Ausgabe 
(31.7.1896) 63
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thümliches bieten. Die Ernte beginnt im März mit demVeilchen, dann folgen die Rosen- und Orangenblüthenim Mai und Juni, denen sich Jasmin, Tuberosen undJonyuillcn im Juli, August und September anschließenund ganz spät im Oktober noch die Cassiablüthe sich zu-gesellt. Um nun die ätherischen Oele, die eben die Trägerdes Wohlgeruchs sind, den frisch gepflückten Blüthen zuentziehen, ist man auf die Verwendung eines sehr prosa-ischen Mittels angewiesen, nämlich des Schweinefettes,das bisher durch kein pflanzliches Oel oder Fett genügendhat ersetzt werden können. Ohne dasselbe wäre es nachdem heutigen Stande der Parfumerie-Kunst und derChemie ganz unmöglich, den zarten Duft des Veilchensoder Jasmins zu conserbiren, da Oele sich zum Extra-hiren nicht eignen. Gerade von der untadelhaften Rein-heit dieses Fettes hängt nun aber das Gelingen desganzen weiteren Extractions-Processes ab, und daherwird dasselbe auch auf das Sorgsamste untersucht undzubereitet.

In den letzten Wochen des Jahres bringen dieHändler aus den Bergen herunter die pannss (Bauch-fett) frisch geschlachteter Schweine, und jede Fabrik kauftdavon nach Bedarf; die kleineren begnügen sich miteinigen Hundert Kilo, die großen dagegen nehmen wohl20,000 Kilo und mehr. Nach genauer Besichtigungder erhaltenen Waare wandern diese panuss in eineMaschine, welche sie in ganz kleine Stücke zerschneidet.Von da kommt das Fett in große hölzerne Bottiche, woes gewaschen, d. h. unter beständigem Zusatz von frischemWasser mehrere Stunden lang mit massiven hölzernenStößeln kurz und klein gestampft wird, bis das Wasserauch das geringste Anhängsel von Fleisch- und Blut-rückständen entfernt hat. Diese Manipulation ist vongrößter Wichtigkeit, und die peinlichste Sorgfalt wirddarauf verwendet, denn ohne diese Vorsichtsmaßregelnkönnte leicht bei der großen Sommerhitze und der oftjahrelangen Lagerung der Waare ein großer Lagerkesselvoll parfumirten Fettes ranzig und damit völlig un-brauchbar werden. Das so gereinigte Fett wird nunzerschmolzen, wobei wiederum mit aller erdenklichen Vor-sicht zu Werke gegangen werden muß, und endlich wirdes in großen Blechbüchsen von mehreren Hundert KiloInhalt im kühlen Keller bis zum nächsten Frühjahr auf-bewahrt. Bei dem Schmelzen wird auch noch ein kleinerBruchtheil Ochsenfett zugesetzt, um dem fertigen Fabrikatemehr Consistenz zu geben.

Das Abpflücken der voll erblühten Blumen wirdvon Frauen besorgt, und die Ernte der Veilchen alleinz. B. dauert volle drei Wochen. Centnerwcise wandernnun die gepflückten Blüthen in die Fabriken, wo derWerkmeister mit der Liste seiner Lieferanten in derHand im Wägeraum die ihm von den Bauernfrauen inKörben und Säcken gebrachte Waare in Empfang nimmt.Hier werden die Blüthen geprüft, da nur frische undungestielte verwendet werden können, dann gewogen undgesiebt, um alle anhaftenden Erdtheilchen möglichst zuentfernen. Alles Welke wird unbedingt zurückgewiesen.

Vom Wägeraum gelangen die Blüthen, VeilchenIn diesem Falle, in den Pomade-Saal, wo mächtigeBlechgefäße, zur Hälfte mit flüssigem Schweinefett ge-füllt, stehen. Nasch werden die Blumen nochmals ge-wogen, und jeder Kessel bekommt sein bestimmtesQuantum; und nun entschwinden die Kinder Flora'sunseren Blicken, denn zwei Arbeiterinnen, meist Piemon-

tesett-Frauen, nehmen je einen solchen Kessel und fangenan, mit großen hölzernen Kellen die nur langsam er-starrende Masse durcheinander zu rühren, bis das Fettwieder geronnen ist; alsdann werden die Kessel sorg-fältig gedeckt und so über Nacht stehen gelassen, Wäh-rend dieser Zeit entsteht nun innerhalb dieses Blumen-fettkuchens eine Art Gährung, bei welcher den Blumenaller Duft von dem Fette entzogen wird, das dieseninnig mit sich verbindet. Die Blume hat nicht nurihre Schönheit und Form, sondern auch ihren Geruchverloren und wird am folgenden Tage aus der Masseals unbrauchbar für die weiiere Verwendung in derFabrikation entfernt. Der wieder flüssig gemachteBlumenbrei wird nämlich in große Preßtuchsäcke gefaßtund 1020 solcher Säcke mit ihrer duftenden Last untermächtige, von Dampfkraft getriebene, hydraulische Pressengebracht. Mit einem Druck von 300 Kilogramm aufden Kubikeentimeter wird während einer halben Stundegepreßt und durch diesen ungeheuren Druck der Blumeauch noch das letzte Nestchcn von Geruch entzogen.Langsam rinnt das Fett ab, wird aufgefangen, gerinntvon neuem und ist nun die fertige Handelswaare, diePomade", d. h. der versandfähige Träger des Veilchen-geruches. Der in den Säcken zurückbleibende Blumen-kuchen wird zum Düngen der Felder wieder benutzt.

Diese vom Grasser FabrikantenPomade" genannteVerkaufswaare bildet neben den ätherischen Oelen, derenGewinnung die bekannte, durch einfaches Extrahiren mit-tels Oliven-Oels zweiter Qualität, ist, seinen Haupt-handelsartikel und kostet etwa 2025 Francs per Kilo.Was man sonst im gewöhnlichen Leben unterPomaden"versteht, etwa unsere Haar-Pomaden, hat mit dieserPoniade durchaus nichts zu thun, da jene nur als ganzminderwerthige Nebenproducte der eigentlichen Parfumerie-Pomaden abfallen.

Die bisher geschilderte Fabrikations-Methode derParfnmerien nennt man luaosrnticm oder prooöäeokauä, dasheiße Verfahren", und diesem unterliegenaußer dem Veilchen auch noch die Rose, Cassie und dieOrangcnblüthe, doch müssen alle diese Blumen, da sieauch noch saftgrüne Theile, wie Kelch und Stiel, beiihrer Ablieferung tragen, die dem Fette einen herbenBeigeschmack (goüt äs vsrt) geben könnten, behufsTrennung von diesen unbrauchbaren Theilen einem be-sonderen Verfahren, das man tria^s nennt, unterworfenwerden, was bei den Unmassen, die in einzelnen Fabrikenzur Verarbeitung kommen, oft 150,000 KilogrammRosen und ebenso viel Orangenblüthen in den beidenMonaten Mai und Juni, wahrlich keine Kleinigkeit ist.Zu diesem Zweck sind in dem Triage-Saal lange Reihenvon Tischen und Bänken aufgestellt, auf welch ersteredie Blumen oft meterhoch aufgeschüttet werden. Oftmuß sogar der Fußboden aushelfen, wenn die Ernte aus-nehmend ergiebig war. Hunderte von Weibern und Kin-dern finden hierbei eine ziemlich lohnende Beschäftigung,welche einfach im Entfernen der grünen Bestandtheile,des Kelches und des Stieles, besteht. Die abgelöstenBlumenblätter werden in Körken gesammelt und machendann die bei der Verarbeitung der Veilchen oben be-schriebene Procedur ebenso durch.

Andere Blumendüfte, wie der des Jasmin- sind zudelicat, um diesen Proceß aushalten zu können, undhier tritt ein anderes Verfahren an die Stelle des pro-cöäs ollauä, der xrooeäs troiä, daskalte Verfahren",