde nach einigen Tagen der Ruhe wieder herge-stellt sein."
. „Warum hast Du nicht zu Bertha geschickt, die doch