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Der erste Zug von Sandypoint nach Boston ent-führte Edith Darrell und Rudolf Stuart. Die Fraudes Müllers von Sandypoint reist nach New-Iork undhat die Rolle der Dame de Garde übernommen. Am
M
Die Ktalue des am 13. Juli enlhülllen Denkmals der Jungfrau vonVrlrans vor der Kathedrale in Uhrims. Modellirt von Paul Dubois.
folgenden Tag ist Beatricen's Geburtstag, zu dessenFeier sie rechtzeitig eintreffen wollen.
Am Ziele der Reise angekommen, verabschiedeten siesich von Frau Rogers, bestiegen einen Wagen und rolltender prächtigen Heimath entgegen. Edith lehnte sich zu-
rück, ihr Herz klopfte. Plötzlich streckte sie, wie ein hülf-loses Kind, Rudolf die Hand entgegen.
„Mir ist furchtsam und scheu zu Muthe, verlaß michnicht, mir ist als wäre ich verloren im fremden Lande."
„Beruhige Dich, Dithy, ich verlasseDich nicht."
Der Wagen hält, Rudolf führt dieCousine durch die prächtigen Hallen ineinen luftigen Saal, wo drei Personenbeim Frühstück sitzen.
Einen Moment fühlte sich Edithwie geblendet. Die Familie hat sicherhoben. Ein ehrwürdiger, alter Herrmit einem glänzenden Kahlkopf schüt-telt ihr die Hand und bewillkommt sie,eine bleiche, kränklich aussehende Dameund ein großes, blühendes Mädchenküssen sie. Edith ist's, als besänge sieein Traum.
„Ich will Dich selbst in Dein Zim-mer führen", rief Beatrice, „hoffent-lich gefällt Dir's, ich ließ es ganz nachmeinem Willen einrichten. O, wie freueich mich, daß Du gekommen bist, ichhabe Dich jetzt schon lieb. Und wiehübsch Du bist! Sieh', da ist DeinZimmer, gefällt es Dir?"
Edith war entzückt, und Beatriceführte sie im ganzen Hause herum undzuletzt in ihr Zimmer, wo sie ihr Ball-kleid entfaltete und dessen Reiz pries.
„Wenn das den Baron nicht fängt",lachte sie triumphirend, „so weiß ichnicht mehr was. Und sieh', das sinddie Perlen, sind sie nicht prachtvoll?"
„O Beatrice, was bist Du für einGlückskind!"
„Weil ich Perlen habe? Als obDu nicht auch Diamanten und Perlenhaben würdest l Du machst natürlicheine gute Partie, Brünetten sind jetztMode, und Du siehst bet Gaslicht ge-wiß schön aus. Was wirst Du heuteAbend tragen?"
„Ich habe nichts als ein weißesMullkleid, und das paßt nicht für EureSalons."
„Mull paßt jetzt wohl für ein jungesMädchen, ich trug ihn viel in meinerersten Saison. Ich fühle mich schreck-lich alt heute. Einundzwanzig Jahre!Wahrhaftig, ich muß etwas anfangen,ehe der Winter kommt. Wollen wirdas Kleid besehen? Ich habe einambrafarbiges Kleid, das ich nur ein-mal trug und das Dich trefflich kleidenwürde. Nun, Du bist doch nicht böse?"
„Gewiß nicht", entgegnete Edith er-glühend, „wenn mein Mullkleid paßt,trage ich es, wo nicht, so bleibe ich in meinem Zimmer.Wohlthaten aber nehme ich nicht an."
„Wohlthaten? UnsinnI Wer hat je an so etwasgedacht? " (Fortsetzung folgt.)
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