Ausgabe 
(4.8.1896) 64
Seite
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nieder. Thränen rollen über ihre Wangen, sie fühlt sichunsagbar allein, dem mitleidlosen Weibe preisgegeben.

O", stöhnte sie,warum heirathete ich ihn über-haupt ?"

Wenn Sie Sir Victor meinen", spricht plötzlicheine Stimme,so heiratheten Sie ihn eben, weil er SirVictor war. Uebrigens kann eine Dame nicht zweiGatten haben, und Sie wissen, daß ich Ihr gesetzlicherGatte bin."

Entsetzt weicht sie zurück; Juan Chaterons schwarzeGestalt steht in der Dämmerung vor ihr.

Nürnberger Bierhalle.

Sie?" schrie sie auf.

Ja, ich I Wäre meine Schwester zu mir gekommen,hätte ich der Gegend wohl lange den Rücken gekehrt, soaber will sie mir nicht einmal die paar hundert Pfundgeben, die ich unbedingt brauche. Zu Sir Victor kannich aus zarten Gründen nicht gehen, folglich komme ichzu Ihnen. Geben Sie mir fünfhundert Pfund, und ichbelästige Sie nie wieder."

Er trat näher und streckte die große, braune Hand aus.

Zurück, Juan Chateron I" gebot sie,wie wagenSie hier einzudringen und mit mir zu sprechen?"

Wie ich's wage? Nicht übel! Wenn ein Mannmit seiner Frau nicht reden soll, mit wem soll er's dann?Es nimmt sich gut aus, wenn die Frau Baronin sichauf's hohe Roß setzen. Rathsamer dürfte sein, mir diefünfhundert Pfund zu geben und mich in Frieden ziehenzu lassen."

Wenn Sie sich nicht sofort entfernen, rufe ichmeinen Mann."

Wollen Sie mir das Geld geben?" fragte Juanund kreuzte herausfordend die Arme.

Ich habe es nicht, und wenn ich's hätte, gäbe ichIhnen doch keinen Heller."

Sie haben Diamanten", sprach er, auf ihre Handzeigend,geben Sie mir diese, oder bei Gott, ich er-zähle die Geschichte Ihrer Bigamie in England ."

Sir Victor hat Sie in seiner Gewalt, cr wirdseine Drohung halten, wenn Sie die häßliche Lüge zuwiederholen wagen."

Werde ich die Juwelen bekommen?"

Nein, gehen Sie oder ich rufe um Hülfe!"

Sie wollen mir also die Ringe nicht geben?"

Nein! Es kommt Jemand, wir wollen sehen, wersich fürchtet."

Gut, ich gehe, aber ich werde wiederkommen. Be-

mühen Sie sich nicht, Ihren heloenhaftcn Gatten zu rufen." Pfeifend verschwand er hinter den Bäumen.

O, mein Gott, was wird morgen geschehen!" seufzteMeta verzweifelnd,soll ich nie erlöst werden von demGeschwisterpaar?"

Sie wandte sich dem Schlosse zu, als ihr weißesKleid ganz verschwunden war, tauchte Sir Victor ausdem Schatten hervor und der Mond beleuchtete seintodtenbleiches Gesicht.

6. Kapitel.

Im Mondlicht.

Er hatte kein Wort gehört, aber er hatte sie bei-sammen gesehen und das genügte. Wie betäubt stander, als er seine Frau allein im Dunkeln mit Juan Cha-teron sah. Dieser hatte also Chesholm nicht verlassen,und sie wußte es. Wie oft hatten sie sich schon ge-troffen, wie, wenn sie doch sein Weib wäre? Wenn dieCeremonie in der schottischen Kirche bindend wäre? Undwenn sie Juan noch liebte? So lange cs ging, hatteMeta die Sache ihm verborgen, hatte ihn getäuscht, thates noch jetzt. So schön und so falsch. Ihm schwindelte.Er lehnte sich an einen Baum.

Ich will zu ihr gehen", sprach er endlich,undhören, was sie sagt. Theilt sie mir die Begegnung frei-willig mit, so will ich ihr glauben, schweigt sie, so seies ein Beweis ihrer Schuld."

Er begab sich ins Haus. Ein Diener trat ihm entgegen.

Ein Bedienter von Powys Place hat dieses Billetgebracht, Herr Baron; den gnädigen Herrn hat ein Schlaggetroffen, und Ihre Anwesenheit wird dringend gewünscht."

Sir Victor brach das Siegel und las. Im Speise-saal traf er seine Frau nicht und begab sich in dasKtnderzimmer, wo er sie noch immer gefunden.

Sie beugte sich über die Wiege. Die Amme standin einiger Entfernung. Der Baron gewahrte sie nicht.

Ich erhielt eben ein Billet von Tante Helena, denOnkel hat der Schlag getroffen, und sein Befinden istkritisch. Ich reise sofort ab und kehre diese Nacht nicht zurück."

Kulmbacher Bierhalle.

Sie sah ihn erschrocken an. Seine fahle Farbe mochtesich durch das Billet bedingen. Mit einigen Worten desBedauerns beugte sie sich wieder zum Kinde.

Hast Du mir nichts zu sagen, ehe ich gehe?"

Sie hob den Kopf, die Worte schwebten ihr aufderZunge. Aber die Amme war gegenwärtig, und warumihn jetzt aufhalten, es war klüger, bis morgen zu warten.

Ich habe Dir nur Lebewohl zu sagen und Dichzu bitten, die Tante zu grüßen. Hoffentlich steht's mitdem armen Onkel nichl so schlimm."