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daß ich alle die schönen Punkte, die — der Charakterder Landschaft zeigte es — hier zu Dutzenden in allenWindgegenden liegen müssen, hätte besuchen können. Aufder Jnnseite bin ich noch gewesen, auf der Höhe deskleinen Wallfahrtsortes Mariahilf, von wo das gedrängteBild der Stadt, der Feste und der jenseitigen Berge sichwieder in neu geartetem Reize bietet. Auf diesem Spazier-gange begegnete mir eine Gruppe von Bauersleutenbeiderlei Geschlechts. Aufrecht schritten sie einher, mun-tern Blickes gaben sie mir ihr „Grüß Gott!" und ichdachte an die Gestalten der russischen Wallfahrer, die ich,noch keine Woche war es her, in Kiew gesehen hatte.Welch ein Unterschied, viel, viel größer als der dieserbayerischen Bauern von Fürsten und Grafen. EndlichHabs ich in der Jlzvorstadt ein Wirthshaus entdeckt, wiees so echt nur in Geschichten, die gar nicht mehr Modesind, vorkommt. An den Fels lehnt sich das stattliche,hellgrüne Haus mit den dunkelgrünen Fensterläden, überder Fahrstraße drüben, dicht am Flusse, ist der schattigeGarten mit den Lauben von wildem Wein. Da sitzendie Passauer Honoratioren beim Abendschoppen, und diealte Frau Wirthin mit dem landesüblichen seidenen Kopf-tuche plaudert mit ihnen. Die Feste schaut vom andernUfer herüber, junge Mädchen gleiten im Kahn über dendunklen Fluß, lachend und scherzend. Konnte das nichtirgendwo in den Rhcinlanden sein? Mir kam währendmeines Passauer Aufenthalts mehrmals derselbe Gedanke.
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Eine neue Augenofleralion.
Ueber eine neue Augenoperation durch den Ham-burger Augenarzt Pros. Dr. Deutschmann gehen Mit-theilungen durch die Blätter. Darnach ist Pros. Dr.Deutschmann die Heilung der bisher für unheil-bar gehaltenen Erblindung in Folge von Netz-hautablösung durch Einführung des Augen- !glaskörpers lebender Kaninchen gelungen,und es sind durch Professor vr. Deutschmann bereitszahlreiche Kranke durch dieses sein Operationsverfahren ge-heilt worden. Während die einen Blätter diese Notiz einesWiener Journals kommentarlos reproduziren, setzen andereZweifel in die Richtigkeit der Mittheilung. Wie die„Hamb. Nachr." schreiben, handelt es sich nun durchausnicht um etwas Neues, wenn auch in Laienkreisen wenigBekanntes.
Schon seit vielen Jahren hat sich Pros. Dr. Deutsch-mann eingehend mit der Erblindung durch Netzhautab-lösung beschäftigt und weitgehende Untersuchungen imInteresse der Heilung dieser bisher als unheilbar erschie-nenen, für ihre Opfer furchtbaren Krankheit angestellt.Die Resultate dieser seiner Bemühungen legte er niederin einem in dem bereits im April 1895 erschienenen20. Heft der »Beiträge zur Augenheilkunde", heraus-gegeben von Prof. Dr. N. Deutschmann erschienenen Ar-tikel „Ueber ein neues Heilverfahren bei Netzhautablösung."Nachdem der Verfasser zunächst über seine von überraschendgünstigen Erfolgen begleitete Behandlung der Netzhaut-ablösung durch Netzhautglaslörpcr-Durchschneidung in elfFällen, die sich auf den Zeitraum von 1890 bis 1895vertheilen, berichtet, kommt er zur Darlegung der Hei-lung durch Einführung des Augenglaskörperslebender Kaninchen.
Diesen Aufzeichnungen entnehmen wir folgende Sätze:
„Sollte irgend eine Besserung resp. wemgstens eine partielleWiederanlcgung der Netzhaut erreicht werden können, sowar dies einer einfachen Ueberlegung nach nur unterfolgenden Bedingungen möglich: 1) die im Bulbus (Aug-apfel) jetzt frei zirkulirende Flüssigkeit mußte abgelassenwerden; 2) der präretinals (vor der Netzhaut befindliche)Raum mußte mit einer Flüssigkeit angefüllt werden, die,nachdem die Retina durch den Strom der abfließendenMasse der Aderhaut möglichst genähert war, sie weiteran die letztere andrückte; 3) durch die Möglichkeit längerenVerweilens im Bulbus sie auch einige Zeit angedrückthielt; 4) durch Erregung schwacher entzündlicher Vorgängezunächst zu einer Verklcbung, späterhin zu einer Ver-wachsung von Netzhaut und Aderhaut führte; 5) dabeidoch nicht so different war, daß sie direkt schädigend aufdie Elemente der Netzhaut resp. des Uvealtraktus einwirkte;6) vollständig aseptisch war resp. aseptisch herzustellen war,ohne etwa dadurch an Wirksamkeit einzubüßen. — Dasscheint nun in der Thai etwas viel verlangt, und dochsagte mir eine einfache Ueberlegung, daß eine solcheFlüssigkeit in dem frischen, normalen Glaskörper deslebenden Thieres gegeben sein dürfte. Da der Zustanddes linken Auges des Patienten absolut unverändertschlecht war, so nahm ich die Operation, wie ich sie mirtheoretisch ausgebucht hatte, vor."
Weiter schildert nun Professor Deutschmann, wie erdabei zu Werke ging: „Der Kaninchenbulbus wurde aufdaS Penibelste von allen anhängenden Muskel- undBinbchautsetzcn frei präparirt, ganz flüchtig in schwacherSnblimatlösung abgespült, hinterher mit heißem, sterili-sirtem Wasser abgcwaschen und nun mit der Scheere,vom Optikusstumpf ausgehend, die Augenhäute am Hin-teren Pole nach rechts und links eingeschnitten; bei mi-nimalem Druck quoll der zähe Glaskörper heraus, ver-mengt mit einigen Tropfen wasserklarer Flüssigkeit, diezum Theil wohl Kammerwasser ist, wie ich glaube, undwurde in einem durch Hitze vorher sterilisirten GlaL-schälchen mit eingeschliffenem Deckel aufgefangen; daSSchälchcn war nach vollendeter Dcsinfcction im Sterili-sationsapparate bis auf 40 Grad Celsius wieder abge-kühlt. Ich setzte nun einige Tropfen durch Kochen steri-lisirter ^procentiger Chlornatriumlösung, noch warm,hinzu und stellte durch Verrühren derselben mittels steri-lifirten Glasstabes mit dem Kaninchenglaskörper aus letz-terem eine halbflüssige, etwas grauweiße, leicht flockigeMasse her. Nun ließ ich durch einen Schnitt mit demzweischneidigen Linearmcsser in den Bulbus des Patientenvon unten und innen her die vermuthete blutigferiöse Flüs-sigkeit abfließen. Sobald dies geschehen war, sog ich ineine sonst gewöhnliche, nur mit Asbeststempel und Glas-kanüleansatz versehene Pravaz'sche Spritze, die vorherdurch Kochen sterilisirt war, während sie noch circa 38Grad Celsius warm war, den Kaninchenglaskörper aufund injizirte mittelst einer neusilbernen scharfen Kanülevon der gewöhnlichen Stärke (wie solche den Pravaz'sche»Spritzen beigegeben sind), die natürlich vorher gleichfallsausgekocht war, ca. 1,5 Theilstriche in den Bulbus desPatienten. Ich stieß zu diesem Zwecke die Kanüle vonaußen unten her dicht vor dem Acquator in schrägerRichtung in das Auge ein, was bei der Weichheit des-selben seine Schwierigkeiten hatte, aber doch ganz gut ge-lang. Darauf zog ich, nachdem ich die gewünschte Mengeunter sanftem Druck in den Bulbus entleert hatte, lang-sam und vorsichtig die Kanüle zurück; eS floß nichts von