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«Wie — Schwestern!" rief Beatrice bitter, »ichglaube, Du betrügst und intriguirst."
„Beatrice!"
„O, ich weiß was ich sage. Ehe Du nach New-Aork kamst, schenkte der Baron wir Aufmerksamkeit, undwäre ich nicht seekrank geworden, so hätte er mich gefreit.Auf dem Schiffe aber locktest Du ihn an Dich, ko-kettirtest dann mit Rudolf, um Sir Victor zu reizen.Du bist ein kluges Mädchen, Dein Plan ist gelungen,und ich wünsche Dir Glück."
„Ich nehme mir nicht die Mühe, Deine Anklagenzu leugnen, Du weißt, daß sie falsch sind. Weder inNew-Aork, noch aus dem Boote, noch sonstwo suchte ichSir Victor auf. Wäre er ein Prinz gewesen, ich HütteeS nicht gethan. Du kannst auch zu weit gehen, Trixy.Er erwies mir die Ehre, um mich zu werben, und ichnahm ihn natürlich an. Ich konnte nicht anders han-deln. Und wenn er in Killarney Unsinn schwätzte, binich nicht dafür verantwortlich. Er glaubt, klar gesprochenzu haben, und ahnt nichts von einem Mißverständniß.Uebrigens will ich Dich jetzt verlassen, denn ich will mitDir nicht streiten."
Ihre Stimme brach. Sie wandte sich zur Thür,und Trixy wurde das Kleinliche ihres Betragens klar.Ihr großmüthiges Herz tadelte eS.
„Bleibe, Edith, ich will auch nicht mit Dir streiten,und es ist verächtlich und erbärmlich, wenn ich nun umeinen Mann weine, der keinen Funken Interesse für michhat. Als ich Dir damals Mittheilung machte, gratu-lirtest Du mir, laß mich erst zu mir selbst kommen, undich thue es auch. Die ganze Sache aber kommt so un-erwartet, weil ich glaubte, Du liebtest Rudolf.
„Freilich liebe ich ihn wie einen Bruder."
„Wie einen Bruder, Unsinn! Liebet Ihr Euch wirk-lich nicht seit zwei Jahren!"
Edith lachte.
„Eine absurde Frage. Ich glaube, weder ich nochDein Bruder können sich ernstlich verlieben. Er fändees fieberhaft und ermüdend, und ich — wenn Liebe jeneBücherleidenschaft ist, welche die Leute nicht essen undnicht trinken läßt, kannte ich sie nie?"
„Aber Du liebst Rudolf."
„Ja, ich liebe ihn so sehr, daß ich ihn nicht hei-rathen und zu Grunde richten möchte. An dem Tage,wo wir mehr als Freunde wären, würde sein Vater ihnenterben, und der Vater ist nicht der tobende Alte inder Komödie, der vier Akte lang wüthet und in demfünften seinen Segen gibt. Rudolf und ich sind ver-nünftig, wir haben uns die Hand gegeben und uns ge-lobt, gute Freunde bleiben zu wollen."
„Und weiß Sir Victor von diesem vetterlichenUebereinkommen?"
„Set nicht sarkastisch; ich habe Sir Victor nichtszu gestehen, und wenn ich verheirathet bin, soll weder DeinBruder noch ein Anderer Platz in meinem Herzen finden."
„So! Und wann soll die Hochzeit sein?"
„Das weiß ich nicht; es mag lange dauern. Na-türlich widersetzt sich Lady Helena."
„Und fürchtest Du sie nicht?"
„Nein, sie ist seine Großtante, seine einzig lebendeVerwandte, aber er ist majorenn und kann handeln wieer will." Stolz wie eine Königin wandte sie sich zur Thüre.„Diesen Nachmittag soll eine Spazierfahrt stattfinden.
Du wirst hinunter getragen werden und HauptmannHammond als Dein Kavalier fungiren."
„Und Du?"
„Sir Victor fährt mit."
„Allein natürlich", sprach Trixy mit bitterem Höhne.
„Natürlich allein", entgegnete Edith kalt und ver-ließ das Gemach.
11. Kapitel.
Wie Tante Helena eS aufnahm.
Aber die Spazierfahrt kam nicht zu Stande, dennwährend zwischen Edith und Beatrice sich die unangenehmeScene abspielte, ereignete sich eine ähnliche in einemandern Zimmer des Schlosses.
Lady Helena hatte sich in ihr Zimmer begeben, umnach der Morgcnpost, die ihr mehrere Briefe gebracht,zu sehen. Einen derselben ergriff sie begierig. Er trugdas Postzeichen von London und sie erbrach hastig dasSiegel. Während sie in des Schreibens Inhalt sich ver-tiefte, klopfte es, und ihr Neffe trat ein. Schnell zer-knitterte sie den Brief, versteckte ihn und sah ihm lächelndentgegen. Victor war ihr Augapfel, ihres Herzens Liebling.
„Störe ich? Bist Du beschäftigt?"
„Nein, Victor, ich wollte eben mit Dir über dieEinladungen zum Ball sprechen; kommst Du deshalb?"
„Nein, Tante, ich habe Dir Wichtigeres zu sagen."
Sie faßte ihn näher inS Auge. Sein Antlitz wargeröthet, sein Auge glänzte, glückliches Lächeln umspielteseine Lippen.
„Du siehst ja ganz strahlend aus."
„Ich habe Grund dazu, Tante, gratulire mir, ichbin der glücklichste Mann der Erde."
„Und worin besteht dieses Glück?"
„Erräthst Du es nicht? Ich glaubte, Frauen seienin dieser Hinsicht sehr scharfsichtig. Hast Du wirklichkeine Ahnung?"
Sie erbleichte jedoch.
„Ich werde wich verheirathen."
Sir Victor hielt inne, denn mit einem Angstruf er-hob sich Lady Helena.
Hätte er gesagt, „ich werde gehängt", ihre Bestür-zung konnte nicht größer sein. Wie um einen Schlagabzuwehren, streckte sie die Hände aus.
„Nein, nein, nicht heirathen! Um HimmelSwillen,Victor, sage das nicht."
„Tante Helena!"
„Es kann ja nicht sein, Du kanttst nicht heirathenwollen, was brauchen Jungen von dreinndzwanzig JahrenFrauen."
Er lachte gutmüthig.
„Ich halte Jungen von breiundzwanzig Jahren fürziemlich erwachsen und selbstständtg; mein Vater warebenso alt, als er Gattin und Kind nach ChateronRoyals brachte."
Sie sank in einen Stuhl.
„Du bist bleich, Tante, und mein vorschnellesSprechen hat Dich erschreckt. Soll ich Wasser holen?"
„Nein, bleibe! Gib mir Zeit nachzudenken."
Er setzte sich; jede Scene war ihm peinlich, und derAnfang versprach nichts Gutes. Die alte Dame schwiegeinige Minuten, unbewußt aber flüsterten ihre Lippen:„Die Zeit kam, die Zeit ist gekommen!"
Sir Victor brach selbst das Schweigen.
„Ich verstehe Dich nicht, Tante, und Deine Auf-