Ausgabe 
(14.8.1896) 67
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Strickleiter und Freundeshülfe thaten das UeLrige. DerOberwärter wird beargwohnt, weil er in seiner Jugendim Dienste der Familie Powys stand. Er erklärt, Abendsnichts Verdächtiges entdeckt zu haben. Wenn noch einBeweis der Schuld fehlte, liefert ihn die Flucht. DiePolizei ist in voller Thätigkeit, um der Flüchtigen wiederhabhaft zu werden."

Die Flucht erregte womöglich noch mehr Sensationals der Mord. Der Wärter befand sich in Gefahr ge-lyncht zu werden, weil das Volk den Sachverhalt durch-schaute.

Im Dunkel der Nacht entkam auch er mit seinerFamilie uach London .

Die Zeit verging. Der Oktober war zu Ende, undnoch keine Spur von den Flüchtigen gefunden. An ihrerSchlauheit scheiterten die Bemühungen der Polizei.

Die erste Novemberwoche brachte neue Kunde. SirVictor hatte Chateron Royals verlassen. Die FamiliePowys begab sich mit dem Kinde und dessen Amme nachdem südlichen Frankreich , weil des kleinen Victor Ge-sundheit es verlangte.

Das Schloß wurde der Aufsicht der Mrs. Marshund des Mr. Hooper, den Ratten, Mäusen und der Un-bill des Wetters überlassen und das Mordzimmer fürimmer geschlossen.

So endete für die Gegenwart die Tragödie vonChateron Royals. Bruder und Schwester hatten sichdem Gesetz entzogen, Lady Chateron lag stumm mit ge-falteten Händen in der Gruft, ein Monument kündeteNamen und Alter.

Doch der Mord will an's Licht; wenn auch lang-sam, folgt die Strafe sicher, es kommt ein Tag derWiedervergeltung, schrecklich und furchtbar für den Mördervon Meta Chateron.

Zweites Buch.

1. Kapitel.

Miß Darrell.

Mit unaufhörlichen Regengüssen reihte sich der Märzdem strengen Januar und Februar und brachte mit seinemSchmutze, seinen nassen Frühlingslüften und seinem ein-förmigen Wolkendach alle Menschen in Verzweiflung.

Wenn Du die ganze Küste zwischen Maine undFlorida absuchtest, Du fändest kein düstereres und schmu-tzigeres Städtchen als Sandypoint in Massachusetts . Esbesteht aus einigen kothigen Straßen, weißgetünchtenHäusern mit rothen Thüren und hellblauen Läden.Ein halbes Dutzend Krämereien, ein Schulhaus, zweiKirchen, eine Markthalle und drei Wirthshäuser bildendie öffentlichen Gebäude. Im Rücken hat es den Urwald,vor sich die See. Diese war heute ganz in Nebel ge-hüllt, dumpf schlug die Brandung an die Felsenriffs,schwer und dunkel stand der Forst im Hintergründe; wer abersoll den Zustand der Straßen beschreiben? Und nochschien das Wetter nicht Lust zu haben, sich zu ändern.

Es war zehn Uhr Vormittags. Die Straße warleer, Thüren und Fenster geschlossen. Plötzlich tauchteam Ende derselben ein junges Mädchen von etwa acht-zehn Jahren in Begleitung eines nassen Köters auf.Sie war aus einem unscheinbaren Häuschen an der Küstegetreten nnd durchwatete den Schmutz, ohne sich desSchutzes eines Regenschirmes zu erfreuen. Ihrem schä-bigen Gewände, den alteil Filzhut mit den rothen Blumen

hatten Wind und Regen ohnehin längst zerzaust, mochtedas Unwetter nichts anhaben.

Und doch war es ein hübsches Mädchen, mit großenschwarzen Augen, regelmäßigen Zügen und hoher, schlankerGestalt. Stelle aber Venus im Negensturm auf einekothschwimmende Straße, hülle sie in fadenscheinigen Al-paka, einen abgetragenen Shawl, und sieh Dir dann DeineAnadyomene an.

Edith Darrell leidet zur Zeit an all' diesem Unge»mach, sieht obendrein mürrisch aus und hat sich momentanoffenbar um ihre persönliche Erscheinung nicht gekümmerr.Rastlos schreitet sie dem Orte ihrer Bestimmung, einemalten Kramladen, zu, dessen Besitzer mit einem herzlichenGuten Morgen, Miß Darrell, womit kann ich Ihnendienen?" sie begrüßte.

Sie verlangte die nöthigen Waaren, verließ dasLokal mit kühlem Nicken und wandte sich der Post zu.

Selbst der alte Posthalter ermannte sich bei ihremAnblick zu einem Lächeln; sie mußte, wenn bei guterLaune, eine allgemein beliebte Persönlichkeit sein.

Briefe für Sie? Ja, Miß Edith, hier ist einSchreiben aus NewDork."

Erröthend griff sie darnach, aber es war eineMädchenschrift, und das blaue Siegel trug ein sentimen-tales Motto.

Von Trixy", flüsterte sie,und ich hatte gehofft wissen Sie gewiß, Herr Posthalter, daß sonst nichtsfür mich eingelaufen ist?"

Ganz gewiß, Fräulein."

Sie wandte sich nach kurzem Gruß, ihre Züge ver-finsterten sich.Er ist wie alle andern", dachte siebitter,aus den Augen, aus dem Sinn. Wie thörichtzu hoffen, daß er mein gedächte."

Mit eiligen Schritten machte sie sich auf den Heim-weg und sah bald das elterliche Haus, ein einsames, aufeinem Riff stehendes Gebäude vor sich liegen. Ein Wegführte dahin, ein anderer uach dem Strand unten. Sieblieb stehen und schaute mürrisch zu dem Haus hinauf.

Wenn ich heimgehe, muh ich kochen oder flicken.Meine theure Stiefmutter hat Wäsche, und ich weiß,was das zu bedeuten hat. Nein, selbst im Regen ist'sbesser als daheim."

Sie schlug den entgegengesetzten Pfad ein und ge-langte zn einem Felsenvorsprung, der ziemlich vor demWetter geschützt war. Dort setzte sie sich und erbrachden Brief.

Der Brief lautete:

Ncw-Aork, den 13. März 18

Vor einer halben Stunde kam ich von einem glän-zenden Ball nach Hause und will Dir, liebste Dithy,von dessen Glänze erzählen, so lange alles faröenhell inmeiner Erinnerung prangt. Der Ball ward zu Ehre»vornehmer englischer Gasts, Lady Helena Powys vonPowys Place, Cheshire, und Sir Victor Chateron vonChateron Royals, Cheshire, gegeben. Wie prächtig dieTitel klingen! Meine Feder ist stolz, die Namen zuschreiben. Lady Helena! o Dithy, wie herrlich muß esseinMylady" zu heißen! Du fragst was ich trug?Ein grünes Seidenkleid unter weißem Tüll gerafft mitMaiglöckchen und Gras. Das Gleiche hatte ich im Haar.Ein verführerisches Costüm, meinst Du. Nun, ich sahgut aus, tanzte die ganze Nacht, und was mein Hoch-entzücken bildet dreimal mit dem Baron! Ueber seinTanzen kann ich nicht viel sagen» aber er ist entzückend,