sollen, durch deutlich redigirte und unwiderlegbare Docu-mentc bestimmt worden waren. Die Herren waren auf-gebracht über die Befreiung und nicht geneigt, weitgehendeConcessionen zu machen, was zu Reibungen und tief-gehenden Zwistigkeiten zwischen beiden Theilen führte,während welcher der befreite Knecht damit begann, seinePersonalität als freier Mann zu behaupten durch myste-riöse Feucrsbrünste, die in den Wäldern des Herrn aus-brachen, oder durch Flintenschüsse, die des Abends hinterden Büschen abgefeuert wurden.
Diese Conflicte mußten natürlich dazu beitragen,im Knechte das Gefühl des neuerworbenen Besitzthumszuzuspitzen. Und so wurde der ehemalige Knecht voneiner immer wachsenden, maßlosen, fanatischen Leidenschaftfür den Grund und Boden ergriffen, die einen heimlichen,heftigen, zähen und siegreichen Kampf gegen den einstigenHerrn zur Folge hatte, um diesen aller seiner Besitzungenzu berauben. Und während in allen anderen LändernEuropas der kleine Besitz von dem großen verschlungenwird, wird in Russisch-Polen der Großgrundbesitz zer-splittert, und die Bruchstücke fallen in die Gewalt derehemaligen Knechte, die nach so langer Fastenzeit hungrigüber Grund und Boden herfallen. Sie arbeiten gleich denTermiten: eine riesenhafte Eiche scheint sicher und kräftigauf ihren Wurzeln emporzuwachsen; aber Millionen vonAmeisen sind in die Fiber des Holzes eingedrungen undhaben jahrelang gewühlt und genagt, bis eines Tagesder stolze Niese in Splitter zerfällt.
Der Bauer führt diesen Angriff auf das Eigenthumdes einstigen Herrn auf alle mögliche Weise, vor Allemaber durch die Versuche gewaltsamer Ucbcrgriffe. „Sosicher wie in jedem Jahre im April der Schnee schmilzt,"sagte mir ein polnischer Gutsbesitzer lachend, „so sicherwird jeder kleine unabhängige Eigenthümer, wenn dieZeit herankommt, da man die Felder Pflügt, seinen Ackerum einen Meter, einen Fuß, eine Hand breit auf dasangrenzende Gebiet des Gutsherrn auszubreiten trachten,und er wird nicht müde werden, diesen Versuch der Usur-pation Jahr für Jahr zu wiederholen. Seine Geduldist geradezu erstaunlich; und wenn wir nicht jedes Jahrgenau Acht geben würden, um diese gewaltsamen Ueber-griffe zu verhindern, dann wären wir gar bald von diesenHeuschreckenschwärmen des Großgrundbesitzes zu Grundegerichtet. Im Uebrigen vermag hier keine Ermahnung,keine Bestrafung auch nur im Geringsten bessernd zuwirken." — Ja, der Bauer glaubt wgar ein Recht zuhaben, sich auf diese Weise die Güter seines ehemaligenHerrn anzueignen, nachdem er Jahrhunderte hindurchunter dem Joche für ihn gearbeitet hat, und er betrachtetdie Macht des Gesetzes, welche ihn an den eben geschil-derten Uebergriffen hindert, als eine ungeheure Unge-rechtigkeit, die auf ihn ausgeübt wird, weil er arm undschwach ist. Deßhalb lautet der größte Schimpfname,dessen sich der polnische Bauer bedient, um einen Gegnerheftig zu beleidigen: „Geometer!" Der Geometer, dermit seinen teuflischen Instrumenten im Stande ist, inden Schollen der Erde zu lesen und, ohne zu irren, aufeinen Zoll genau festzustellen, wem ein bestimmtes Stück-chen Feld gehört, ist in seinen Augen das verächtlichsteund hassenswertheste Geschöpf der Welt. Der Geometerist in Polen beim Volke noch weit mehr verhaßt und^verachtet, als bei uns etwa der Scharfrichter.
— "/Die Geduld und die Ausdauer des polnischen Bauers'im Kampfe Men den, Gutsherr« itz^eine, so ungeheuer
große, daß er, wenn es ihm nicht gelingt, durch Usur<pationen seinen Besitz auszudehnen, Alles ins Werk setzt,um dies auf gesetzmäßigem Wege zu thun. Gelingt ihmder Raub nicht, so muß ihm der Kauf gelingen! Diepolnischen Edelleute sind in einer rapiden Dccadenz be-griffen. Ihre einstigen Reichthümer schwinden rasch da-hin; der Ertrag von Grund und Boden ist in Polen ungeheuer gesunken, zum Theil in Folge der Werthvcr-minderung der landwirthschaftlichen Erzeugnisse, besondersdes Getreides; andererseits in Folge der schweren Ab-gaben, die darauf lasten, insbesondere nach den den Polen auferlegten Kriegssteuern nach der Revolution vorn Jahre1864. Und die polnischen Edelleute, die seit Jahr-hunderten gewohnt sind, ihre Landhäuser mit dem ganzenComfort ausgestattet zu sehen, der ihnen ein angenehmes,Vergnügungsreiches Leben ermöglicht, unterbrochen vonwenig Arbeit und erheitert durch schöngeistige Beschäftig-ungen, haben ihr kostspieliges und glänzendes Leben derglücklichen alten Zeiten auch später noch fortgesetzt, alsihre finanziellen Verhältnisse nicht mehr so gute waren.Einige von ihnen, die vorsichtiger waren als die Anderen,haben sich der Entwickelung den landwirthschaftlichenIndustrien gewidmet, besonders der Bereitung des Bieresund der alkoholischen Getränke. Die Meisten aber, welchedie Ausübung der bürgerlichen Handclsgcwerbe unter ihrerWürde fanden, fuhren gedankenlos fort, das kostspieligeLeben zu führen und sich mit Schulden zu überhäufen,und so kam für Alle früher oder später der Tag desZusammenbruches heran. Da sie ihre Schulden nichtmehr zahlen können, sind sie gezwungen, ihre Felder zuverkaufen und die väterlichen Güter zu veräußern, umdie Wucherer zu befriedigen, mit deren Geldern sie langeZeit hindurch so sorglos und glänzend gelebt hatten.
Und da kommen nun die ehemaligen Knechte heranund suchen das Wrack zusammen, das aus dem Schiff-bruch der reichen Herren zu retten ist. Die Ländereiender Herren sind im Allgemeinen sehr ausgedehnt und inFolge dessen zu groß für die ökonomische Stärke desarmen Bauers. Um die große Schwierigkeit zu über-winden, nehmen die polnischen Bauern Zuflucht zu einemSystem, das wohl einzig ist in dieser Welt: sie vereinigensich zu einer zeitweiligen Gesellschaft, kaufen gemeinschaft-lich das Stück Land und vertheilen es untereinander inGemäßheit der eingezahlten Quoten. Trotzdem bleibt es immersehr räthselhast, wie es möglich ist, daß die kleinen BauernGeldsummen, seien sie auch verhältnißmäßig noch so ge-ring, aufzutreiben im Stande sind, um Ländereien an-zukaufen. Die Felder Polens sind im Allgemeinen nichtfruchtbar, die landwirthschaftlichen Produkte haben nurgeringen Werth, die Bauern besitzen zum größten TheileFelder von geringer Ausdehnung und sind den Diebereiender russischen Staatsbeamten ausgesetzt, die oft aus derenUnkenntni ß der russischen Sprache Nutzen ziehen, um siezur Bezahlung höherer Steuern zu zwingen, und endlichhaben sie Alle zumeist zahlreiche Familie. Und trotzalledem ersparen sie noch Geld, um sich neue Felder znkaufen. Wovon nähren sie sich? Wie leben sie? EinPhysiologe wäre vielleicht um eine Antwort auf dieseFragen verlegen. Sie leben nur, um neue Felder zuerwerben; sie concentriren ihre ganzen Geistes- und Willens-kräfte in dieser höchsten Leidenschaft und finden Mittel,um das außerordentliche Wunder zu verwirklichen, daßsie, die elenden, erbärmlichen Bauern, die Güter derfallitm Großgrundbesitzer anzukaufen vermögen. Sie