Ausgabe 
(24.7.1896) 61
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gewiß gekommen sein würdet fragte in hohem Gradeverstimmt ihr Sohn.

Du vergißt, daß Werth« einen Mann hat, derfast in meinem Alter steht, seit einiger Zeit kränkelt undebenfalls ihrer Pflege und Sorge bedarf!", erwiderteseine Mutter mit merklichem Nachdruck.

(Fortsetzung folgt.)

Polnische Bauern.

Von Professor Dr. Guglielmo Ferrero .

Wenige Länder sind für den Europäer des Westensso interessant und merkwürdig wie Russisch-Polen, d. h.jener Theil Polens , in welchem die alte Civilisation undder alte Geist der Nation noch lebendig sind; vielleichteben darum, weil eine Regierung mit den ganzen ihr zuGebote stehenden unbarmherzigen Zwangsmitteln dahingearbeitet hat, diese Civilisation und diesen Geist zu er-sticken. Für uns, namentlich für alle Jene, die in Gegen-den aufgewachsen sind, welchen das Stadtleben Civilisationund das Landleben Unwissenheit bedeutet, macht es einensonderbaren Eindruck, ein Volk zu sehen, das nahezuohne Städte lebt, zerstreut über unendliche Ebenen, ohnedaß diese Zerstreuung die ausgleichende Macht der Er-gebnisse der Civilisation verringerte.

Die einzige große Stadt von Russisch-Polen istWarschau , dessen Bevölkerung überdies nur zum Theileaus Polen zusammengesetzt ist; die Mehrzahl der Be-wohner sind Russen, Deutsche und Juden. Die anderensogen. Städte, wie Grodno, Lomza, Petrikau , sind fastausschließlich von Juden bewohnt und gleichen weit eherDörfern zweiter Ordnung, als wirklichen Städten. DieHäuser sind fast alle aus Holz, die Straßen schlecht ge-pflastert, schmutzig und von Bächen durchfurcht; die Gast-höfe sind miserabel, häßlich und ärmlich die Kaufläden.Das Einzige, was an die großen Städte gemahnt, sinddie hohen Preise, die leider! des civilisirtestenVolkes würdig wären. Man möchte meinen, daß manDörfer vor sich habe, die zu Städten werden wollen,aber nicht können, abscheuliche Mißgeburten, die dempolnischen Edelmann verhaßt sind und die dieser denarmen Juden überläßt, während er sich selbst in das aufseinen Gütern erbaute Haus zurückzieht.

Das ist das wahre Heim des Polen , die eigentlicheursprüngliche Schöpfung der polnischen Civilisation. Aufje 8 oder 10 Kilometer Entfernung, inmitten einer Be-sitzung, erhebt sich ein schönes, gemauertes Haus, der Sitzdes Eigenthümers der Ländereicn; in geringer Entfernungdavon befindet sich das Dorf, ein Haufe erbärmlicherHolzhütten, in denen die Bauern wohnen. In jenenwohnt die Blüthe der gebildeten Classen Polens , in diesendie Masse der elenden Bauern; die Einen und die An-deren führen zusammen ein merkwürdiges und eigenthüm-liches Leben; sie haben Beziehungen zu einander, wieman sie nirgends sonst antrifft.

Der erste Eindruck, den man erhält, ist der, daßman fast immer noch die Nähe der Knechtschaft fühlt.Die Leibeigenschaft wurde in Russisch-Polen erst im Jahre1863 abgeschafft; sie liegt aber auch heute, nach drei-unddreißig Jahren, noch in der Luft, erfüllt von ihrenverschiedenen Einflüssen. Die Vergangenheit ist nochgegenwärtig in den Gedanken, in den Gefühlen, in denGebräuchen, während die neue Lage der Dinge nur

langsam in die Bevölkerung eindringt und die Gesell-schaft inmitten schmerzlicher Widerwärtigkeiten einer Um-'Wandlung unterwirft. Viele Häuser, welche ehemalsKnechte beherbergten, sind nun von kleinen unabhängigenBesitzern bewohnt; aber die Gewohnheiten der Unter-werfung find noch nicht ganz verschwunden. Der ehe-malige Knecht oder dessen Sohn grüßt noch den ehe-maligen Herrn und küßt ihm ehrerbietig die Hand, wenner ihm begegnet. In allen Angelegenheiten jeder Art,besonders aber in jenen, welche in Beziehung zu derrussischen Verwaltung stehen, wendet sich der Bauer stetsum Aufklärung und Rath an den Gutsherrn. Ja, derehemalige Herr wird sogar allenthalben als eine ArtVorsehung angesehen, so daß er oft gezwungen ist, seinenehemaligen Knechten gegenüber als Arzt und Apothekerzu wirken. Diese kleinen, ärmlichen Dörfer besitzenweder Arzt noch Apotheke, und der Arzt sowohl als dieMedicamente müßten aus der zunächstliegenden Stadtgeholt werden, die aber in den meisten Fällen sehr weitentfernt ist. Der Bauer regt sich deßhalb aber nicht auf,und er findet Mittel und Wege, die Ausgaben für denArzt und die Medicinen zu ersparen. Wenn er sich un-wohl fühlt, geht er zu seinem ehemaligen Herrn, theiltihm seine Schmerzen und Leiden mit und verlangt vonihm irgend ein Heilmittel; und derjenige Gutsherr, wel-cher sich weigern würde, die Krankheit zu bestimmen unddas Medicament zu verschreiben, würde als ein harterund unmenschlicher Mann betrachtet werden. Die Familimder polnischen Edelleute müssen darum stets mit einerkleinen, wohl assortirten Apotheke versehen sein, und einesihrer Mitglieder muß mit den Lehren der Heilkundewenigstens oberflächlich bekannt sein und die gangbarstenchirurgischen Operationen auszuführen verstehen, wie zumBeispiel Abscesse schneiden, Wunden auswaschen undZähne ziehen; im entgegengesetzten Falle würde der ehe-malige Knecht sehr bald jeden Rest von Ehrfurcht fürden einstigen Herrn verlieren, der so unwissend undegoistisch ist, daß er nicht einmal seine Leiden zu heile»im Stande ist.

Dieser Respect gegenüber dem ehemaligen Herrn istwohl zum Theile Tradition, zum Theile aber auch Hypo-kcisie des Bauern, der jahrelang unterdrückt gewesen warund der sich eine Art Genugthuung zu schaffen trachtet,indem er seinen einstigen Herrn nunmehr auszubeutensucht; denn die Befreiung an sich und die Art undWeise, wie diese durchgeführt wurde, trug selbst dazubei, in dem früheren Paria die Instinkte des Eigenthumsin der schärfsten Form wachzurufen und einen heimlichenAntagonismus zwischen Herrn und Knecht zu begründen.Das kaiserliche Decret der Befreiung aus der Knechtschaftbestimmte, daß die befreiten Leibeigenen als freie Bürgerdie Rechte bewahren sollten, die sie als Knechte ihresHerrn besessen hatten, ohne die Pflichten erfüllen zumüssen, die ihnen in diesem Falle durch ihre freie Stel-lung auferlegt wären. So behielt der Bauer, welcherals Knecht die Nutznießung eines Stückchens Boden ge-habt hatte, unter der Bedingung, seinem Herrn zudienen, diesen Boden als unabhängiger Eigenthümer;die Knechte, welche das Recht gehabt hatten, Holz ausden Wäldern zu nehmen, behielten dieses Recht, ohnedeßhalb die Dienste versehen zu müssen, zu denen siefrüher gezwungen gewesen waren. So geschah es, daßdie Rechte der Knechte und Herren sehr bald miteinanderverwechselt wurden, weil sie nicht, wie dies hätte sein