Ausgabe 
(4.8.1896) 64
Seite
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Jnez läßt's an Vorwürfen nicht fehlen, genug, um Je-mand rafend zu machen, von Dir hätte ich's nicht erwartet."

Deine Frau beschuldige ich keineswegs, ich habesie nur einmal gesehen und glaube, sie ist so gut wiehübsch. Gegen Dein Betragen wider Jnez aber muß ichProtestiren und wundere mich, daß sie's so ruhig erträgt."

So ruhig! Barmherziger Gott! Ich wollte, Dusähest es mit an. Sie quält meine Frau mit Nadel-stichen und mein schuldiges Gewissen heißt mich schweigen.Seit Meta Chateron Royals betreten, hat sie keine glück-liche Stunde mehr gehabt, und daran ist nur Jnez' teuf-lische Zunge schuld. Sie nehme sich aber in Acht, siekönnte sonst zu weit gehen."

Heißt das, daß Du sie verstoßen willst?"

Ja; Jnez ist meine Cousine, Meta meine Frau.Du würdest Dich um Erstere verdient machen, Tante,wenn Du ihr einen Wink gäbest."

Er wandte sich, um zu gehen.

Gut, ich will es thun. Du bist zu tadeln, nichtdas arme Kind. Ich werde mit Jnez sprechen und Dir,um Deiner Mutter willen, zu vergeben suchen. Sie hättees verziehen, wenn Du ihr Herz gebrochen, ich will gleichihr zu handeln versuchen, Besuche mich am nächstenDonnerstag; wenn ich Deine Frau empfange, empfängtsie sicher die ganze Nachbarschaft."

Ich danke, Tante, Du bist sehr gütig. Wir wer-den kommen."

Er bot ihr die Hand. Sie allein hatte Notiz vonseiner Frau genommen. Der Adel der Umgegend hattebeschlossen, es sei unmöglich, des Seifensieders Tochterzu empfangen. Wäre sie noch eine Banquierstochter ge-wesen, aber eines Seifensieders Tochter, eine heimlicheEhe, der Erbe von Chateron Royals in einer Stadt-wohnung geboren und Miß Chateron schmachvoll hinter-gangen, nein, es war zu arg. Sie konnten Lady Cha-teron nicht besuchen, wenigstens nicht bis sie gesehen,wie Lady Helena Powys sie aufnahm. Es war das dieeinzige Schwester der seligen Mutter des Barons, undSir Victor und Jnez sehr zugethan. Der Todten letzterWunsch war gewesen, daß ihr Sohn seine Cousine hei-rathe. Er hatte es versprochen, und Lady Helena hatteerwartet, daß es geschehe. Wie ein Donnerschlag trafsie folglich die Kunde von seiner Mißheirath. Sie konntedas nicht vergeben und weigerte sich, seine Frau zu em-pfangen. Als er aber bleich und traurig zu ihr kam,erweichte sich ihr Herz, und ihr Mann, der die jungeFrau in Chateron Noyals gesehen, ergriff sofort ihre Partei.

Was geschehen ist, läßt sich nicht mehr ändern",spxach er philosophisch,und das Klügste ist, zum bösenSpiele gute Miene machen. Zudem ist sie reizend undmeiner Treu, ich hätte sie auch geheirathet. Vergib ihm,Frau, junge Leute sind eben junge Leute, geh' und be-suche sein Weib."

Lady Helena gab nach, die Liebe war stärker alsder Zorn.

Sie ging, und in dem düsteren Saal von ChateronNoyals schwebt eine kleine Feengestalt mit goldenem,wallendem Haar, blauen Augen und einem solch' kind-lichen Wesen, daß ihr ganzes Herz sich sofort mütterlichihr zuneigte.

Du liebes Kind", sagte sie und küßte sie, alszähle sie erst acht Jahre.Zeig' mir Deinen Kleinen,meine Liebe."

Von der Stunde an waren sie Freundinnen. Dankes-

thränen im Auge, führte Meta sie in das Gemach, woihr Knäbchen schlummerte, und als die Dame es küßte,schwand aller Zorn aus ihrem Herzen.

Sie ist hübsch, artig, gut und eine vollendeteDame", bemerkte sie Jnez gegenüber,und sie sieht auchrecht glücklich aus. Sei nicht hart gegen sie, was kannsie für die Sachlage? Nur Victor ist zu tadeln, dasfühlt Niemand mehr als ich. Ein wenig Liebe wärefür das arme blauäugige Kind so wünschenswerth."

Ich weiß, was ich meinem Vetter und seiner Frauschulde, und werde die Schuld abtragen."

Lady Helena blickte sie ängstlich an, sie verstand sie nicht.

Ich verlange nicht, daß Du ihr Liebe entgegen-bringst, Du vermagst das schließlich nicht, an DeinerStelle aber würde ich sie in Ruhe lassen. Sie ist jadoch die Frau vom Hause, Du könntest zu weit gehenund dann"

Würde mich Victor aus Chateron Royals vertreiben.Sagte er das? Verstelle Dich nicht, Tante, ich weiß es-ja doch. Also, wenn ich ihr nicht meinen Platz ein-räume, soll ich wegen der Seifensiederstochter verstoßenwerden? Gut, daß Du mich darauf aufmerksam machtest,ich werde es nicht vergessen."

Lady Helena war in Verlegenheit. Des Mädchensernste Miene erschreckte sie.

Willst Du nächsten Donnerstag kommen? Verstehewohl, ich dränge Dich nicht. Aus Liebe zu Victor willich die Sache von der guten Seite nehmen. Ich gebeein Diner und stelle Lady Chateron vor. Ich muß esthun. Wenn ich sie empfange, empfangen sie Alle. WennDu aber lieber nicht erscheinen wolltest, Jnez"

Warum sollte ich nicht? Victor mag ein Feiglingsein, ich bin es nicht. Ich werde der ganzen Gesellschaftunter die Augen treten, ihr trotzen, wenn sie mich be-dauert. Nimm Du die Seifensiederstochter auf, wennDu willst, aber ich zweifle, ob Du mit all' Deiner Machtsie flott zu erhalten vermagst!"

Das arme Wesen!" dachte Lady Helena, als sieheimfuhr,'s ist schön, die Herrin von Chateron Noyalszu sein, mit Jnez als Rivalin aber würde ich michbedanken."

Ja, daS arme Wesen! War Sir Victors Daseinverbittert genug, so war das seiner Frau geradezu un-erträglich.

Jnez wußte sicher zu treffen und trug den grim-migsten Haß in ruhigen, sanften Tönen zur Schau. Sieversäumte keine Gelegenheit. Ihre Zunge war ein zwei-schneidiges Schwert, und grausam beobachtete sie ihresOpfers Zuckungen.

Meta ertrug es; sie liebte den Gatten, er fürchtetedie Cousine, und seinethalben ertrug sie es. Einmal nurschrie sie auf:O, Victor, ich gehe zu Grunde, bringemich nach London oder wohin Du willst, nur befreiemich von ihr."

Er beruhigte sie möglichst, ritt zur Tante, und denErfolq kennen wir.

Der Tag des Diners kam. Meta war ohnehin inFolge des endlosen Spottes, der schmähenden Worte, derstillen Verachtung der Cousine furchtbar aufgeregt, unddas Fest wurde für sie zur Qual. Wie, wenn sie durchirgend einen Mißgriff den Gatten beschämte? Warumsollte sie denn überhaupt gehen?

Sei nur ruhig, liebes Kind", schmeichelte Victor,zieh' ein hübsches Kleid an und schmücke Dich mit