Ausgabe 
(4.8.1896) 64
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in Dilltngen ein und nahm seinen Abstieg in dem heutenoch bestehenden Kasthofe zumgoldenen Stern". Eswimmelte in Dillingen von Emigrierten; auch der Bruderdes Königs, der Graf von Artois, der später als Kart X.den Thron von Frankreich bestieg, war daselbst ange-kommen. Der König blieb, wie bereits gesagt, im strengstenInkognito; keine der Behörden von Dillingen wußte,welch' ein hoher Gast in den Mauern der Stadt ver-weile. Wir folgen bei Darstellung der Ereignisse desAbends dem Berichte, welchen der Herzog von Villequierdem im Lager zu Ueberlingen stehenden Prinzen vonConds erstattete. Der Herzog schreibt:

Der König arbeiteteden ganzen Nachmittagin seinem Gasthause zu-nächst mit dem Grafenvon Avaray, den er mitverschiedenen Briefenals Gesandten fort-schicken wollte. DerGraf wollte soeben Se.

Majestät den König ver-lassen, um sich in seineGemächer zu begeben;es war etwa 10 UhrAbends.

Der König, müde vonder Arbeit und von derHitze, begab sich mit demHerzog von Fleury ansFenster. Der Mondschien helle, sein Lichtfiel zwar nicht auf daSHaus, aber die hinterdem König auf demTische stehenden KerzenbeleuchtetenscharfdessenHaupt. Der König standungefähr eine Viertel-stunde am Fenster, alsplötzlich ein Schußkrachte, der aus einem

gegenüberliegendenBogengänge abgefeuertworden war. Die Kugeltraf den König dicht amScheitel, schlägt in dieMauer und fällt dannins Zimmer. Auf dieBewegung des Königsschreit der Herzog vonFleury um Hilfe, derHerzog von Gramontläuft herbei, der GrafFuße; sie glauben, ihr

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Gasthofzum goldenen Stern" in Dillingen .StStle des Attentate» auf König Kudwig XVUl.

von Avaray folgt ihm auf demGebieter sei tödtlich verletzt, dasie sein Gesicht mit Blut überströmt sehen. Der Königaber sagt ganz ruhig:Meine Freunde, es ist nichts,gar nichts! Ihr seht, daß ich noch aufrecht dastehe, ob-wohl der Schuß dem Kopie galt."

Es war im ersten Augenblicke kein Chirurg da, derdes Königs war noch in Ulm beim Train der Armee.Man mußte das Blut stillen, das Haar wegschneiden,um die Tiefe der Wunde messen zu können; es war diesdie Aufgabe der drei Kammerdiener Ludwigs, der bei der

Operation ganz ruhig blieb und sogar scherzte. Balddarauf erschienen Arzt und Chirurg aus der Stadt undlegten den ersten Verband an; um 4 Uhr Nachmittagsdes nächsten Tages kam der Leibarzt des Königs, der diegetroffenen Anordnungen billigte und folgendes Bulletinausgab:Die Kugel war gegen den Obertheil des Kopfesgerichtet, die Schädeldecke ist leicht gestreift; der Patienthat kein Fieber; die Verwundung wird ohne ernste Folgenbleiben. Colon, Chirurg des Königs."

Es wird folgende Bemerkung des Königs notirt.Als einer der Diener rief:Ach, mein Herr und Ge-bieter, wenn der Elende nur ein Haar tiefer gezielt hätte!"

Dann, mein Freund",antwortete kalt Lud-wig XVIII. , ,dannwürde der König vonFrankreich heute KarlX.heißen."

Militär- und Zivil-behörden von Dillingen haben sich aufs vor-züglichste benommen,sich dem Dienste desKönigs und den Nach-forschungen nach demMörder rastlos hin-gegeben, letzteres aller-dings ohne Erfolg."

Diese Bemerkungensind um so wichtiger,als sie aus dem Mundeeines Zeitgenossen diespäteren Vorwürfewiderlegen, welche ge-gen die Behörden Dtl-ltngens erhoben wur-den. Die Angaben desHerzogs von Villequierbestätigen in ausge-dehntestem Maße, wasProfessor Dr. Englertim Jahre 1891 aufGrund genauer archiva-lischer Forschungenneuerdings darlegte: dieZurückweisung späterer,gehässiger französischerBerichte, welche dieStadt als einJakobiner-nestschilderten, indemder König aufs unhö-flichste empfangen wor-den wäre, der Magistrathabe die Mörder, Jakobiner, welche dem Fürsten vonLandau aus durch den damaligen Konvent nachgeschicktworden seien, in böswilligster Weise entschlüpfen lassen.Der Gastwirth habe zum Andenken des Frevels dasFenster, wodurch die Kugel eindrang, mit einer gelbenGlasscheibe versehen und nicht erlaubt, den Fußbodenvom Blute zu reinigen. Von allen diesen Behauptungenist nur die erstere wahr, die gelbe Glasscheibe. Diesesgeschah nicht aus Sympathie mit den Jakobinern, sondernaus Interesse für die historische Begebenheit. Das Loch,durch welches die Kugel drang, war bis vor wenigen Jahren