/L 65.
Kreitag, den 7. August
1896.
Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag d-S Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler ).
Ein furchtbares Geheimniß.
Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary AgnesFlemming nacherzählt von LinaFreifrau V.Berlepsch.
(Fortsetzung.)
Die Amme wurde ganz vergessen. Einen Momentwich auch Jnez zurück vor dem Sturm, den sie herauf-beschworen; dann begegnete sie trotzig den zornfunkeln-den Augen.
„Nicht alle Seifenfkederstöchter aus ganz England sollen mich aus Chateron RoyalS vertreiben. Es warmeine Heimath zu einer Zeit, wo man Sie nicht alsKüchenmagd hereingelassen hätte. Ich bin Jnez Chateron,und nicht alle Dobbs, die je den illustren Namen ge-tragen, werden mich fortbringen. Gehen Sie doch, wirwollen sehen, wer in Chateron Noyals gebietet!"
Zürnend rauschte sie aus dem Zimmer, und JanePool, die Amme, die bereits zuviel gehört zu habenglaubte, stahl sich leise zur anderen Thür hinaus undbegab sich in die Gesindestube, wo sie im Vertrauen dieeben erlebte Scene einer Freundin mittheilte. Eine halbeStunde brauchten sie, das Thema zu diskutiren, dannerhob sie sich, um das Kind für die Nacht herzurichten.
Sie pochte an die Thür des Kindszimmers. KeineAntwort. Zweifellos war die Dame fortgegangen. JanePool trat ein und fand sie, zu ihrem Erstaunen, amweit geöffneten Fenster, umflossen vom Mondlicht, schla-fend im Fauteuil.
Die Amme schlich näher. Ladh Chateron war bleich,ihre Lippen bebten, die Wimpern waren noch thränennaß.Sie hatte sich in den Schlaf geweint.
„Armes Ding", flüsterte Jane Pool, „'S ist eineSchwach, daß Sir Victor seine Frau von Miß Chateronso quälen läßt, ich möchte um keinen Preis der Welt anihrer Stelle sein."
Die ganze Dienerschaft liebte und bedauerte dieschöne junge Herrin.
: Leise legte die Amme einen Shawl um die Schulterder Schlafenden, nahm das Kind und schlich aus demZimmer.
Bis sie den kleinen Victor gespeist und zur Ruhegebracht hatte, verging wieder etwa eine halbe Stunde.Die Thurmuhr verkündete ein viertel nach sieben Uhr,als Jane Pool die Treppe herabkam.
„Ladh Chateron könnte sich erkälten, 's wird bessersein, ich wecke sie auf", sagte sie sich. Während sie zau-
dernd vor der Thüre stand, öffnete sich diese, und MißChateron kam heraus. Sie war auffallend bleich undsah in dem rothem Tuche, das sie um sich geschlungen,wahrhaft dämonisch aus.
„Was wollen Sie hier?" fragte sie stolz, „wo istdas Kind?"
„Es schläft, und ich wollte die gnädige Frau wecken,der Zug möchte ihr schaden."
„Lassen Sie Mylady in Ruhe und kümmern Siesich um Ihre Angelegenheiten", entgegnete Miß Chateronscharf, „sie schläft noch und Sie haben sie jedenfallsnicht zu stören!"
Jane Pool gehorchte.
„Wollte Gott , sie würde morgen fortgeschickt, aberich hege meinen bescheidenen Zweifel."
Mit diesem Gedanken begab sie sich wieder in dieGesindestube, wo sie Lady Chaterons Zofe traf, die ebenmit der Haushälterin Thee trank. Sie erzählte, wassie soeben erlebt.
„Was that Miß Chateron drinnen?" fragte dieZofe, „gewiß nichts Gutes. Sie haßt Mylady wie Gift.Ich fürchte aber das Fräulein nicht und werde meineHerrin aufwecken."
Sie ging und pochte, wie die Amme gethan.
Wieder erfolgte keine Antwort.
Sie schlich hinein.
Hoch am Himmel leuchtete der Mond und tränkteMit seinem Licht das Zimmer. Noch stand der Fauteuilam offenen Fenster, und Lady Chateron saß regungs-los darin.
„Mylady", sprach Mary leise, „bitte, stehen Sie auf."
Keine Antwort. Keine Bewegung.
Sie beugte sich über sie.
„Bitte, Mylady, Sie könnten sich zu Tode erk—"
Sie stieß einen herzzerreißenden Schrei aus.
Um sie zu wecken, hatte sie die Haud auf jene derDame gelegt und sprang entsetzt zurück.
Ja sie schlief — den Schlaf, der kein Erwachenkennt. Sir Victors schöne Gemahlin lag im Mond-schein — todt.
Todt! Blut klebte an dem weißen Kleide, demblauen Shawl, an Marh's Hand, Blut, das langsamunter der linken Brust hervorquoll.
Meta Lady Chateron lag todt und kalt vor ihr —tückisch ermordet.