7. Kapitel.
Im KindSzimmer.
Einen Augenblick steht sie wie gelähmt, ihr Schreckenfindet leinen Laut, dann stürzt sie hinaus wie wahn-sinnig unter die entsetzte Dienerschaft.
„Ermordet!" schrie sie auf.
Alles umdrängt sie und fragt. Ihre einzige Ant-wort ist: „Ermordet!"
„Wer ist ermordet? Was? Wen meinst Du?"tönte es untereinander.
„Mylady! Mylady!"
Sie geberdet sich wie wahnsinnig, an ihrer Handklebt Blut und mit schrecklichem Schrei sinkt sie bewußt-los nieder.
„Mylady?" flüsterten die Uebrigen entsetzt, „er-mordet ?"
„Laßt uns nachsehen", sprach Mr. Hooper mit Amts-miene, „wir müsser erfahren, was sie meint."
„Mylady war im KindSzimmer", bemerkte die Amme.
An der Schwelle zögern sie einige Sekunden, ihrMuth nimmt ab. Und doch ist nichts Erschreckendes da,nur das silberne Mondlicht und die regungslose Gestaltim Fauteuil. Warum hält ein Grauen sie zurück?
„Gehen wir hinein, im Namen Gottes", sprachHooper mit bebender Stimme, „es kann ja nicht sein,wie sie sagt, o, mein Gott, nein!"
Vorwärts schleichen sie, als fürchteten sie, die Schlä-ferin zu wecken, die nur des jüngsten Tages Tuba auf-schrecken wird. Athemlos beugten sie sich über sie. O,Himmel, es ist Blut auf dem Kleide, aus dem Teppich,es tropft langsam aus der Todeswunde.
Der alte Hooper nimmt ihre Hand zwischen diebebenden Finger; des Todes Marmorkälte hat sich ihrerbereits bemächtigt. Nie hat ihr Antlitz schöner, ruhiger,friedensreicher ausgesehen, als im zauberischen Strahl desMondes.
Aschgrau richtete sich der Alte auf.
„Es ist wahr", stöhnte er, „sie ist todt, ermordet."
Schluchzend bedeckt er sein Gesicht. „Wer wird eSSir Victor sagen, o mein lieber, junger Herr!"
Niemand spricht. Vor Schrecken sind alle wie ge-lähmt. Ermordet in ihrer Mitte, in ihrem friedfertigen Hause.
Endlich fragte eine dumpfe Stimme: „Wo ist MißJnez Chateron?"
Niemand weiß, wer spricht, Niemand kümmert sichdarum, Niemand wagt zu antworten.
„Wo ist Miß Jnez Chateron?" lautet die Frage weiter.
Etwas in dem Tone, etwas in der folgenden Stillescheint den Alten aufzuraffen. Seit seinem zehnten Jahrwar er in Chateron Royals, die Ehre der Familie istdie seine.
Er wendet sich zürnend.
„Wer war das? Natürlich weiß Miß Jnez nichtsdavon!"
Niemand hat sie beschuldigt, aber unbewußt ver-theidigt er sie schon.
' «Uebrigens muß man es ihr sofort mittheilen, undsich will das selbst thun. Zieh' die Gardinen zu, Eduard,«nd zünde Licht an." Er verläßt das Zimmer. Me-Kanisch gehorcht der Diener. Niemand sonst bewegt sich?Doll strömt das Licht aus die bleiche Gestalt, die furcht-bare Wunde. v
. Der Hausmeister begab sich zu Miß Chateron.Möchte sie noch so stolz und hochfahrend sein, ihm war^
sie zu theuer. Er trug sie oft auf den Armen, einkleines, lachendes, schwarzäugiges Kind. Bange Fuxchterfüllt ihn.
„Sie haßt Mylady", dachte er, „alle Welt weißdas. Was wird sie sagen, wenn sie die grause Kunde hört?"
Er klopfte.
Keine Antwort.
Er klopfte wieder und fragte: „Sind Sie innen,Miß Jnez, so öffnen Sie um'S Himmelsvillen l"
„Herein!" antwortete eine Stimme. Er weiß nicht,ob es Jnez' Stimme ist.
Das Zimmer ist dunkel, selbst das Mondlicht er-hellt es nur schwach.
Eine Gestalt sitzt oder kauert vielmehr am Fensterwie aufgelöst vor Schmerz. Er erkannte das Haar, dasrothe Luch, das Gesicht kann er nicht sehen.
„Ich bringe böse Zeitung, Miß Jnez", spricht Hooperbebend, „ein Mord wurde vollbracht!"
Keine Antwort. Wenn sie hört, achtet ste's nicht.Schweigend blickt sie hinaus in die Nacht.
„Hören Sie mich, Miß Jnez?" frug er wieder.
„Ich höre Sie."
Wie Eis fällt es von ihren Lippen. Das schwacheAuge wendet sich nicht vor» Fenster, die Hand umklam-mert den Stuhl.
„Mylady ist todt, wurde grausam ermordet, o MißJnez, was ist zu thun?"
Keine Antwort. Ihre Lippen bewegten sich sprachlos.
Des treuen Dieners Herz erfüllt furchtbare Angst.
„Sie müssen kommen, Fräulein", ruft er schmerz-lich, „man erwartet Sie unten. Es ist Niemand da alsSie, Sir Victor ist fort und —"
Seine Stimme bricht, er weint wie ein Kind.
„O mein armer, junger Herr!" fährt er schluchzendfort, „ey liebt jeden Fleck Erde, den ihr Fuß berührt.O, wer soll es ihm sagen?"
Sie erhebt sich mühsam, als wäre sie steif undkalt, aus ihren Augen spricht Schrecken, ihr Gesicht istgeisterbleich.
„Wer soll es Sir Victor sagen?" wiederholte derAlte, „der Schrecken wird ihn tödten. So hübsch undjung, so lieb und gut! O, wer konnte das thun, werkonnte es?"
Jnez wollte sprecyen, die bleichen Lippen aber schienenkein einzig Wort bilden zu können.
„O, sagen Sie, was zu thun ist, Miß Jnez, NUNsind Sie die Herrin." '
Sie bebt wie geschlagen zurück.
„Sollen wir nach Sir Victor schicken?"
„Ja", flüsterte sie, „schicken Sie nach ihm."
Es ist nicht ihre Stimme, entsetzt sieht sie der Alte an.
„Wollen Sie nicht mit herunterkommen, Fräulein?"Er fürchtet eine Abweisung, sie aber weigert sich nicht.
Die Dienerschaft steht gedrängt im Zimmer. Schreck-liche Ruhe lastet auf Allen. Als Miß Chateron eintritt,heftet sich jedes Auge auf sie. Sie sieht nichts. Wieim Traume nähert sie sich und blickt auf die todte Ge-bieterin von Chateron Royals. Weder Mitleid nochThränen hat sie. Lange steht sie so kalt und äußerlichruhig, und es heften sich so drohende Blicke auf sie, daßHooper es für gut findet, sich vor sie hinzustellen.
„Geben Sie Ihre Befehle, Miß Jnez", fleht er,„soll ich sofort nach Sir Victor schicken?" ^ '
«Ja, thun Sie das, schicken Sie auch nach CheS-