Ausgabe 
(31.7.1896) 63
Seite
479
 
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Laß Mich gehen, Jnez, eS kann nicht sein. Duweißt nicht, was Du verlangst."

Sie weicht zurück.

Kann nicht sein?" wiederholte sie.

Nie, nie! Ich bin, was Du mich genannt, einVerräther und Feigling. Als Meineidiger stehe ich vorGott , meiner Mutter und Dir. ES kann nicht sein, ichbin schon vermählt."

DaS furchtbare Wort ist gesprochen, sie scheint esnicht zu fassen. Alles bleibt todtenstill, nichts als desSturmes Wüthen, des Regens Prasseln, des FeuersKnistern macht sich hörbar.

Ich bitte Dtch nicht um Vergebung", fährt er nacheiner Pause fort,es ist Alles vorbei. Ich traf undliebte sie. Seit sechzehn Monaten ist sie mein Weib, undich habe einen Sohn. Sieh mich nicht so an, Jnez, ichbin ein Schurke, aber"

Ueberwältigt von ihre« Anblick, bricht er zusammen.Wie lange die folgende Pause dauerte er wußte eSnicht. Er sah, wie sie zum Bilde seiner Mutter sichwandte und die seltsamen Worte sprach:

Er schwur an Deinem Todtenbette, sieh, wie erseine Eide hält!"

Ohne eine Silbe an Sir Victor zu richten, wendetsie sich zur Thüre. Auf der Schwelle blickt sie um.

Ein Weib und einen Sohn", sprach sie deutlichund langsam,bringe sie heim, Victor, ich werde michfreuen, sie zu sehen."

2. Kapitel.

Gattin und Erbe.

In eine« eleganten Hause, nahe dem Russe! Square,erwartet eine junge Dame ungeduldig Sir ChateronSRückkehr. Es ist ein sonniger Tag, aber selbst derSonne lichte Strahlen vermögen in ihrem Antlitz keineMakel zu entdecken. Sie ist anmuthig mit dem goldenenHaar, den azurblauen Augen, dem feinen Gestchtchen.Die zierliche Gestalt mag wohl in zwanzig Jahren einedicke, behäbige, englische Matrone sein, jetzt aber ist sieso tadellos wie ihr Anzug. Ein weißes, mit prächtigenSpitzen geschmücktes Kleid umgibt sie wie eine Wolke,den Hals ziert ein Perlenband, die Finger find juwelen-gepanzert, das lose Haar hält ein blaues Band zusam-men. Wenn je ein Aristokrat Entschuldigung hatte fürdie Thorheit einer Mißheirath, war dies bei Sir VictorChateron der Fall, eS war aber auch eine großartigeMißheirath.

Vor sechzehn Monaten promentrte er am Strand,sein Auge fiel auf das blonde Antlitz im wallenden Haar,und sein Schicksal war auf ewig besiegelt, seinem Ge-dächtniß entschwand die dunkle Jnez auf immer. Derblendenden Grazie irdischer Name war Margaretha Dobb.DaS allein mochte den glühendsten aristokratischen Ver-ehrer abkühlen, an Sir Victor ging eS spurlos vorüber.

Der junge Mann war excentrisch, selbstsüchtig undunbeständig, Wunsch und Erfüllung waren bei ihm un-zertrennlich. Von der Wiege an hatte die Mutter ihnverzogen, später verdarben ihn willfährige Diener undJnez' grenzenlose Liebe. Wie im Trau« ließ er sichdem Mädchen vorstellen. Man sagte ihm, sie sei eineswohlbestallten Londoner Seifensieders einzige Tochter, eraber träumte fort. Ihres Vaters Werkstätte war ineinem der häßlichen Stadttheile, sie aber batte so vielnatürlichen Stolz und Selbstachtung, als flösse blaues

Blut in ihren Adern. Acht Tage später warb er umsie und ward angenommen. Wie sollte auch einerSeifensieders Tochter einen Baron abweisen? Dennochschwindelte er vor Furcht, als sie ob seiner Worte er-bleichte. Sollte nicht jedes Mädchen bei solcher Frageerröthen? Aber sie beseligte ihn mit ihre« Jawort, unddie Freude der Scifenstederfamilie spottete jeder Be-schreibung. Sie verbeugten sich buchstäblich vor ihm,der biedere Londoner Bürger und sein behäbiges Weibverehrten den Boden, den er betreten, mißachteten ihreMitbürger und trugen die Nase höher denn je.

In sechs Wochen war Miß Dobb Lady Chateron.Die Trauung war still und geheim, nur die Eltern derBraut und zwei Zeugen waren zugegen. Er liebte dieVerlobte rasend, schämte sich aber doch ihrer Familie undfürchtete Jnez. Dem ehrbaren Seifensieder genügte, daßdie Ehe rechtsgültig sei, seine Tochter eine vornehme Dameund er selbst der Großvater künftiger Barone. Die Brautsagte in ihrer Schüchternheit wenig, sie liebte den glän-zenden aristokratischen Verlobten und war froh, noch nichtin den Glanz des neuen Lebens zu kommen. Er nahmsie mit in die Schweiz, nach Deutschland und Frankreich ,vermied mit andern Reisenden in Berührung zu kommen,und eS folgten zehn Monate namenlosen Glückes. Der Ge-danke an Jnez war der einzige bittere Tropfen in seinemWonnebecher. Gefürchtet hatte er sie sein Leben lang,jetzt war sie ihm unheimlich.

Sie kehrten zurück.

In Nussel Square erwarteten sie häusliche Gemächerund sie führten ein behagliches Stillleben und empfingenaußer dem Hauptmann Croll keine Besuche. Vier Mo-nate später wurde ein Sohn geboren. Als Lady Cha-teron das Kind betrachtete, begann sie zu überlegen.Amme und Gatte sind Antagonisten, und da Ersterezur Zeit alles beherrschte, wurde Letzterer verbannt.

Und Lady Chateron wurde unwillig, daß der Erbevon Chateron RoyalS in London das Licht der Welt er-blicken, daß sie selbst wie eine Nonne in klösterlicher Zu-rückgezogenheit leben sollte.

Du hast keine Verwandten, als Deine Cousine-,sprach sie kühl,bist Du Herr im Haus oder sie? FurchtestDu die Dame, die so lange Briefe schreibt, welche ichnicht lesen darf, wagst Du Deine Frau nicht in DeinHauS zu führen?«

Er hatte etwas von der Geschichte seiner Verlobungmit seiner Cousine Jnez gesagt, nur nicht die nackteWahrheit von seinem häßlichen Verrath. Des Seifen-sieders Tochter hatte mehr Seelenadel als der Baron.Wäre ihr die Wahrheit bekannt gewesen, sie hätte ihngründlich verachtet.

Das Geheimniß währte lange genug«, sagte LadyChateron entschlossen,ich will wissen, ob Du Dichmeiner schämst, oder sie fürchtest. Bringe mich heim undanerkenne Deinen Sohn.«

Du hast Recht", entgegnete Sir Victor kleinlaut,und ich werde Euch nach Chateron RoyalS bringe»,sobald Du reisen kannst."

Drei Wochen später kam der Brief, der seine Rück-kehr befahl. Die Stunde war gekommen. Entschlösse»reiste Sir Victor mit dem nächsten Zuge ab, um demgefürchteten und gekränkten Weibe zu begegne».

* *

Des Nachmittags Sonne sinkt. Wenn Sir Victorheute zurückkehrt, muß er in wenigen Minute» kommen.