Ausgabe 
(14.8.1896) 67
Seite
513
 
Einzelbild herunterladen

513

kleinen Platz auf die Donau und hinüber auf das an-dere Ufer, wo der baumbeschattete Bergrücken felsunter-mischt hoch aufsteigt und von dessen vorderstem Ende dieFeste Oberhaus mit Mauerwerk und schloßartigem Ge-bäude uiederschaut. Ein weißer Passagierdampser derDonau-DampfschifffahrtSgesellschaft fährt eben vom Land-ungsplatz unter Glockengebimmel bergwärts gegen Ne-gensburg mit zahlreichen Gästen auf dem Berdecke.DaS Bild braucht vor dem Rheins sich nicht zu schämen;nur ist die Donau hier nicht sehr breit, was wieder denVortheil hat, daß das saftige Laubgrün des Ufers näheraus Auge rückt. Natürlich muß «an auf die andereSeite hinüber, den Blick von oben auf die Stadt zu ge-nießen. Ueber einen Kettensteg geht es. Den in denFels gesprengten Straßendurchgang, der zunächst vor unsliegt, lassen wir einstweilen beiseite und klettern denStufenpfad. der sich dicht unten am Bergrücken bietet,empor. Da sind Strom und Stadt zu unsern Füßen,weit drüben über der Stadt hohes Berggelände mitgrünen Matten, oben auf der Höhe dunkle Fichtenwälder.Nach Oesterreich geht eS dort hinüber. Lauschiger Schattenumfängt uns, dann öffnet sich von Zeit zu Zeit derBusch wieder und zeigt aufs neue Strom und Stadtim Thals. DaS ist ein erquickender Spaziergang, volltraulich beschaulicher und dabei bunt belebter Anmuth,den der glückliche Passauer so zu sagen vor dem Hausehat. Wir machen denselben Weg zurück, und jetzt durch-schreiten wir das Felsenloch, denn wir wollen auf dieFeste hinauf. Da kommen wir an das Ufer der kleinenJlz. Die Jlzvorstadt zieht sich jenseits zwischen Flußund Fels die Fahrstraße entlang, die Feste geht mitihrem Mauerwerk hier tief gegen das Thal herab, undda hier daS Gestein besonders mächtig aus dem Grünenbricht, erhält man das romantische Bild einer mächtigenFelsenburg. Tinienschwarz fließt die Jlz in die Donau hinein, und auf eine gute Strecke sieht man im Stromenoch schwarze, flockig sich zertheilende Flecke, wie sie Tintebildet, die man in klares Wasser schüttet. Oben amBerge angelangt gehen wir durch das Festungsthor ander Wache und der Cantine vorbei unter schattigen Bäumendem AuSsichtSthurm zu. Oberhaus dient als Militär-Strafanstalt und in einer besondern Abtheilung als Asylfür Duellanten und für Journalisten, die das Preßgesetzfalsch ausgelegt haben. Der AuSsichtSthurm erhebt sichzwischen den alten Befestigungswerken in einem kleinen,buschigen Gärtchen. In seinem Erdgeschosse sind allerleiErzeugnisse der Hausindustrie des Bayerischen Waldes znmVerkauf ausgestellt, denn derWaldoerein", der sich diePropaganda für jene eigenartige Gebirgsgegend angelegensein läßt, hat ihn erbaut. An den Thurmwänden zubeiden Seiten der Holztreppe finden sich malerische An-ordnungen von alten Fahnen, Trommeln, Waldhörnern,Jagdspeeren, ausgestopften Eulen und Falken zwischenTannenttschen.

Jetzt auf der Plattform schauen wir weit in herrlichesLand. Im Thale überblicken wir die drei Wasserläufeder Donau , der Jlz und des Jnns, wie sie Stadt undVorstädte durchziehen und an der Landspitze sich vereinen.Dabei werden wir leicht irre. Fast will es uns scheinen,als müsse der schmälere und trägere Fluß dicht untenam Berge der Jnn sein und die breite, schnell dahin-schießende Wassermenge die Donau . Dem ist aber nichtso. Der Sohn der Tiroler Berge ist ein gar ungestümerFreier, auch nach der Vermählung hat er noch eine

Strecke weit die Uebermacht und reißt die Donau zurascherm Laufe mit sich fort. Wie es in mancher Ehegehen soll, so geschieht es eben auch hier. Baldmerkt man nichts mehr vom Ungestüm des HerrnJnn, Frau Donau hat ihn so gezähmt, daß vonihm gar nicht mehr die Rede ist. Am östlichen Hori-zonte ziehen sich, bläulich überhaucht, die mit dunklenFichten überdeckten Berge des Bayerischen Waldes feier-lich ernst dahin, im Südwesten aber sehen wir die Spitzen,Zacken und Grate der Alpen des Salzkammergutes mitihren Schneerinnen als wirres Steinmeer zum Himmelragen. Dazwischen dehnt sich weithin wiesenreiches, wald«durchzogenes Hügelland in lieblich weichen Bildungen vonHängen und Mulden mit hellschimmernden Gehöften aufgrüner Matte am Rande der weißschimmernden sich hin-durchschlängelnden Straßen. Die Stadt, die Flüsse im berg«umgebenen Thale , daS Waldgebirge, die schneeumgürtrteAlpenwelt, das lachende Hügelland das ist ein Reich,dessen das Auge nimmer satt wird. Da und da unddort und dort ist ein steiler Hang, ein hochgelegenerWiesenfleck, wo's ganz herrlich wäre, sich ein Häuschenzu bauen, von dessen Altan «an hineinschauen könnte indiese schöne Welt, wenn eben die Sprache nicht so schick-salsschwere Worte, wiewenn",aber",möchte" undkönnte" hätte.

Während ich lange auf der die Plattform umrandendenBank saß, fragte ich wich immer wieder, warum diesesschöne Fleckchen Erde so wenig bekannt ist, warum nichtdiese Hänge und Bergrücken von Villen besät sind. Passau hat sehr unglückliche Eisenbahnverbindungen. Nach derbayerischen Hauptstadt fährt nicht ein einziger unmittel-barer Schnellzug, sie ist erst in fünf Stunden erreichbar.Allerdings liegt Passau an der Linie Köln-Wien undhat in der That bessere Fühlung mit Wien als mitMünchen , aber die Mehrzahl der die durchgehenden Zügebenutzenden Reisenden haben ein weites Ziel und denkennicht daran, an dem Städtchen, das noch dazu auf derBahnseite seine Reize gar nicht entfaltet, Rast zu machen.Engländer, die auf der Donau von Regensburg nachWien fahren, halten sich zuweilen in Passau auf. Sonstaber ist es der gewaltige Wettbewerb der Alpen , der dasliebliche Passauer Thal nicht aufkommen läßt. Freilichsind von Passau aus zwei- und dreitägige Touren indie schönsten Gegenden des Salzkammerguts sehr bequemzu wachen, liegt doch die Stadt zum Hochlande, wie etwaKöln zur Etsel, und der schöne Bayerische Wald istebenso günstig gelegen. Aber der weit hergereiste Nord-deutsche will möglichst mitten im Hochgebirge die Sommer-frische verbringen, mit den Niesen spielen. Dem Mün-chener aber ist die Gegend, wie gesagt, ungünstig gelegen,abgesehen davon, daß er erst recht sich nur im Hochlandewohl zu fühlen glaubt. Man verdächtigt in Passau so-gar die bayerische Eisenbahnpolitik, daß sie die Stadtund den Bayerischen Wald so knapp halte, um den großenSommerfrischen des oberbayerischen Gebirges, an die sichallerlei Münchener Interessen knüpfen, nicht etwas vomFremdenverkehr zu entziehen. Gleichviel, ich habe, weg-müdc, nach langer Fahrt in Passau mit ein paar Athem-zügen neue Lebensfrische mir geholt, habe nach allerleimächtig auf die Phantasie wirkenden Eindrücken hier jeneSeelenfröhlichkeit gefunden, die nur von der Natur kommt,und bin erst recht stolz auf mein Vaterland geworden,da ich diese herrliche Eingangspforte des deutschen Reichessah. Dabei war mein Aufenthalt gar nicht so lange,