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„Jane Pool theilte ihre Ansicht dem Untersuchungs-richter mit; ich ging auf sie zu, sie zerstoben wie ge-peitschte Hunde. Es ist Befehl gegeben, daß Niemanddas Haus verlasse. Finden sie mich schuldig, so weinenicht, es würde mir nur Deinetwegen leid thun, undweil es unseren Namen schändet."
„Barmherziger Gottl Es ist gerade, als wäret IhrAlle im Bunde, mich verrückt zu machen."
Jnez seufzte.
„Ich sage nur, daß morgen das Verhör beginnenund Jane Pool alles Mögliche zu meinem Nachtheileaussagen wird. Glaubst Du, daß Sir Victor erscheint?"
„Der erscheint wohl nirgends mehr, es genügt, einenkräftigen Mann verrückt zu machen."
Jnez Chateron lächelte eigenthümlich.
„Er wird eS überleben", bemerkte sie verächtlich,„Männer sterben wohl, aber nicht aus Liebe."
«Jnez, sag' mir, ist es wahr, daß Juan zurückkam,daß er hier gewesen?"
„Ja."
„Es geht ein Gerücht, das behauptet, es habe Streitstattgefunden, weil er alte Rechte auf Meta geltend zuMachen suchte, und Victor habe ihn fortgejagt."
„Auch das ist wahr. Und seitdem strich er umher,wie Du es nennst, um mir Geld abzupressen, ich abergab ihm keines. Was liegt an all' dem?"
„Ist er fort?"
„Ich hoffe es."
„Gut, ich fahre nun heim, um nach meinem Mannzu sehen, morgen komme ich wieder."
Unterdessen gestaltete sich die Sachlage nur immerfinsterer für Miß Chateron.
Der Untersuchungsrichter notirte ominöse Dinge.Sie hatte Sir Victor geliebt, sein Weib gehaßt, LadyChateron hatte gedroht, sie aus dem Schlosse zu jagen.Als Jane Pool mit dem Kind das Kindszimmer verließ,hatte Mylady friedlich geschlummert, der Dolch lag aufdem Tisch. Eine halbe Stunde später begegnete dieAmme Miß Chateron auf der Schwelle und hieß sie umihre Angelegenheiten sich kümmern. Fünfzehn Minutennach diesem Ereigniß fand die Zofe die Lady ermordet.
„Es wäre nicht die erste Dame, welche die Rivalinermordet", dachte der Richter, „wenn nur der Dolch zufinden wäre?"
Zwei Polizisten wurden heimlich beordert, ihn zusuchen, obwohl wenig Aussicht vorhanden war, ihn zu finden.
Der Untersuchungsrichter selbst schlich wie eine Katzedurch das Haus.
Auf seiner Wanderung gelaugte er auch in den Stall,wo ein junger Bursche nachdenklich auf dem Stroh saß.
„Hat was auf dem Herzen", denkt der Richter undsetzt sich freundlich neben ihn auf eine Kiste.
„Nun, Mann, was fehlt Ihnen?"
Der Bursche läßt sich nicht lange drängen.
Er hat am vorigen Abend in der Nähe des Lor-keerhaines streitende Stimmen vernommen, durch dieZweige geblickt und Mylady und einen großen, schwarzenMann gesehen. Sir Victor sei es entschieden nicht ge-wesen, aber er glaubte den Herrn erkannt zu haben, deram Abend vor der Herrschaft Heimkehr plötzlich erschienenund auch später im Park gesehen worden war. SeinerAnsicht nach hätten die Beiden über Geld gestritten. DerFremde wollte Gold oder Juwelen; die Dame drohte ihn
ins Zuchthaus zu bringen, und er selbst sei aus Furchtdavongelaufen.
Dem Untersuchungsrichter war diese Nachricht sehrerwünscht. Sie verwickelte die Sachlage. Vor fünf Mi-nuten hatte es für Jnez sehr bedenklich ausgesehen, jetztwar das anders.
Wer war der Mann? War eS ihr Bruder? Jimmyvermochte das nicht zu sagen.
„Wenn Sie Mehreres darüber hören wollen, gehenSie zu Mr. Hooper."
Der Jurist folgte dem Rath und forschte gewandtden alten Hausmeister aus.
Juan Chateron war ein un gerathener Mensch, waram Abend vor Lady Chaterons Ankunft erschienen, habeden Weg in den Speisesaal erzwungen und sei schließlichzum Gehen veranlaßt worden.
Diese Mittheilungen wurden aus dem alten Dienerförmlich herausgepumpt.
Mr. Ferrick, der Richter, erwägt all' das.
Der Vagabund Juan Chateron folgt der Damenach Chateron Royals, wird fortgejagt, belauert dasHaus; ein Mann, dessen Beschreibung auf ihn paßt,wird im Streit mit der Dame gesehen, er verlangt zweibis drei Stunden vor dem Morde Geld von ihr, dasFenster, an dem sie saß, öffnet sich auf den Nasen, istleicht ersteigbar, der orientalische Dolch liegt ganz handlich.
„Wer ist nun schuldig", fragte sich Mr. Ferrick,„der Bruder oder die Schwester?"
Er beauftragte einen Mann, Juan Chateron nach-zuspüren.
Langsam verstrichen die Stunden, sonnig erhebt sichder junge Tag.
Der weiße Salon ist verdunkelt, innen weilt derHerr allein mit der Leiche. Jnez war noch nicht beiihm gewesen. Noch immer sitzt er regungslos in apathi-scher Ruhe. Sobald aber Jemand versucht, ihn wegzu-bringen, springt er auf wie ein gereizter Löwe.
Als es dunkelte, hörte Lady Helena ihn leise mitder Todten reden und in gräßliches Lachen ausbrcchen.Sie tritt ein. Er kniet neben der Bahre und hält dieLeiche im Arm.
„Komm', Meta, es ist eine herrliche Nacht, und Dugehst gern im Mondlicht spazieren. Erinnerst Dn Dichder Nacht in Margate , wo wir am Meeresufer wan-delten? Sonst lagst Du nicht so kalt und steif und still.Steh auf, Meta, ich bin des Wartens nun müde."
Er hebt sie auf.
Entsetzt hält ihn die Tante fest.
„Um Himmelswillen, Victor, laß sie liegen, weißtDu denn nicht, daß sie todt ist?"
Er blickt schmerzvoll auf, wie ein stumpfes Thier.
„Todt!" schreit er und stürzt ohnmächtig über sie.
Lady Helena ruft um Hülfe.
Der Arzt findet des Barons Zustand bedenklich undfürchtet einen Gehirnthphus.
Bleich und still erscheint Jnez und seht sich an'SKrankenbett. Der weiße Salon ist verschlossen. LadyPowys hat den Schlüssel. Ein einziges Licht brennt darin.
Ein Polizist tritt triumphirend zu dem Untersuchungs-richter. Er hat den Dolch gefunden. Das ist mehr, alserwartet wurde.
„Wo fandest Du ihn?"
„Neben dem Parkthore ist eine förmliche Wildnißvon Gesträuch und Gestrüpp, dorthin wurde er geworfen."