Ausgabe 
(28.7.1896) 62
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unsere Heimathspflanzen übertragen zu dürfen. Auchhier müssen Zeit und Erfahrung den Lehrmeister machen,was ohne Aufwand an Arbeit, Zeit und Geld natürlichnicht abgehen wird. Jedenfalls sind wir aber überzeugt,daß gewisse Parfums sich in unserem deutschen Vater-lande ebenso gut und auch in beliebiger Menge und nichttheurer werden herstellen lassen wie im Süden, in Italien und Frankreich , wodurch selbstverständlich unsere ganzeParfumfabrikation dem Auslande gegenüber wesentlichan Selbstständigkeit und Konkurrenzfähigkeit gewiunenwürde, ganz abgesehen davon, daß die heute nach Italien ,Frankreich, der Türkei u. s. w. wandernden Geldsummenden nationalen Wohlstand erhalten helfen und zum großenTheile unserer arbeitenden Bevölkerung zu Gute kommenwürden.

Ebenso unterliegt es keinem Zweifel, daß unsereParfumfabriken genau ebenso gut die verschiedenen Par-fumpomaden aus den von ihnen selbst cultivirten Blumendarstellen könnten wie die Fabriken an der Riviera undin Südfrankreich , und dabei hätten sie außerdem nochdie Bürgschaft, wirklich unverfälschte, reine Waare zuerhalten, was gerade bei der aus dem Auslande bezogenenHandelswaare inFolge der schwie-rigen Controledurchaus nichtimmer derFall ist.

Um nun denLesern eine ge-naue Vorstellungdavon zu ver-schaffen, in welcherWeise die Gewin-nung der aroma-tischen Stoffe inden Parfumerie-Fabriken Italiens und Frankreichs vor sich geht,wollen wir imFolgenden mit ihmeinen Gang durch eine solche in dem französischen Orte Grasse antreten, auf dem er uns freundlichst be-gleiten mag.

Das bei Cannes im Departement der Seealpengelegene, sonst wohl kaum bekannte Städtchen Grasse liegt an der so überaus herrlichen Riviera, 3 Meilenvom Meere entfernt, am Südabhange eines Ausläufersder oben genannten Alpenkette. Historisch merkwürdigist dieser Gebirgsausläufer durch die Revue, die Napoleon 1 .hier nach seiner Rückkehr von Elba im Jahre 1815 ausdem Plateau desselben hielt. Zwei hochragende dunklePinien bezeichnen noch heute diesen denkwürdigen Platz.Durch diesen Bergzug wird der kalte Nordwind voll-ständig von dem Thale abgehalten, das in seiner Tiefedas von Olivenbäumen, Orangehaiuen und Blumenfeldernrings umgebene, etwa 14,000 Seelen zählende StädtchenGrasse birgt. Nur nach Süden öffnet sich die Gebirgs-einsenkung, und so hat hier die Natur selbst ein groß-artiges Treibhaus eingerichtet, und mit viel größeremRechte als die blühende Touraine kann die Umgebungvon Grasse auf den Namen einesGartens Frankreichs"Anspruch erheben. Besonders in dem durchsichtigen,leuchtenden Mondschein, wie er den Nächten des Südens

fast ausschließlich eigen ist, scheint diese Landschaft mitihren sanft im Seewinde ihr stolzes Haupt wiegendenPalmen, den Myriaden von Glühwürmchen, die' wiegoldene Pünktchen die bunten Riesenteppiche der weitausgedehnten Blumenfelder durchwirken, dem fernehertönenden schmelzenden Gesänge der Nachtigall uns in einfernes Feenland zu versetzen.

So poetisch dieser Anblick jedes Gemüth stimmenmag, ebenso nüchtern und abstoßend muß der Besuchder Stadt selbst auf uns einwirken. Ganz Grasse scheintdurch sein Aeußeres und ebenso durch sein Inneres, hiervielleicht in noch höherem Grade als dort, es geradezudarauf angelegt zu haben, uns aus jenen Träumen voneinem Feenlande energisch herauszureißen, und unter denan und für sich schon nicht im Rufe der Sauberkeitstehenden südlichen Städtchen behauptet Grasse unbestritten> einen der wenig beneidenswerthen ersten Plätze. Dasganze Städtchen besteht nur aus einem Durcheinander vonschmutzigen, übel riechenden Gäßchen, Höschen, Treppenund Durchgängen, wie selbst die verwegenste Phantasiees sich unheimlicher und abstoßender nicht ausmalen kann.Wären nicht die freundlichen, heiteren und zuvorkommen-den Einwohner da,so könnte man fastauf die Vermuth-ung kommen, daßdieses Städtchender liebe Herrgottin seinem Zornegeschaffen habe,und wenn mandann bedenkt, daßhier die später alleWelt mit ihrementzückendenDusteerquickendenWohlgerücheihrenUrsprung nehmen,so kann man wohlmit vollster Ueber-zeugung den Satz

unterschreiben: Die Extreme berühren sich.

Neben Grasse wird die Blumeucultur im Großennoch in den Umgebungen von Cannes, Nizza und Nimes getrieben, und wenn auch nur 7 Blumen hauptsächlichim Großen gezüchtet werden, so hat doch jede derselben,je nach der Bodenbeschaffeuheit der Umgebung dieserStädtchen, ihren besonderen Verbreitungsbezirk, wo die-selbe in untadelhafter Qualität und als Specialität gebautwird. L-o erzeugt Grasse hauptsächliche Akazien-, Jasmin-und Orangenblüthen, Rosen und Tuberosen, NizzaVeilchen und Reseda, die besser auf etwas gebirgigerHöhe gedeihen, während der Anbau von Thymian, Ros-marin und anderen gewürzigen Kräutern sich auf dieUmgebung von Nimes conceutrirt. Nebenbei sei nochbemerkt, daß Citronen-, Bergamotte- und Orangen-Oelaus Süditalien, Lavendel- und Pfefferminzöl aus Eng-land bezogen werden, während das kostbare Rosenöl,meistens aber schon verfälscht, der Orient und die euro-päische Türkei liefern. Auf die mit der Gewinnungvon Rosenöl in Deutschland gemachten Versuche wurdeschon oben hingewiesen.

(Schluß folgt.)

Das Armeemuseum.