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Ireilag, den L8. August
1896 .
Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler ).
Ein furchtbares Geheimniß.
Dem amerikanischen Originale der MrS. Mary AgnesFlemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch.
(Fortsetzung.)
10. Kapitel.
Wie Trixy es aufnahm.
ES »lochte halb ein Uhr gewesen sein und Trixyfaß allein und düster in ihrem Zimmer.
Edith trat ein, schön und leuchtend wie der jungeMorgen.
„Guten Tag, Trixy, wie geht'S mit Deinem Fuß?"
„Er thut sehr weh", entgegnete sie barsch, „es istein Unsinn, spiegelglatte Böden herzustellen. Seit wannbist Du auf?" —
„Seit zehn Uhr."
„Warst Du im Garten?"
Im"
^Sa'hst Du Sir Victor?"
«Ja."
„Hat er nach mir gefragt?
„Natürlich", entgegnete Edith, obwohl der Varonganz vergessen hatte, daß Beatrice Stuart existirte.
„Er ist ein sehr aufmerksamer Wirth", rief Beatricebitter, „er weiß, daß eine Dame krank liegt, und stehtnicht einmal nach ihr."
„Aber, liebe Trixy, die Herren besuchen doch dieDamen nicht in ihrem Zimmer, das schickt sich nicht."
„Sage mir, Edith, ob er etwas sprach — Du weißtschon was."
„Dich zu heirathen? Nein, Trixy, nicht ein Wort."
Sie stellte sich hinter den Fauteuil und schlang ihreArme um des jungen Mädchens Hals.
„Glaubst Du nicht, es könnte in Killarney ein kleinesMtßverständniß obgewaltet haben?"
„Mißverständniß? Ich verstehe Dich nicht", riefsie mit steigender Angst, „um Himmelswillen, komm' her-über, daß ich Dich sehen kann, stehe nicht wie ein böserGeist hinter mir."
„Sei nicht böse, Trixy, ich habe etwas Unange-nehmes zu sagen, und ich fürchte mich. Es war einMißverständniß damals."
„Wie könnte es eines sein. Er sagte mir, daß erliebe, daß er einen Rivalen fürchte, mit Papa undMama sprechen wolle; wo sollte da ein Mißverständnißmöglich sein?" '
„Ja, Trixy, es ist doch so. Sir Victor wird heuteMit Deinen Eltern sprechen, aber nicht über Dich."
„Edith!"
Sie sprang auf mit bleichem Gesichte und mit fun-kelnden Augen.
„Was willst Du sagen?"
Edith umschloß sie fester und legte schmeichelnd dieHände an ihr Gesicht.
„In dem Boote auf dem See von Killarney sprachSir Victor von mir."
„Von — Dir?" tönte es von Beatricen's erbleichen-den Lippen.
„Ja, meine Liebe, von mir, und er glaubt nochheute, daß Du ihn so verstanden. Set mir nicht böse,ich kann nichts dafür. Er warb gestern um mich."
„Um Dich?" fragte Trixy wie betäubt, „und Duwiesest ihn ab?"
„Ich nahm ihn an."
Eine Pause folgte. Beatrice war leichenblaß vorZorn, Enttäuschung und Erstaunen. Endlich brach siein einen Strom von Thränen aus.
„Trixy, liebe Trixy, weine nicht, ich wußte nicht,daß Du ihn liebtest."
„Ihn lieben?" rief sie mit blitzenden Augen, „ichliebe ihn nicht; was aber brauchte er so zu schwätzen undAnspielungen zu machen?"
„Es war freilich sonderbar, daß er überhaupt mitDir dämm sprach, aber, siehst Du, er meinte, Du hättestihn recht verstanden."
„Ihn recht verstanden? Die Engländer sind lauterNarren und Sir Victor der größte darunter."
„Weil er mich heirathcn will?"
„Ja, gerade deshalb, Du kümmerst Dich keinenDeut um ihn."
„Kümmertest Du Dich um ihn, als Du sein Weibwerden wolltest?"
„Jedenfalls mehr als Du, ich liebte wenigstens keinenAnderen."
„Und wen liebe ich?«
„Rudolf. Leugne es, wenn Du es wagst."
Sie blickte Edith an. Ihr zorniges Auge, ihrganzes Wesen glich so sehr Rudolf, daß sie momentandie Fassung verlor. Sie senkte die Augen.
„Laß uns nicht streiten um eines Mannes willen,den wir Beide nicht lieben, wir, die wie Schwestern waren."