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Dithy, herrlich! Ist es auch anders denkbar bei einemBaron? Er hat einen unbeschreibbaren, unnachahmlichenenglischen Accent, ist sehr jung, sehr hübsch und sehrblond. Er trägt einen Zwicker, daS allein sieht meinerAnsicht nach, schon distinguirt aus, und es gehört zumguten Ton, kurzsichtig zu sein. Warum sie in New-Dork sind, höre ich Dich fragen. Lady Helena wurdeihrer Gesundheit halber eine Seereise verordnet, und ihrNeffe begleitete sie. Mylady ist eine dicke sechzigjärigeMatrone, eine Tochter des seligen Marquis St. AlbanS und seit Kurzem verwitwet. Die Familie ist ungeheuerreich, Dithy. Niemand vermag sich mit ihnen zu messen.Natürlich machen alle Damen Sturm aus den Baron.O Dithy, wenn er sich für mich interessirt, mich zur LadyChateron macht, ich stürbe wohl aus Glückseligkeit, wieLord Berleighs Braut in der Geschichte. Denke Du läsestin der Zeitung: „Vermählt durch den Reverend Blankim Hause des Vaters der Braut Sir Victor Chateron,Baronet von Chateron Noyals, Cheshirc, England , mitBeatrice Marie Stuart, einziger Tochter des James Stuart,Esquire, Bankier der 5.Avenue, New-Iork. Keine Karten."O Dithy, es macht mir den Kopf verrückt. Und doch er-eigneten sich schon seltsamere Dinge. Nächste Woche istmein Geburtstag, und Mama gibt eine große Gesellschaft,wozu Lady Helena Powys und Sir Victor gebeten sind.Ich werde rosa Seide mit echten Spitzen tragen und einePerlengarnitur, für die Papa jüngst tausend DollarSbezahlte. Verfehlen Perlen und Spitzen ihren Zweck,so habe ich noch ein anderes Project. Lady Powys kehrtin der ersten Maiwoche nach England zurück, und wirgehen mit dem gleichen Schiff, Papa, Mama, Rudolfund ich. Ist das nicht reizend? Wenn Du kämest,könntest Du ein Buch über unsere Erlebnisse schreiben.Doch, im Ernst, Edith, ich wünsche, daß Du mitgingest.Es ist eine Schmach, daß Du in dem Sandypoint leben-dig begraben sein sollst, Du mit Deinem Geist, DeinerBildung, Deiner Schönheit!
Wenn ich den Baron heirathr, nehme ich Dich mitnach England , und Du sollst dort glücklich leben. Aberich habe ja wieder vergessen, von dem Ball zu reden.Ganz New-Nork war dort. Die Musik herrlich, dasGedränge furchtbar, das Souper himmlisch. Sir Victorgefallen die Amerikanerinnen, wie wäre das auch andersmöglich? O, der Winter war köstlich, alle Abend irgend-wo Gesellschaft und der Schlittenpartien kein Ende. Ichhabe ein prachtvolles Schlittschuhcostüm von violettemSammt mit Hermelin; Worte können c§ kaum beschreiben!
Horch l da schlägt es fünf Uhr und die Dämmerungbricht an. Schnell ins Bett. Mit endloser Liebe undzahllosen Küssen Deine Beatrice."
Edith ließ den Brief sinken und sah hinaus in diegraue, sturmgepeitschte See. Das war ein Leben, nachdem sie sich gesehnt, das sie erträumt, für das sie dieHälfte ihres Daseins hingegeben Hütte: Bälle, Opern,Seide, Perlen, Atlasschuhe und Triumphe der Schönheit.Sie dürstete darnach, wie der Blinde nach dem Licht,sehnte sich unsagbar nach den blendenden Hallen, denstrahlenden Festen. Sie war jung und schön. DieNatur hatte sie für des Lebens Glanz und Pracht ge-schaffen, das Schicksal aber hat sie htnauSverpflanzt andie öde, trostlose Meeresküste.
Der Regen fiel, der Wind blies ihr ins Gesicht —sie achtete es nicht. Ihr Herz war voll Aufruhr undBitterkeit.
Veairicens Vater war ihrer verstorbenen MutterVetter gewesen; warum gehörte Beatrice zur Geldaristo-kratie, während sie unter den Armen vegetirte? DieGlorie der Welt, die Fleischtöpfe Egyptens , der Purpur,der Damast: ihr Herz sprang fast vor Sehnsucht. Ihrganzes Leben war voll Armuth gewesen, in schäbigenKleidern mußte sie in Schmutz und Regen Kommissionenfür die Stiefmutter besorgen. Verzweifelnd blickte sieauf die tosende See.
In Gedanken versunken, beachtete sie nicht die sichnahenden Fußtritte.
Plötzlich schloffen sich zwei behandschuhte Hände überihre Augen, und eine sanfte Männerstimme sagte:
„Wüßte ich doch die Gedanken zu nennen, die einMädchen durchtobten, wenn es im Regen auf einemFelsrtff sitzt!"
Sie sprang auf und blickte verwundert um.
„O, Du bisi's, Rudolf!" rief sie und streckte ihmleuchtenden Auges beide Hände entgegen.
„Was hast Du denn eigentlich, Edith, wenn ich derMann im Monde wäre, könntest Du mich nicht ärgeranstarren. Hast Du, wenn ich solch' zartes Thema be-rühren darf, den Verstand verloren, weil Du bei demscheußlichen Wetter hier sitzen bleibst, um bis auf dieHaut durchnäßt zu werden?"
Es war ein hübscher, junger Mann von etwa fünf-undzwanzig Jahren, fein gekleidet und mit jenen unbe-schreiblichen Manieren, welche die goldene Juaend New-Jorks auszeichnen.
„Warum siehst Du mich so sonderbar an, Dithy",begann er nach kurzer Pause wieder, „warum sagst Dunicht, daß Du Dich freust, mich zu sehen?"
„Nun, natürlich freue ich mich, überrascht aber hat«ich Dein Kommen, denn ich laS eben einen Brief DeinerSchwester, und sie sagt kein Wort davon.".
„Aus dem einfachen Grunde, weil sie nichts davonwußte. Aber laß Dich einmal ansehen, Du bist ja zumSchatten abgemagert, ist das die natürliche Folge meinesFortgehens?"
„Ohne Zweifel, ohne Dich ist das Leben selbstver-ständlich unerträglich, was ich aber auch verloren habenmag, Dein Eigendünkel ist sich gleich geblieben."
„Versteht sich, meine Vorzüge sind ebenso dauerndals zahlreich. Uebrigens bist Du weniger herzlich alssonst, woher kommt das?"
„Ich las eben Trixy's Brief, und der flößte mirnatürlich ungeheueren Respect vor der ganzen Familieein. Wie konnte ich es wagen, dem Busenfreund einesBaronS in familiärer Weise zu nahen?"
„Aha, hat Trixy Dir dummes Zeug geschrieben?Ich weiß nicht, ob es merkwürdiger ist, zwanzig Seitennichtssagender Phrasen zu schreiben, oder sie zu lesen?Der Brief enthält wohl nur Lobgesängc auf Sir Victor?Gut, er ist ein Aristokrat vo« reinsten Wasser, ein Baronmit jährlich so und so viel Pfund Renten und mehrGrundbesitz und Häusern, als Du mit Deinen beschränktenRechenkenntnissen zählen könntest. Er ist blond, alsoein völliger Gegensatz zu Dir, Edith, hat einen keimen-den Backenbart und geht meist in einem dunklen Oxford-anzug und einem runden Filzhut durch's Leben. Uebri-gens gefällt mir der junge Mann; nur sehe ich nichtrecht ein, warum die Götter ihm allein ihre Gunst ge-schenkt haben, mir aber nicht! Willst Du noch mehrwissen?"