1896.
„Augsburger Postzritung".
M 64.
Dinstag den 4. August
Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag des Lilerarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg lVorbesttzer Dr. Mar Huttler).
Gin furchtbares Geheimnis;.
Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary AgnesFlemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch.
(Fortsetzung.)
4. Kapitel.
Ich will nichts hören. Desdemona ist mir treu.
Mit furchtbarem Schrei springt Sir Victor vor undreißt die ohnmächtige Frau aus den Armen des piraten-ähnltchen Mannes.
„Zurück, höllischer Schurke!" schrie er heiser vorWuth, „oder bei Gott es geht an Dein Leben. Wiewagst Du, mein Weib zu berühren?"
„Ihr Weib? Ihres? Das gefällt mir. WissenSie nicht, daß es gegen die Gesetzgebung dieses eng-herzigen Landes ist, zwei Gatten zu haben? BeruhigenSie sich, einem Baron geziemt nicht heftige Rede. Wiekommt er dazu, sie sein Weib zu nennen, Jnez?"
„Sie ist es."
„Der Kuckuck hole mich, wenn sie's ist. Da herrschtein kleines Mißverfländniß. Ich heirathete Miß Mar-garetha Dobb vor zwei Jahren am 13. Mai zu Glasgow ,wann heiratheten Sie dieselbe, Sir Victor?"
Der Baron antwortete nicht. Er war bleich vorWuth und Furcht. Meta lag wie todt da.
„Siehst Du, Jnez", wandte sich der Junker anseine Schwester, „ich traf Meta vor zwei Jahren inSchottland , wir liebten uns und wechselten Photographienund Ringe. Du kennst ja selbst das Programm. DieZeit der Trennung kam; Meta sollte ins Institut zurück-kehren, ich eine Reise nach China antreten. Am Tageder Abreise nun wurden wir getraut. Ich leugne nicht,daß wir uns an der Kirchenthüre trennten und nichtwieder sahen, aber sie ist mein, da die Trauung legalwar. Sie werden doch nicht eines Andern Weib wollen,Herr Baron?"
„Sie kommt zu sich", sprach Jnez. Ihr Auge glühte.Sie kannte des Bruders Lügenhaftigkeit, wenn das aberdoch wahr wäre und die Rache so bald sich einstellte?
Meta schlug die Augen auf und richtete sich empor.
„Was ist geschehen?"
Da fällt ihr Blick auf den finstern Gast, und schau-dernd verhüllt sie ihr Antlitz.
„Fürchte Dich nicht", sprach Sir Victor und blickteherausfordernd den Gegner an, „der Feigling hat einefurchtbare Lüge gesagt, leugne es, Lieb', ich verlangenicht mehr und die Diener sollen ihn hinauswerfen."
„Wirklich?" höhnte Junker Juan, „übrigens ver-stehe ich nicht, Meta, wie der Baron dazu kommt, Dichsein Weib zu nennen, Du kannst Dich doch nicht derBigamie schuldig gemacht haben?"
„Hörst Du's, Meta!" rief Sir Victor voll Angst,„o sprich, der bloße Anblick dieses Menschen macht michwüthend. Sprich, weise die große Anschuldigung zurück."
„Sie kann es nicht."
„Ich kann und thue es!" sprach Meta mit blitzen-den Augen, „'s ist eine gemeine Lüge. Schicke ihn fort,Victor, es nicht wahr — nicht wahr."
„Erlauben Sie mir zwei Fragen an die Dame zustellen, Sir Victor. Warst Du vor zwei Jahren inSchottland ? Ist das nicht Dein Bild? Gabst Du mirnicht den Ring? Denke an die kleine Kirche in Glasgow und leugne, wenn Du kannst."
Wie eine Löwin trat sie ihm jetzt entgegen.
„Ich leugne es! Wie wagen Sie mit solcher Lügehierher zu kommen? O höre mich, Victor, und vergibmir. Ich habe Unrecht gethan, Dir nicht sofort Alleszu sagen; aber ich glaubte ihn ertrunken, und meineEltern widerriethen es, weil sie Dich zu verlieren fürch-teten. Ich kannte Juan Chateron in Schottland , glaubteihn zu lieben und nahm seine Photographie an."
„Aha", lachte Juan, „die Wahrheit wird doch siegen.Sage die volle Wahrheit, Meta."
„Still! Wagen Sie nicht so mit mir zu sprechen.Als ich die Ferien in Glasgow verlebte, lernte ich Mr.Chateron kennen, und er nistete sich in meine mädchen-hafte Phantasie ein. Was wußte ich damals von Liebe?Als ich nach Hause wollte, wechselten wir Ringe undBilder, und er führte mich in eine einsame Kapelle undließ mich dort erklären, daß ich sein Weib sein wolle.Niemand außer uns war gegenwärtig. Auf dem Rück-wege begegneten wir Papa, wir trennten uns und ichhabe ihn nicht wieder gesehen. Beurtheile mich nicht zuhart, Victor, ich war ein Kind und fürchtete ihn. So-bald ich ihn aus den Augen verloren, mochte ich ihn niemehr. Er schrieb mir, ich antwortete nur ein einzigesMal, um seine Briefe zurückzusenden und zu verlangen,daß er mich in Ruhe lasse. O vergib, mein Gatte, ichbereue so sehr."
„Ich glaube Dir, Meta, Dein einziger Fehler war,daß Du mir das nicht längst gesagt. Sie aber, JuanChateron, sind ein Schuft. Als Sie vor fünf JahrenWechsel im Betrage von dreitausend Pfund auf meinen