Ausgabe 
(7.8.1896) 65
Seite
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Pfuscher!" brummte der Richter, .es ist schlimmgenug, ein Mörder zu sein, warum auch noch einDummkopf?"

Der Dolch hat unzweifelhaft den Todesstoß geführt;er war bis an den Griff mit Blut überkrustet, aberoffenbar hat ihn eine feste, sichere Hand geführt.

Das konnte keine weibliche Hand", sagte sich Mr.Ferrick,außerdem brauchte man mindestens fünfzehnMinuten vom Schlosse bis zum Parkthor, und zwischender Zeit, wo Jane Pool Miß Chateron auf der Schwelledes KindSzimmers traf und Mary die Leiche fand, lagnur eine Viertelstunde, ganz abgesehen davon, daß dasFräulein notorisch an dem Tage das Haus nicht ver-lassen hatte. Und wenn je sie in der Nacht ausgestiegenwäre, um das Mordwerkzeug zu verbergen, war es wahr-scheinlich, daß sie es gerade dahin that, wo man es fin-den mußte? Unentschlossenhcit traue ich ihr zu, nichtaber Dummheit. Sie mag wissen, wer den Mord voll-brachte, sie selbst aber that es nicht."

Während der Nacht regnete es, melancholisch nicktendie Bäume, klagend heulte der Wind.

Etwa um neun Uhr verläßt Jnez das Kranken-zimmer und bleibt lauernd und lauschend stehen. Siehört und sieht nichts. Die dunkle Gestalt des Weibes,das sie seit dem Morde nie ganz aus dem Gesichte ver-loren, bemerkte sie nicht. Das junge Mädchen hüllt sichfester in ihren Shawl, huscht die Treppe hinab und durchdie Settenthür hinaus in die finstere Nacht. Jane Poolfolgt ihr und hört ein Signal. Bald darauf glüht einebrennende Cigarre wie ein feuriges Auge durch die Nacht.

Klopfenden Herzens schleicht sie näher und erblickteines Mannes hohe Gestalt und ein schlankes Weib.

Ich sage Dir, Du mußt gehen", hört sie Jnezdeutlich sagen,ich bin schon beargwohnt, glaubst Dunoch länger entwischen zu können? Wenn Du Gefühlhast für Dich und mich, o gehe! Wenn sie Dich finden"

So kann es auch nicht schlimmer werden. Uebri-geus geh' ich, wenn Du mir Geld gibst."

Hier hast Du Alles, was ich habe, meine Juwelenund Alles. Es genügt, um Dir Jahre lang eine sorgen-freie Existenz zu verschaffen. Geh' und kehre nicht wieder.Dein Kommen hat Unheil genug angestiftet."

Der Mann antwortete unverständlich.

Wie wagst Du, so zu sprechen?" rief Jnez heftig.Du Elender, den Bruder zu nennen ich mich schäme.Ohne Dich lebte sie noch. Glaubst Du, daß ich's nichtwüßte? Geh', ich will Dich nicht wieder sehen, wederlebend noch todt."

Jane Pool steht betäubt.

War Jnez doch nicht die Thäterin?

Wieder spricht der Mann unhörbar und verschwindet.

Einen Moment sieht ihm das Mädchen regungslosnach, dann eilt sie zurück ins Hans.

(Fortsetzung folgt.)

Wie man in Amerika Reklame macht.

* Kaum hatte ich vor drei Jahren die neue Weltbetreten, als mich eine wichtige Angelegenheit von New-Dork nach Norjhampion im Staate Massachusetts rief.Meine Aufmerksamkeit wurde natürlich wahrend der Fahrtvon zahlreichen neuen Eindrücken in Anspruch genommen.Ich bewunderte z. B. vor Allem den Cvmsort der Eisen-

bahnwagen und die Blitzesschnelle des Zuges, vereint mitstaunenswerther Ruhe in dessen Bewegung. Allein waSmeinem Auge wahrhaft fremd erschien, das waren Vor-richtungen von zusammengenagelten Brettern, die, aufStangen prangend, in größeren und kleineren Entfern-ungen an meinem Wagenfenster vorüberzusausen schienen.In riesigen Buchstaben war da vor allem zu lesen:'VVooä's Larsaxarilln. Ich konnte mich nicht leichttäuschen, denn dieselben Worte erschienen wohl hundertmalauf einer Strecke von etwa 75 englischen Meilen. Dannwieder sah ich an einer Art eigens zu diesem Zwecke ein-gerammter Palissade in gelber oder rother Schrift aufblauem, weißem oder schwarzem GrundLaxolio" an-gepriesen. In Meiner Einfalt denn die Amerikanerbetrachten die Herübergekommenen als nicht zu sehr ge-witzigt, weßhalb sie ihnen den NamenOiesndorn", aufdeutsch etwaEinfaltspinsel", geben hatte ich einigenRespekt vor sothanen Tafeln und dachte:Das muß 'maletwas Großes sein, was da angepriesen wird." Zumeiner Ernüchterung weiß ich nun schon längst, daß dieerste Reklame sich auf eine Art edlen Nasses bezieht, diezweite aber den Händen einer putzseligen Hausfrau zuHilfe kommt.

Bald erwartete mich eine neue Ueberraschung: Einelegant in Dunkelblau gekleideter junger Mann kamwürdevoll durch den langen Eisenbahnwagen geschritten.Die Wagen sind nämlich durchgängig, so wie sie ineinigen Theilen Deutschlands, wohl auch in Oesterreich theilweise, anzutreffen sind. Er überreichte jedem Passagierein gelbliches Couvert. Auch ich ward mit einem Exem-plare beehrt. Ich träumte schon von einer Höllenmaschine,denn meine Phantasie war nicht mit den freundlichstenBildern erfüllt. Aber als ich von den Mienen der andernBeschenkten nichts Schreckbares ablesen konnte, öffnete ichmein Couvert. Damals wußte ich nämlich noch nicht, daßman den Gesichtszügen des Amerikaners überhaupt nichtscntlesen kann. Ich öffnete also. Aber da lag nur einzweites Couvert vor meinem neugierigen Blicke. Dochward mir die Genugthuung zu Theil, darauf zu lesen:

tieklinF is insiäs«, was zu gut deutsch meint:Der Kitzel ist innerhalb." Natürlich war nun meineNeugierde gekitzelt, denn ich bin Weib. Also, ich öffneterasch auch die zweite bergende Hülle. Und was lag da?Staune, Leser, und schaudere: eine schwarze Gockel-feder. Und als ich diese hochwichtige Entdeckung fachtein die Höhe hob, sah mein thränenfeuchtes Auge die nichtallzu bescheidenen Anpreisungen eines Hotels in Spring-field. In New-Aork und Brooklyn, diesen Millionen-städten, trifft es sich nicht selten, daß mitten im Ge-dränge der Hauptgeschäftsstraßen ein komisch gekleideterMensch auf riesig hohen Stelzen seinen Weg durch dieMenge sucht. Seine Kleider sind bedeckt mit buntfarbigenReklamen irgend eines profitsuchenden Handelshauses.Oder es kommt vor, daß eine wandelnde Glocke die Auf-merksamkeit der dahinrasenden Dollarjäger gewaltsamer-weise auf sich zieht. Die Glocke ist bedeckt mit Reklamen,aber durch zwei oben angebrachte Löcher suchen die Augendes Trägers das Tageslicht. Hier und da sieht und hörtman auch Ziegenböcke, auf deren hochedlen Rücken glüh-rothe Decken prangen, stolzen Schrittes einem kleinenKarren voranmeckeru. Aus dem Karren flattert verheißendeine Flagge, und auf ihr nun ja, eine Reklame. "

Das Gemisch der an allen Geschäftshäusern zu-sammengedrängten Anpreisungen, die manchmal, selbst