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„E8 genügt, daß er Dir gefällt. Und Lady Helena?*
„ES ist eine gewichtige, ehrwürdige Matrone inschwarzer Seide und Spitzen, welche den Boden verehrt,auf dem ihr Neffe gegangen. Denke einmal, Du armesUankeemädchen, sie ist die Tochter eines Marquis, Peereffevon England und erröthe, daß Du keine Ahnen hast.Doch warum wiederkäuen, was Trixy Dir ohnehin ge-schrieben hat. Du magst eine Najade sein und fähigim ewigen Wasserstrom zu leben, ich aber bin sterblichund dem Rheumatismus unterworfen, Durch alle Porenmeiner Patentsttefel dringt das Wasser, eS rinnt inStrömen von den Kleidern, und wenn Du nicht nocheinmal Lust hat, mich während des Fieberanfalles zu Pflegen,schlage ich vor, uns zu entfernen.*
„So komm' nach Hause."
„Sehr gern, aber Du hast mich ja noch gar nichtgefragt, weshalb ich hier sei?"
„Um zu jagen?"
„Zu fischen?"
„In heißen Augusttagen ist das eine angenehmeBeschäftigung, jetzt danke ich dafür. Nein, ich kommeob Besserem, ich komme Deinetwegen."
„Rudolf l«
„Ja, ja, hier habe ich ein Billet, wenn's in demRegen nicht zu Grunde ging. Trixy hat Dir doch vondem projektirten Ausflug nach Europa geschrieben?"
„Und?" — In athemlosem Interesse heftete sie ihreAugen auf ihn.
„Hier ist das Billet."
Sie riß es auf und laS mit pochendem Herzen:
„Liebe Edith, wir wollen im Mai nach Europa gehen. Da Du der französischen und deutschen Sprachemächtig bist, wärest Du eine unschätzbare Erungenschaftfür uns, und ich lade Dich ein, uns zu begleiten. DeinVater hat hoffentlich nichts dagegen einzuwenden, er wirdeinsehen, daß die Reise für Dich nur Vortheile in sichschließt. Empfiehl mich Deinen Eltern und komme sobald als möglich zu Deiner Dich liebenden Tante Char-lotte Stuart ."
Edith blieb wie geblendet stehen.
„O, Rudolf! Rudolf!" war Alles, was sie in ihrerfreudigen Ueberraschung hervorbrachte.
„Ich wußte nicht, daß meiner Mutter Briefe solch'angenehme Wirkung haben", lachte er, „wie herrlich mußder Beruf des Briefträgers sein! Du gehst also mit?"
„O, Rudolf, ist denn etwas Anderes denkbar?"
„Wird Dein Vater es erlauben?"
„Armer Papa, er wird mich verm'ffen, aber er wirdes mir nicht abschlagen. Und Dir, Rudolf, Dir habeich ^as Glück zu verdanken", jubelte sie wonnetrunken.
Er blickte ihr innig ins Auge und vergaß zu spotten.
„Und glaubst Du, armes Kind, daß in der Weltaußerhalb dieser Meeresküste alles Sonnenschein sei undLuft? Gut, behalte die Meinung, sie wird bald genugvergehen. Was Dir aber auch das neue Leben bringenmag, ich bitte Dich, mir nie vorwerfen zu wollen, daßich die Ursache war, weshalb man Dich aus dem altengerissen."
„Nie", sagte sie.
Und sie hielt Wort. In all' der Trauer, derSchmach der Zukunft wäre sie nie zurückgekehrt, tadeltesie ihn nie.
Schweigend schritten sie dahin und standen bald an
der Thür des Hauses, das Edith Darrell achtzehn Jahrelang ihre Heimath genannt, das sie fürder nie mehr sonennen sollte. Wie verklärt war das junge Mädchen, ihreLippen lächelten, ihr Auge glänzte.
„Bis wann soll ich zur Abreise bereit sein?" fragtesie unter der Thür.
»Je eher, desto besser."
(Fortsetzung folgt.)
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Eine Donaicherle.
Der bekannte Feuilletonist der Köln. Ztg., Freiherrv. Perfall, hat sich auf der Rückreise von den MoskauerKrönungsfeierlichkeiten einige Tage in Passau aufge-halten und seine dort empfangenen Eindrücke in nach-folgender, anziehender Plauderei niedergelegt:
Auf der Heimfahrt zwischen Krakau und Wien fiel mirein, daß ich von dem kleinen bayerischen GrenzstädtchenPaffau a. d. D. schon so viel Gutes gehört hatte, und es schienmir ganz zweckmäßig, mich gleich beim Eintritt ins deutscheVaterland ein bißchen zu verschnaufen und in göttlicherFaulheit ein paar Tage zu verthun. An mein Hand-werk wollte ich gar nicht denken. Der liebe Gott hatdie Welt nicht bloß deßhalb so schön gemacht, damit dieFeuilletonisten etwas zu schreiben haben. Aber diesesPassau ist ein so entzückendes Nest, ein so feines Donau -perlchen, daß ich die Freude, die ich dort hatte, nicht fürmich allein behalten kann. Gewiß gibt es viel groß-artigere landschaftliche Schönheiten, aber nicht viele Orte,über die so viele Lieblichkeit ausgegossen ist. Um land-schaftliche Schönheit handelt es sich nämlich. Zwar istdie Stadt ein uralter Bischofssitz, der neben St. Gallen,Bamberg und Negensburg in der Culturgeschichte desfrühen MittclalterS eine sehr bedeutende Rolle spielt.Aber was sich an geschichtlichen Denkwürdigkeiten findet,ist nicht so wichtig, um etwa gleich nach Krakau dem nichtfachmännischen Leser ausführlich geschildert zu werden.Eine Landzunge streckt sich zwischen den beiden Thälernvor, in denen Jnn und Donau einherfließen, um an derSpitze dieser Zunge sich zu verbinden. Da steht Paffaumit dem verbauten, hoch aus den eng gedrängten Häu-sern aufragenden Dom. Die Häuser sind schmuck undblank, eS gibt Ausblicke in Seitengäßchen und auf bergabführende Treppenpfade, die an Italien mahnen. Bar-füßige Jungen und Mädels mit dunklen Augen schwatzeneine besondere Abart des bayerischen Dialekts, Bauern-fraucn mit schwarzseidenen Tüchern, die, eng um denKopf gelegt, in mächtig langen Zipfeln auf den Rückenfallen, wandeln neben Honoratiorentöchterchen im modi-schen Sommerkleidc einher. Auch hier wird bei offenenFenstern schlecht Clavier geklimpert, und radfahrende Tou-risten steigen vor einem der zahlreichen Wirthshäuser ab.Droschken fehlen, aber der für alle bayerischen Städteaußer den allerkleinsten Landstädten charakteristische Dienst-mann ist in mehreren Exemplaren vorhanden, und einergeleitet mich durch das Gäßchengewirr nach dem Rath-haus. Innen reich mit schönen Gemälden in den Haupt-sälen ausgestattet, trägt es außen einen stattlichen gothi-schen Thurm, im obern Theil bemalt und das Ziegel-dach mit hübschen Eckthürmchen flankirt. Im Erdgeschoßist die „Rathskeller" genannte Wirthschaft, in der eSeinen guten Pfälzer Wein gibt. Den trinkt man aneinem der Tische vor dem Hause und sieht über den