Ausgabe 
(7.8.1896) 65
Seite
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Pool aber haßte Miß Jnez von Anbeginn und liebteMylady. Man mußte sie ja lieben, die arme jungeFrau, sie hatte ein gutes Wort und ein freundlichesLächeln für Jeden. Und Sie kennen Miß Jnez, gnä-dige Frau, sie ist stolz und hochfahrend. Der AmmeGerede aber könnte ihr schaden."

Stolz richtete sich Lady Helena auf.

Ich werde nicht mit ihr sprechen, Jane Pools Arg-wohn kann meiner Nichte nicht schaden. Die bloße An-nahme ist Beleidigung. Miß Chateron, daß ich so etwasnur sagen muß, ist über jeden Verdacht erhaben."

Ich glaube es ja, aber ich möchte doch, daß SieMit der Amme sprechen. Sie wissen nun alles, LadyPowys, Jane sah Miß Jnez eine Viertelstunde, bevorwir die Dame todt fanden, aus dem Kindszimmer kom-men, sie wollte hinein, Miß Jnez duldete es nicht. In-spektor Darwin ist schon hier, die Amme muß ihm einenWink gegeben haben, denn er beobachtet Miß Jnez ineiner Weise, die mir das Blut erstarren läßt."

Stillt " rief Lady Helena,ich will kein WortMehr hören; wo ist Miß Jnez?"

In ihrem Zimmer, und verzeihen Sie meine Kühn-heit, Mylady, aber ich glaube, sie argwöhnt. Anfangswar sie wie niedergeschmettert, jetzt gleicht sie mehr wiedersich selbst. Wollen Sie nicht erst die Todte sehen undSir Victor?"

Lady Helena erbleichte.

Ist Sir Victor bei ihr?"

Ja, und er sieht aus wie blödsinnig, ich fürchtewich, ihn anzusehen. Wenn er nur spreche, weinte, oderdem Mörder nachspürte, aber er fitzt wie versteinert da."

Wo ist sie?"

Im weißen Salon. Die Doktoren haben sie da-hin gebracht, und Sir Victor ist allein bei ihr."

Lady Helena ging.

An der Thüre zögerte sie, um sich für den Anblickzu stärken.

Der Salon war mit Wachskerzen erleuchtet, aufeiner improvisirten Bahre lag eine verhüllte Gestalt.

Daneben saß Sir Victor beinahe ebenso regungslos,kalt und bleich. Sein Auge war auf die Leiche gerichtetmit einem leeren Blick, der das Blut erstarren machte.

Victor!" rief die Tante entsetzt,um Himmels-willen, sieh mich an."

Sein stieres Auge hob sich voll namenloser Ver-zweiflung zu ihr.Sie ist todt" stöhnte er,todt und ich verließ sie wohl und glücklich, damit sie er-mordet würde ermordet I"

Schwer fielen die Worte von seinen Lippen, dannsah er wieder auf das Leichenantlitz und versank indumpfes Brüten.

Mit steigender Angst betrachtete sie ihn. Hatte seinesWeibes Tod ihn verrückt gemacht?

'Victor, ermanne Dich! Deine Meta wurde er-mordet, geh' und suche den Mörder!"

Ihren Mörder?" sprach er, unnatürlich ruhig,ihrenMörder? Ist es nicht seltsam, daß Jemand es ver-mochte, sie zu tödten? Ich muß den Mörder finden.

Himmel! was hilft mir der Mörder, der bringt sienicht wieder zum Leben. Sie ist todt, sag' ich todt!"

Er kniete neben die Leiche, zog die Hülle zurück unddeutete auf die kleine Stichwunde. -

i^Steh", klagte er, 'durch'S Herz, mitten durch's

Herz. Sie litt nicht, sagen die Doktoren. Durch's Herz»als sie schlief. O mein Liebchen, mein gutes Weib!"

Er küßte die Hände, das Haar, zog stöhnend dieHülle wieder über die Leiche und begrub das Gesicht darin.

Laß mich allein!" schrie er wild auf,mein warsie im Leben, mein allein! Juan log; mein ist sie auchim Tode, mein Weib, meine Meta!"

Lady Helena zögerte.

Plötzlich sprang er auf Mit hochgeröthetem Gesicht.

Verlasse mich, sage ich, weshalb kommst Du hier-her? Verlasse mich, ich befehle es. Hier bin ich Herr I"

Entsetzt wich sie zurück. Ihre gräßliche Furcht be-gründete sich; der Schlag hatte Sir Victors Geist zer-rüttet, man konnte nichts thun als gehorchen und ihnbesänftigen.

Ich will ja gehen, lieber Victor, sag' mir nur, obman nach ihren Eltern schicken soll?"

Nein, sie können sie nicht wieder zum Leben bringen.Niemand kann es. Ich brauche sie nicht, brauche Nie-mand. Meta ist mein, sag' ich, mein allein!"

Er machte eine gebieterische Bewegung, und LadyHelena ging. Wie sollte all' das enden? Der geheim-nißvolle Mord, der schreckliche Verdacht gegen Jnez, desNeffen Geistesstörung.

Gott steh' uns bei! Was thaten wir, daß solchesLeid uns trifft?"

Tante Helena!"

Sie blickte um, Jnez stand vor ihr mit entschlossenenAugen und eisigem Gesicht.

Ich warte auf Dich, man sagte mir, Du seiest dort."

Sie wies schaudernd auf die Thür.WaS sollenwir thun?"

O, frage mich nicht", seufzte Lady Powys,ichbin betäubt von all' dem Schrecken."

Der Untersuchungsrichter ist bereits da; morgenwird das Verhör beginnen."

Die Tante sah sie erstaunt an, der kalte Ton verletzte sie.

Hast Du ihn gesehen?" fragte Jnez leise.

Ich fürchte, er verliert den Verstand."

Miß ChateronS Lippen kräuselten sich verächtlich.

Das Gehirn der Chaterons war nie als besondersausdauernd bekannt. Mich sollte es nicht Wunder nehmen."

Wer kann es gethan haben?"

Diese Frage vermochte Lady Helena nicht über ihreZunge zu bringen. Wußte Jnez von dem gegen sie ge-richteten Verdacht? Konnte sie es wissen und so kalt sein?

Ich vergaß, mich nach Onkel Gottfrieds Befindenzu erkundigen", sprach das junge Mädchen nach einerPause,es geht ihm wohl besser, sonst wärest Du nicht hier.",

Ja, er befindet sich besser. Aber sag' mir, Jnez",stieß sie hervor,wer kann den Mord begangen haben?Hegt man keinen Verdacht?"

Allerdings! Die Dienerschaft hat mich in Verdacht."

Jnez!"

Sie haben nicht so Unrecht", fuhr sie kalt fort,es ist unleugbar, daß ich und Mylady auf schlechtemFuße standen, ich haßte sie von ganzem Herzen. EineViertelstunde, bevor man die Leiche fand, hat man michaus dem Zimmer gehen sehen. Jane Pool behauptet,ich hätte ihr verboten einzutreten. Das mag wohl sein.Eine Stunde vor dem Morde stritten wir heftig, dieAmme war zugegen, und so spricht alle Wahrscheinlichkeitgegen mich."

Aber Jnez"