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fassung Meiner Mittheilung gefällt mir nicht. Du mußtestDich doch mit dem Gedanken vertraut gemacht haben,daß ich eines Tages heirathen würde, gleich andernMännern. Die Zeit ist gekommen, wie Du selbst sagst;ich sehe darin nichts Entsetzliches."
„Aber nicht so bald",stöhnte sie, „oVictor, nicht so bald."
„Dreiundzwanzig Jahre ist nicht zu bald, und ichliebe meine Braut von ganzem Herzen. Dank dem Him-mel, daß sie mich angenommen hat, ich möchte ohne sienicht leben."
„Wer ist sie? Natürlich Lady Arabella ."
„Es ist Miß Darrell."
Lady Helena starrte ihn entsetzt an.
„Miß Darrell, die Amerikanerin? Du scherzestwohl, Victor?"
„Ueber solche Dinge werde ich nie scherzen, Tante.Diesen Morgen machte mich Miß Darrell zum glücklichstenMann der Welt, indem sie meine Werbung annahm. Aber,Tante, Du mußt es ja längst vermuthet, gesehen haben."
„Ich sah nichts, ich bin eine alte, blinde Frau."
Wieder folgte eine Pause, daS Wesen der Tantewar m entruutbiaend.
„Ich liebte Edith vom ersten Moment des Sehens",begann er wieder, „und ich mag nicht daran denken,was ohne sie mein Leben gewesen wäre. Du aber warstmeine Mutter, so lange ich denken kann. Du wirst jetztmein Glück durch Deinen Widerspruch nicht trüben wollen."
"'""„Aber ich widerspreche ganz entschieden, mehr noch,ich verbiete die Heirath. Du bist zu jung; wenn Dudreißig Jahre alt bist, ist's früh genug an derlei zudenken. Reise, besieh Dir die Welt, geh' in den Orient,wie Du oft gesagt, nach Afrika , wohin Du willst. Nie-mand kennt sein eigenes Herz im lächerlichen Alter vondreiundzwanzig Jahren."
^ Sir Victor lächelte ruhig und entschlossen.
„Ist meine Jugend also Dein einziger Einwand?"
„Nein, ich habe deren mehr, die Idee ist in jederHinsicht verwerflich, und ich widersetze mich ganz ent-schieden. Du sollst nicht eine Amerikanerin ohne Fa-milie und Stellung, die Du erst einige Wochen kennst,von der Du absolut nichts weißt, heirathen. Der bloßeGedanke ist absurd."
Des Barons Stirne faltete sich.
„Ich bin mein eigener Herr, will aber al? DeineEinwände beantworten, weil ich das schuldig zu sein glaube."
„Miß Darrell steht unter Dir", zürnte Lady Helena,„die Chateron haben immer vornehm gehetrathet. DeineGroßmutter war die Tochter eines Marquis."
„Und meine Mutter die Tochter eines Seifensieders.Vergessen wir das nicht."
„Warum sprichst Du mir von ihr? Du weißt, ichkann es nicht ertragen. O, warum sahst Du je diefremde Abenteurerin, warum kam sie je in unsere Nähe?"
Lady Helena erregte sich furchtbar in einer demNeffen ganz unerklärlichen Weise.
„Du gehst zu wett, Tante", sprach er langsam,„Miß Darrell ist keine Abenteurerin, sie hat in keinerWeise mich zu gewinnen gesucht, und meines Glückes ein-ziger Schatten ist, daß sie mich nicht liebt, wie ich sieliebe. Frei und offen gestand sie mir das, aber ich ver-traue, daß meine Liebe Gegenliebe erzwingen wird. Jeden-falls ist es mein fester Entschluß, sie in thunltchster Bäldezu heirathen."
Sie blickte ihn an, in seinen Zügen lag eiserner Wille.
„Ich hätte wissen können", sagte sie bitter, „er istseines Vaters Sohn. Dieselbe Hartnäckigkeit, dieselbeVerschlossenheit gegen jede Warnung. Früher oder spätermußte es kommen, aber so früh."
Langsam rollten Thränen über ihre bleichen Wangen,und das wirkte mehr als Worte.
„Weine nicht, Tante, Du betrübst mich, und ichglaube. Du solltest mich nicht in dieser Weise tadeln.Ich liebe Edith, und damit ist Alles gesagt."
„Du liebst sie? Armer, armer Junge."
„Ich glaube kein Mitleid zu verdienen. Sage mirlieber einen vernünftigen Grund für Dein Benehmen."
„Einen vernünftigen Grund?"
„Nun, natürlich, glaubst Du nicht, daß ich sehe.Du habest noch einen andern Grund? Laß einmalhören. Sorgen sind wie die wilden Thiere, blickt manihnen fest inS Auge, so ergreifen sie die Flucht. Wes-halb sollte ich mit dreiundzwanzig Jahren nicht heirathen?Wäre mein Alter auch ein Hinderniß, wenn ich z. B.um Lady Arabella würbe?"
„Du sollst gar nicht heirathen."
„Was? Als alter Hagestolz zusGrabe gehen, daSist doch etwas zu viel für eine vernünftige Dame."
„Da ist nicht zu spaßen, Victor, es wäre besserDu heirathetest nicht, besser, der Name Chateron ver-schwände vom Erdboden."
„Tante Helena!"
„Ich weiß, waS ich sage, Victor, und Du würdestMir beistimmen, wüßtest Du, waS ich weiß."
„Laß mich denn Alles wissen und selbst urtheilen.Sobald Du mir ein vernünftiges Hinderniß sagst, michüberzeugst, daß eS unrecht sei vor Gott und den Men-schen, wenn ich sie heirathe, so will ich sie aufgeben, sonamenlos ich sie auch liebe."
„Würdest Du eS thun, Victor, hättest Du die Krafthiezu? Gott weiß, ich Möchte nicht hart sein, möchteDich gern glücklich sehen, aber-"
„So sage mir Alles und laß mich urtheilen."
„Ich weiß nicht, was ich thun soll!" rief sie er-regt, „ich versprach ihr, Dir's zu sagen, nun aber derTag gekommen, kann ich es nicht."
Er erbleichte in unbestimmter Furcht.
„Du mußt, Tante, und ich bin kein Kind mehr,das vor Schreckgespenstern erschrickt. Welch' furchtbaresGeheimniß birgt sich hinter all' dem?"
„Ein furchtbares Geheimniß, ja, Du hast es gesagt."
„Spielst Du auf meiner Mutter Tod an? KanntestDu die ganze Zeit ihren Mörder und verbargst ihn?"
Keine Antwort.
Sie bedeckte das Gesicht und wandte sich ab.
„Habe ich Recht?"
Sie sprang auf.
„Laß mich, Victor, dreiundzwanzig Jahre laug be-wahrte ich das Geheimniß, glaubst Du, Du könntest esmir in einem Moment abringen? Welches Recht hastDu, mich zu fragen? Wüßtest Du Alles, so wüßtestDu, daß Du kein Recht hast, ein Weib an Dich zu ketten,kein Recht selbst auf den Namen, den Du trägst."
Er stand erbleichend auf. Sprach Lady Helena imWahnsinn? Ehe er noch zu sprechen vermochte, pochte es,und ein Diener brachte ein Billet.
„Eine Dame wünscht Mylady in einer wichtigenAngelegenheit zu sprechen", meldete er.
„Ich kann Niemand empfangen."