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hol« UM einen Arzt und lassen Sie auf der PolizeiAnzeige erstatten."
«Auf der Polizei?"
„Natürlich", entgegnete sie schroff, „ein Mord wurdebegangen, der Mörder muß gefunden werden."
Ihr alter Stolz kehrte etwas zurück. „Das Zimmersoll nun geräumt werden, Niemand berühre die Leiche,bis Sir Victor kommt. Eduard, reiten Sie, so schnellSie können, nach Powys Place."
„Und soll ich's Sir Victor sagen?"
»Ja, sagen Sie's ihm."
Er geht. Sie wendet sich an einen Andern.
„Und Sie reiten nach Chesholm, holen Doctor Doneund benachrichtigen die Polizei. Die Uebrigen gehen.Wo ist das Kind?"
„Oben im Schlafzimmer", antwortete Jane Poolmürrisch.
„Gut, gehen Sie hinauf und bleiben Sie bei ihm.'Ich begebe mich auf mein Zimmer; wenn Sir Victorkommt, wird er weitere Befehle ertheilen, ich kann nichtmehr thun."
Sir ging. Bedeutungsvoll sah ihr die Amme nach.
„Nein", zischte sie, „Sie haben genug gethan."
„Sill, Jane", flüsterte Mary angstvoll.
Es war noch keine direkte Anklage, aber sie ver-standen sich.
„Wirst sehen, ob ich schweige, wenn die Zelt zumSprechen kommt. Was hat sie fünfzehn Minuten, eheDu die Herrin todt fandest, im Kindszimmer zu thun?Warum wollte sie mich nicht hineinlassen? Weshalb logsie, die gnädige Frau schlafe noch? Schlafen! ArmesDing: daß sie hier so grausam ermordet werden sollte,während wir uns unten freuten. Und hätte ich nicht
das Kino fortgenommen, es wäre-"
O Jane!"
„'S ist doch so. Die die Mutter getödtet, haßt dasKind. Wenn die Zeit kommt, rede ich, und wäre sietausend Mal eine Lady."
„Sprich nicht so, Du machst mir das Blut erstarren."
„Und, Mary, wo ist der Dolch?"
«Welcher Dolch?"
„Der Dolch mit dem goldenen Griff und dem großenNubin, den Mylady als Papiermesser benutzte? Ichschwöre, ich sah ihn im Mondlicht funkeln, als ich dasKind forttrug, wo ist er jetzt?"
„Fort? O, Jane, glaubst Du —"
„Sie ist ins Herz getroffen, und es ist nicht vielBlut da. Das teuflische kleine Ding hat die That voll-bracht, und es lag bereit, als hätte es der Satan hin-gelegt. Arme Lady Chateron, daß ihr Spielzeug ihr dasLeben nehmen wußte!"
Während sie so im Zimmer flüsterten, kauerte Jnezim Stuhl und preßte die Hände vor's Gesicht. Todten-stille herrschte im ganzen Hause, und sie starrte regungs-los vor sich hin, bis es elf Uhr schlug und Rosseshufedie Allee entlang dröhnten.
Schauder durchzitterte sie, sie hob das bleiche Antlitz.
Dir Ruhe vor dem Sturm war vorüber. Sir VictorChqjeron war angekommen.
8. Kapiiel.
In der Dunkelheit.
^ Eduard galoppirte nach Powys Place. In Mond-fluihcn gebadet lag das stolze Schloß bald vor ihm.
Nur die oberen Fenster, wo der Kranke ruhte, warenbeleuchtet. In einem schwach erhellten Zimmer schliefSir Victor auf dem Sopha. Zwei Stunden haite eram Krankenbette gewacht und sich dann auf der TanteBitten zur Ruhe begeben.
Plötzlich hörte er seinen Namen und fuhr erschrocken auf.
War die heisere Stimme die der Tante? Was be-deutet ihr todtenbleiches Gesicht?
Er sprang auf und starrte sie an.
„Victor!" rief sie klagend, „o, warum sandte ichnach Dir in dieser schrecklichen Nacht! Meta —"
Ihre Stimme versagte.
„Meta? Was ist mit ihr?"
Sie verhüllte das Gesicht und brach in Weinen auS.
Der Bediente trat vor.
„Sagen Sie's, Eduard, ich kann es nicht."
„Ich bringe schreckliche Kunde", begann derselbe,„und weiß nicht, wie ich's Ihnen mittheilen soll, SirVictor; aber ich fürchte, Mylady ist todt."
„Todt?" wiederholte er mechanisch und stierte denSprecher an.
„Todt, Sir Victor, ermordet!"
Ohne Antwort flog der Baron wie ein Blitz zwischenihnen durch und wie wahnsinnig die Treppe hinunter.
Lady Helena und Eduard eilten ihm nach, ehe sieaber den Hof erreichten, jagte er schon auf des DienerSPferd dahin. Sie riefen ihn, er achtete es nicht, wietoll stieß er dem Pferde die scharfen Sporen in dieFlanken und sauste pfeilschnell davon.
„Folgen Sie ihm und suchen Sie ihn einzuholen",gebot Lady Helena, „o mein Gott, wer kann es gethanhaben? Wissen Sie gewiß, daß es kein Irrthum ist?^
„Ich weiß es gewiß, ich sah die Leiche."
Händeringend wandte sich die Dame von ihm ab.
„Satteln Sie mein Pferd und eilen Sie ihm nach,ich folge bald."
Sie begab sich zu ihrem Gatten, der sich bereitswieder besser befand und ruhig einige Stunden derWärterin anvertraut werden konnte.
Um ein Uhr Nachts kam Lady Helena nach Cha-teron Royals.
Mondumglänzt strebten die schlanken Thürme him-melan, krystallen funkelten die Bogenfenster, friedvoll lagdie Gegend — und hier war ein Mord begangen worden!
Beim Eintritt inS Schloß begegnete ihr die Haus-hälterin, und der Anblick der rothgeweintcn Augen ließdie schwache Hoffnung, es mochte ein Irrthum vorliegen,ersterben.
„Jst's wirklich wahr?"
MrS. Marsh antwortete durch einen Strom vonThränen.
Sir Victor liebenswürdiges Weib halte aller Herzengewonnen.
„Es ist wahr! Der Herr erbarme sich unser; imeigenen Hause, in Mitte ihrer Dienerschaft wurde sie er-mordet. Mir ist, als hätten wir alle Theil an derSchuld. Warum weckten wir sie nicht oder schloffen dasFenster! Das Scheusal kam doch durch daS Fensterherein. Ich wollte Sie sprechen mit der Amme; LadyPowys", fuhr sie leise fort, „sie macht schreckliche An-deutungen. Es liegt am Tag, daß sie Miß Jnez imVerdacht hat."
„Großer Gott!" rief die Dame zurückbebend.
»Ich sage es ja nicht, behüte der Himmel. Jane