Ausgabe 
(7.8.1896) 65
Seite
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inmitten des ernsten amerikanischen Lebens, Zum Lach-kranrpf reizen, ist für das Auge des Fremden geradezuverwirrend. Ich wundere mich nicht, daß Lenau der neuenWelt den Nucken kehrte. Ein komischer Dichter, mehrnoch ein Satiriker, fände vielen Stoff hier. So wärees gar nicht übel, folgende Reklame zum Argument einerSatire zu erkiesen: In Tarrytown , einem reizendenStädtchen am Hudson, war kürzlich folgender Ausdruckeiner bescheidenen Seele an so manchem alleinstehendenBaumstämme zu lesen:Ich spreche Jedem Hohn, deres wagt, mir Coucurrenz zu bieten, denn ich bin derHauptimporter (Waarenbezieher vorn Auslande) in Herren-kleidern. Joe Cohn."

Gar Manches könnte noch berichtet werden, alleindie Zeitungen würden es nicht fassen. Eines aber kannnicht unerwähnt bleiben: Selbst die Felsen der CatSkill-gebirge sind nicht sicher vor Reklamen. Ich sah solchekürzlich in riesigen Lettern an Felsblöcken prangen, alsich von dem dahinrasenden Dampfroß zum Ontario-See getragen wurde.

Watertown, N.-N.

Dr. xlülos. Barbara Nenz.

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Aus Worishofeu.

Vor zehn Jahren war dieses schwäbische Dorf inBayern , wie ähnliche Ortschaften, den Meisten nur demNamen nach bekannt, in den übrigen Ländern Europas war es gänzlich unbekannt; lag dasselbe ja entfernt vonden größeren Verkehrsadern. In stiller, bescheidenerZurückgezogenheit wirkte unter den tausend katholischenInsassen als Pfarrer und zugleich als Beichtvater indem daselbst befindlichen Dominicancrirrnen-Kloster einedler, biederer Priester, Sebastian Kneipp , den seineNachbar-Collcgcn wegen seiner innigen Frömmigkeit,großen Menschcn-Kenntniß und seines ersprießlichen Wir-kens hochschätzten, ebenso wie seine Pfarrkinder, denen erNicht bloß reichlich geistlichen Trost spendete, sondern auchin Krankheiten hilfreich zur Seite stand. Als PfarrerKneipp im Jahre 1886 die erste Auflage seines WerkesMeine Wasserkur" veröffentlichte, zog dieses praktischeWerk nicht bloß die Aufmerksamkeit seiner Landsleute,sondern im raschen Tempo bald die der ganzen Welt aussich. Viele Leidende suchten von dieser Zeit an Hilfebei diesem Wnndermanne, und die Zahl derselben stiegin einer solchen Weise, daß wohl kein Kur-Ort der Weltin einem Deccnnium eine solche Entwicklung auszuweisenvermag.

Als ich im Jahre 1890 das erste Mal hieher kam,hakte Wörishosen nichts weniger als die Gestalt einesmodernen Kur-Ortes. Man mußte froh sein, wenn manbei einem Insassen ein bescheidenes Zimmer erhaltenkonnte. In einem Zimmer des gastlichen Klosters er-theilte Pfarrer Kneipp allen Denen, die bei ihm Hilfesuchten, und es waren dies zumeist Arme und Schwer-leidende, Sprechstunden. Die verschiedenen Applicationen,zumeist Güsse und Bäder, wurden in Waschküchen undspäter in einem notdürftigen Badehause gegeben. Wiehat sich in diesen sechs Jahren Wörishosen geändert!Da die Zahl der hier Hilfe Suchenden auf viele Tausendejährlich stieg und auch die überraschendsten Heilungenstattfanden, sah sich die Gemeinde Wörishosen genöthigt,den kleinen Ort ganz umzugestalten. Es entstanden

viele neue Häuser, die den Namen Villa annahmen, einName, der vor zehn Jahren den Wörishofern ganz un-bekannt war, sowie schöne Hotels, in denen die zahl-reichen Fremden eine gute Unterkunft finden. SchöneGewölbe mit Auslagen und Artikeln aller Art drängtendie früheren kleineren Verkaussläden in den Hintergrund.Der Bach, welcher das Dorf durchzieht, hat einen schönensteinernen Quai mit Brücken erhalten. Während vorzehn Jahren das Dorf 1000 Insassen zählte, ist dieZahl derselben bereits auf 1900 gestiegen, wobei dieKur-Gäste nicht eingerechnet find. Die wenigen Briefe,welche hier vordem einliefen, wurden von einem Post-boten von Türkheim aus hieher befördert. Jetzt bestehtseit Jahren ein Postamt mit fünf Beamten. Nach einerbeiläufigen Berechnung lausen durchschnittlich täglich 1000Briefe ein, und eine gleiche Zahl oder noch mehr gehendurchschnittlich von hier ab. Wir werden nicht vielirren, wenn wir die Zahl der ein- und ausraufendenBriefe, Postkarten und Packete jährlich auf eine Millionschätzen. Bald nach Errichtung der Post sah die bayerische Regierung sich veranlaßt, auch eine Telegraphenstationzu errichten, von wo jährlich durchschnittlich 1300 Tele-gramme abgesendet werden und 1000 einlaufen. Wäh-rend vor einigen Jahren die Straßen zur Nachtzeit nochkeine Beleuchtung hatten, erhellt jetzt das elektrischeLicht Straßen und Häuser, um welches viele Großstädteden Ort Wörishosen beneiden könnten« Drei neue Wasser-leitungen versehen die Gemeinde und die Badehäuser mitfrischem reichlichem Quellwasser. Das Projcct einerelektrischen Bahn, welche die Eisenbahnstation Türkheim mit Wörishosen zu verbinden bestimmt ist, wird Heuernoch zur Ausführung gelangen.

Daß ungeachtet der vielen Ktteipp-Anstalten, die inverschiedenen Ländern entstanden sind, der Zufluß vonHilfesuchenden von Jahr zu Jahr sich steigert, dafürsprechen folgende Zahlen: Im Jahre 1894 betrug dieZahl der Kur-Gäste an 10,000, im Jahre 1895 über10,500. Dazu kommt noch eine größere Zahl vonKranken, die sich oft nur einen Tag oder wenige Stun-den hier aufhalten, um den Prälaten Kneipp über ihrenZustand zu consultiren und Anwendungen sich ver-schreiben zu lassen. In den Sommer-Monaten empfängtder edle, unermüdliche 75jährige Priestergreis bis an 300Personen täglich; dazu besucht er noch die Schwerkrankenin den Häusern und seine Lieblinge, die armen Kinderdes Asyls, predigt jeden Sonn- und Feiertag, übt dasAmt eines Beichtvaters im Kloster und in seiner Pfarr-kirche und erfüllt in gewissenhafter Weise seine feelsorger-lichen Pflichten.

Wer die Kur-Liste durchblättert, der findet Kur-Gästenicht bloß aus allen Ländern Europas , vom höchsten

Norden bis zum Süden, sondern auch Hilfesuchende ausallen fünf Welttheilen, angefangen von den höchsten

Kreisen der menschlichen Gesellschaft bis hinab zu dem

ärmsten Proletarier, aus allen Ständen und Geschlechtern.Greise, Männer, Frauen, Jünglinge, Mädchen bis herabzu den Säuglingen kommen nach Wörishosen, um vonden Leiden der verschiedensten Art befreit zu werden.

Ein großes Contingent stellt der geistliche Stand. Car-dinäle, Bischöfe, Prälaten, bis herab zum Landkaplan,Priester und Laienbruder aller Orden und Congregationcnder katholischen Kirche , Protestanten und Juden suchendiesen edlen Menschenfreund auf und werden ohne jeg-lichen Unterschied empfangen und behandelt. Im ve»