Ausgabe 
(4.8.1896) 64
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Sie sah ihn dabei nicht an.

Er wandte sich zur Thüre, Zweifel und Eifersuchttobten in ihm. Auf der Schwelle blieb er stehen. Et-was schien ihn festzuhalten.

Adieu, liebes Weib", sprach er mit erzwungenemLächeln,Du magst mich für thöricht halten, aber mirbangt, Dich heute Nacht zu verlassen. Gib recht Achtauf Dich, ich werde sobald als möglich wiederkehren."

Sie blickte ihm vom Fenster aus nach.

Wie lieb er mich hat, der gute Victor", dachtesie, und als er sich umwandte, warf sie ihm eine Kuß-hand zu,wie glücklich könnten wir sein, wären die Ge-schwister nicht." Bald darauf trat Jnez ein.

Ich suchte Victor und glaubte seine Stimme zuvernehmen. Wie geht es dem Erben von Chateron Royals?"

Auch sie bemerkte die Amme nicht und beugte sichmit ihrem gewöhnlichen höhnischen Lächeln über das Kind.

Ob er wohl wirklich der Erbe von Chateron Royalsist? Ich lese eben Walter Scott's Ehegesetze" undhege meine Zweifel. Wenn Sie Juans Frau sind, könnenSie nicht Victors Gattin sein, folglich kann die Legiti-mität seines Sohnes ange"

Sie endete den Satz nicht. Es war der letzte Tro-pfen in dem überschäumenden Becher, eine Beleidigung,die nicht zu ertragen war. Mit feuersprühenden Augentrat Lady Chateron vor sie hin.

Sie haben Ihre letzte Bosheit verübt. Unterdiesem Dache sollen Sie mir keine weitere Kränkung an-thun. Ich bin Sir Victors Gattin und die Herrin vonChateron Royals, das Sie morgen verlassen werden.Sobald mein Mann wiederkommt, gehen Sie oder ichauf Nimmerwiederkehr." (Fortsetzung folgt.)

Die Bayerische Landesausstellung zu Nürnberg .

(Mit Illustrationen.)

(Schluß.)

Die Gebäude sind aus Holz aufgeführt, mit Stuckbekleidet und mit plastischem Schmuck versehen. Beiletzterem zeigt sich ein wohlthuender Einfluß der modernenRichtung. Der Stil ist eine glückliche Modification desBarocks. Das Ganze macht einen ruhigen, harmonischenEindruck, was wohl auch dem Umstand zuzuschreiben ist,daß die Entwürfe von einem einzigen geschickten Künstler,dem Director des Bayerischen Gewerbemuseums v. Krämerin Nürnberg , herrühren.

Abseits von diesem Gebäudecomplex müssen wir imPark noch zwei officielle Bauten, die Kunsthalle und dasArmeemuseum, welch' letzteres eine wohlgeordnete Samm-lung von Waffen und Uniformstücken enthält, suchen.Von ersterem Gebäude lassen die umgebenden Bäumekaum mehr als die hohe Kuppel und das stilvolle Atriumsehen. Das Armeemuseum, das der Zeichner gleichfallsim Bilde festgehalten hat, ist zwar von bescheidenem Um-fang, zeichnet sich aber durch reizende Architektur aus.Die officiellen Ausstellungsgebäude bedecken eine Flächevon 44,000 Quadratmeter.

Und nun zu den leiblichen Genüssen! Für diesesorgt eine hinreichende Anzahl von Kosthallen, Restau-rants, Cafes und Conditoreten, schmucke und zum Theilsehr ausgedehnte Bauten, die, von Gruppen mächtigerBäume eingeschlossen, im Park verstreut liegen. Daß inBayern in erster Linie für die Biertrinker gesorgt wird,ist selbstverständlich. Die Bterhallen sind deßhalb, wieaus den vorstehenden Abbildungen ersichtlich, nicht nur

schmuck, sondern auch recht geräumig; sie vermögen Tau-sende von Durstigen zu fassen. Das originellste Gebäudedieser Art ist aber ohne Zweifel das Weinhaus, das einenvon der Zeit arg mitgenommenen Rittersitz, der aus einemKloster hervorgegangen zu sein scheint, vorstellt.

Die ganze Ausstellung trägt einen vornehmen Cha-rakter, und zwei größere Privatunternehmen, eine künst-liche Eisbahn und ein trefflich gemaltes Panorama derSchlacht von Bazeilles, die sich in ihrem Gebiet befinden,thun ihr durchaus keinen Abbruch.

Nürnberg , im Juli. Oskar Heinrich.

Das Geheimniß von Dillingeu. *)

(19. Juli 1796.)

Von Heinrich Leher .

Das Jahr 1796 brachte für Bayern schwere Schick-salsschläge: unser theureS Vaterland wurde überschwemmtvon den französischen Heeren; Plünderungen, Brand-schatzungen, Raub und Mord, kurz alle Drangsale desKrieges ergossen sich über seine Gefilde. Die politischeLage ist die denkbar traurigste und jämmerlichste.

Es fehlt nicht an Lichtblicken, das sind die Ruhmes-tage von Amberg und Würzburg, an denen Oesterreichs siegreicher Held, Erzherzog Karl, die französischen Heerebesiegte und Franken und Bayern von seinen Drang-salen befreite.

Heute sei in Kürze des hundertjährigen Gedächtniß-tages eines merkwürdigen Ereignisses erwähnt, welcheswohl heute vollständig vergessen ist. Der Schauplatzdesselben war die damals der Herrschaft des Fürstbischofsvon Augsburg unterstehende Stadt Dillingen ; das Da-tum der 19. Juli 1796. An diesem Tage wäre dasgute, harmlose Dillingen bald Zeuge der blutigen Szeneeines Königsmordes geworden.

Ludwig XVI. von Frankreich hatte sein edles Hauptauf dem Schafott verloren; sein Sohn, der Dauphin, inder Geschichte als Ludwig XVII. vorgetragen, war vondem Schuster Simon zu Tode mißhandelt worden. Erbeder Krone Frankreichs und dessen König war der BruderLudwig's XVI., der Gras von Provence, als LudwigXVIII. geworden; er irrte als Flüchtling in Italien und deutschen Landen umher. Insbesondere war es derKurfürst von Trier, der sächsische Prinz Clemens Wen-zeslaus, der zugleich Fürstbischof von Augsburg war,welcher ihm Zufluchtsstätte bot. Das Vordringen derrepublikanischen Heere im Frühjahr 1796 nöthigte denKönig bald, vom Nheine zu fliehen; er begab sich zuerstzur kleinen Armee, welche mit englischen HilfsquellenPrinz Conde um sich gesammelt hatte, verließ aber die-selbe in Villingen , als die Nachricht erneuter Niederlagender Oesterreicher eintraf. Als passender Zufluchtsort er-schien zunächst das Augsburger Gebiet, welches, wie be-reits erwähnt, ebenfalls dem Kurfürsten von Trier ge-hörte, mit welchem Ludwig XVIII. in innigster nächst-verwandtschaftlicher Beziehung stand. Die Mutter Lud-wigs XVIII., Maria Josefa, war eine Schwester Fried-rich Augusts III., Kurfürsten von Sachsen und Königsvon Polen, dessen Sohn Kurfürst Clemens Wenzeslaus war.

Am 19. Juli Abends -^10 Uhr traf Ludwig XVIII.im strengsten Inkognito, nur von drei Dienern begleitet,

*) Wir entnehmen diese interessante Skizze der von HerrnHeinrich Leher trefflich redigirten ZeitschristDas Bayerland ".Verlag vcn R. Oldenbourg in München .