Ausgabe 
(14.8.1896) 67
Seite
509
 
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Freitag, den 14. August

-er 6?.

Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer Dr. Max Huttler ).

Ein furchtbares Geheimniß.

Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary AgnesFlemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch.

(Fortsetzung.)

12. Kapitel.

Der Tragödie erstes Ende.

Etwa acht Tage nach Lady ChateronS Begräbnißsteigerten einige Ereignisse die Aufregung auf Aeußerste.

Zunächst erfolgte Miß Chaterons Verhör vor derPolizeibehörde und ihre Uebersiedelung ins Gefängnißbis zur Assisen-Verhandlung.

Bleich und stolz nahm sie Platz auf der Anklage-bank, äußerlich unbewegt überschaute sie das Meer vondrohenden Gesichtern. Auch ihre wenigen Freunde warenzugegen. Deren Zahl war gering, weil allgemein ange-nommen wurde, daß, wenn sie auch den Todesstreich nichtselbst geführt, sie doch des Bruders Helferin gewesen.

Jane Pool's Aussagen gegen sie waren bitterer, ver-derblicher denn je. HooperS widerstrebende Worte zeugtenebenfalls gegen sie. Nach zwei Tagen wurde Jnez Cha-teron wieder ins Gefängniß gebracht, um wegen Mordesvor den nächsten Asstsen angeklagt zu werden.

Trotz aller Anstrengungen der Chesholmer undLondoner Polizei wurde von Juan Chateron keine Spurgefunden.

Sir Victor hatte die Krisis glücklich überstanden,er sollte leben, ohne das geliebte Weib, das in derAhnengruft ruhte.

Der Erbe von Chateron Royals war nach PowysPlace gebracht worden, um dort unter seiner GroßtanteObhut erzogen zu werden.

Eines Tages erhielt Lady Helena einen Brief inoffenbar verstellter Handschrift. Das Couvert enthieltein an Jnez Chateron adresstrtes Schreiben.

Sie fuhr am folgenden Tage ins Gefängniß undüberreichte dasselbe schweigend ihrer Nichte.

Gott sei Dankt" flüsterte diese.

Es ist von Juan, natürlich; darf ich's lesen?Kommt er nun-"

Kommen?" rief Jnez erstaunt,gewiß nicht, er istGottlob in Sicherheit."

Und läßt Dich an seiner Stelle leiden, und Dudankst dem Himmel dafür? Gib mir den Brief."

^Am Bord der drei Glocken. Liebe Jnez, Du siehst,ich entkam glücklich in meiner Verkleidung. In zwanzig

Minuten lichten wir die Anker nach Westindien . Ichlas die Zeitung und bedaure, daß man Dich eingezogenhat. Wenn ich dennoch wegbleibe, geschieht's nur, weilich weiß, sie können Dich nicht verurthetlen, sonst kämeich gleich und gestünde Alles. Der Baron hat den Ge-hirntyphus, wenn er stirbt, ist nur der Junge zwischenmir und der Nachfolge. Bisse auch der ins Gras, sowäre ich ein feiner Baron. Natürlich denkt er nichtdaran. Mich verfolgt das Geschick, und ich werde einarmer Teufel bleiben lebenslang. Schreibe mir an Bordder drei Glocken nach Martinique , damit ich wisse, wte'sin England geht. I."

Zürnend ballte Lady Helena den Brief zusammen.

Und für den herzlosen Schurken duldest Du all'das? Jnez, ich befehle Dir, zu sagen was Du weißt."

Ich sagte vor Gericht, was ich zu sagen hatte.Reden hilft nichts."

Die Tante zerriß den Brief.

Und Du sollst doch gerettet werden", sprach sieleiser,Du darfst nicht vor dem Schwurgericht stehen."

Miß Chateron blickte auf die starkvergitterten Fenster.

Ich möchte wohl gerettet werden, wenn ich eSkönnte, ohne zu sprechen; mich tödtet's, soll ich nochmalsauf die Anklagebank."

Zwei Tage später hatte Lady Helena eine geheimeUnterredung mit dem Gefängnißwärter. Auf dem Tischelagen Wechsel im Betrage von fünftausend Pfund. DerMann saß mit gefalteten Brauen da. Jahre lang warer in Lady PowyS' Familie bedienstet gewesen. IhrEinfluß hatte ihm die Stelle verschafft, sein Weib warkrank, seine Familie zahlreich; fünftausend Pfund wareneine große Versuchung.

Sie riskiren nichts", flüsterte Lady Helena,mankann Sie nur wegen Vernachlässigung Ihrer Amtsver-richtung tadeln, und selbst wenn Sie die Stelle ver-lieren, bietet diese Summe Ihnen mehr als genügendenErsatz. Denken Sie an meine Nichte, was ihr Lebenbisher gewesen, waS es künftig sein soll. Und sie istschuldlos, ich schwöre es. Auch Sie haben Töchter,'vergessen Sie das nicht."

Er reichte ihr die Hand.

Genug, Mylady, es geschehe."

Vier Tage später enthielt derCourier" Folgendes:

Miß Jnez Chateron ist aus dem Gefängnisse entflohen.Als der Unterwärter mit dem Frühstück kam, fand er dasGefängniß leer. Die Fenstergitter waren durchfeilt, eine