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Uch kehrte ihm ohne Bedenken und Zaudern mitleidig denRücken."
„Js? das auf mich gemünzt?" fragte Rudolf undbetrachtete ietn hübsches Gesicht im Spiegel, „in demFalle brauchst Dm Dich nicht aufzuregen, ich werbe nichtum Dich."
„Natürlich nicht " lackte Edith, „so hoch werde ichnicht streben, ich könnte ebenso gut einen schönen Sternlieben als James Stuart^ des Abkömmlings schottischerKönige, des mächtigen Bangn iers, einzigen Sohn. Duwirst noch ein paar Jahre herrlllch und in Freuden leben,dann wird Dein Vater sagen: „ Mr. Petroleum hatanderthalb Millionen und eine einzige Tochter, bestelleDir einen neuen Anzug, Rudolf, und wirb um ihreHand." Und wie ein gehorsamer Knabe wirst D,'ä-ufzendnach seinen Worten thun. Wer weiß, ob die Reise näcf>Europa nicht in Scene gesetzt wird, um Dich und Trixyzu verheirathenl"
„Wirklich?"
„Es befinden sich wohl viele Adelige auf Reisen,die ihre Kronen durch einen Bund mit dem Reichthum ver-golden lassen wollen. Wohl manche Dame wartet aufdas höchste Gebot."
„Gleich Edith Darrell."
„Ja, es ist ganz schön von Liebe zu reden undvon der Oede des Lebens ohne ihren Glanz. In derHinsicht haben mir aber die Romane den Kopf nicht ver-dreht; ich glaube, daß, wenn man Niemand liebt, alssich selbst, kein menschliches Wesen einen elend machen kann."
„Eine Ansicht, deren Wahrheit Deinem Egoismusgleichkommt."
„Die Egoisten aber kommen am besten durch dieWelt, und ich gestehe, daß ich selbstsüchtig, weltlich, ehr-geizig und herzlos bin."
„Ein unnöthiges Geständniß, mein Kind, die That-sache ist dem oberflächlichsten Beobachter klar. Doch, ernst-haft gesprochen, angenommen, ich liebte Dich, Edith, ichläge zu Deinen Füßen, ich beschwört« Dich, Edith, meinWeib zu werden, würdest Du mich abweisen ob meinerAbhängigkeit vom Vater und meiner leeren Börse?"
Er erfaßte ihre Hand und hielt sie trotz ihresWiderstrebens.
„Ganz gewiß, und wenn Du mein ganzes Herzfülltest. Als ob ich nicht wüßte, was aus sogenanntenLiebesheirathen wird! Meine eigene Mutter verließ dieHetmath und den Comfort des Lebens und heirathetePapa. Lange Jahre der Armuth kamen, aber sie zehrteab und starb. Ich war, so lange ich denken kann, un-zufrieden mit meinem Loos und strebte nach dem Glanzder Welt, der nur durch Heirath mir erreichbar wird.Bietet sich keine erwünschte Partie, so gehe ich als EdithDarrell zu Grabe."
„Was kaum geschehen wird. Mädchen, die ausegoistischen, weltlichen Motiven suchen, erreichen gewöhn-lich ihr Ziel. Ich wünsche Dir allen möglichen Erfolgbei Deinem lobenswcrthen Beginnen. Es ist gut, daßwir uns vom Anfange an verstehen, sonst könnte ich micheines Tages versucht fühlen, mich zum Narren zu machen.Aber wo, um Himmelswillen, lerntest Du so hart, sounweiblich zu sein?"
„Ist das unweiblich? Wenigstens bin ich ehrlich.Mein eigenes hartes Leben lehrte es mir, Bücher zeigtenes mir, ich lernte es von meiner Mutter, hörte es vonder Stiefmutter und fühle mich alt und müde mit acht-
zehn Jahren. Je nachdem mein Schicksal fällt, werdeich gut oder böse werden. Aber laß mich doch hier,wenn Du Dich vor mir scheust, sage Deiner Mutter, ichpasse nicht zur Gesellschaft Trixy's."
„Dich hier lassen? Warum nicht garl Was ge-schehen ist, ist geschehen. Ich gehe nicht ohne Dich, Duamüstrst und interessirst mich, bist mir eine Studie, soganz anders als andere Mädchen. Nur bitte ich Dich,behalte Deine Offenheit für Deinen harmlosen Vetterund verbirg' sie vor der Welt. Millionäre gehen nichtin die Falle, wenn diese nicht unter Rosen sich versteckt.Komm', lass' uns einen Spaziergang machen, wer weiß,wann wir wieder den Sonnenuntergang an der klassischenBucht von Sandypoint sehen."
Sie gingen hinab zur Küste.
Fischerboote schwammen auf den goldenen Wellend em Ufer zu, froher Gesang hallte herüber.
„Es erinnert mich an den Aprilabend vor zweiJahren, wo wir uns hier verabschiedeten", sprach Rudolf,„damals weintest Du, weißt Du's noch? Du zähltesteben e^rst sechzehn Jahre und wußtest eS nicht besser,jetzt würdest Du wohl um keinen Mann der Welt mehrweinen."
„Wenigstens nicht um Dich", lachte sie.
„Und wenn ich wieder draußen läge im Schnee,riSkirtest Du wohl Dein Leben nicht wieder?"
„Lebew. risktren? Unsinn. Uebrigens so herzlos undweltlich ich iauch geworden sein mag, ich glaube nicht,daß ich Weggänge und einen Unglücklichen sterben ließe."
„Edith, -ich ahne, daß ich Dich eines Tages hassenwerde. Ich hätte nicht viel gelitten, hättest Du michdamals erfrieren lassen; nun aber ahne ich, daß ich erstDich lieben, von Dir hintergangen, Dich hassen und un-sägliche Qualen ^erdulden werde."
„Welch' ein Prophet! Wie wäre es übrigens, wennwir das unangenehme Gespräch aufgäben? Dort ist einSchiff; willst Du Dich mit Steuern befassen, so rudereich Dich zum letztem Male über die Bai."
Sie stoßen ab; , Rudolf drückt den Hut tief in dieAugen und steuert, L-dith rudert eifrig.
Schweigend fahre-n sie dann dahin. Der Purpurder untergehenden Soune erbleicht, die Nacht sinkt be-sternt hernieder. Es ijst die letzte Nacht ihres Bleibensin Sandypoint. Edith beobachtete das Aufgehen desMondes und flüsterte lesise vor sich hin.
„Was murmelst Du da?"
„Ich wünsche mir etwas, das thue ich immer, wennNeumond ist."
„Einen reichen Gatten, natürlich. Wie wäre eS,wenn Du den Baron siechtest?"
„Welch' vulgäre Sprechweise! Nein, ich lasse ihn Trixy.Wenn Du aber genug Mond- und Sternenlicht ge-nossen, rudere ich heimwärts, ich habe Hunger."
Sie fahren an's Ufer. Arm in Arm gehen sie denfelsigen Pfad hinan.
„So endet das aflte Leben", flüsterte Edith, „eS istmein letzter Abend im elterlichen Hause, ich sollte wohltraurig sein, aber ich bin's nicht. Ich fühle mich sehr,sehr glücklich."
Rudolf erfaßte ihre Hand.
„Gedenke Deines Versprechens: was immer das neueLeben Dir bringen Mag, mich darfst Du nicht tadeln."