Ausgabe 
(28.8.1896) 71
Seite
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Mhlady entschuldigen, die Dame sagt, Sie würdensie sicher empfangen, lesen Sie das Billet."

Lady Helena riß es auf und überflog die wenigenZeilen, welche die UnterschriftJnez" trugen, mit einemAusdruck der Erleichterung.

Führen Sie die Dame sofort herein."

Vergib, wenn ich in meiner Erregung Ungebühr-liches sagte", wandte sie sich, nachdem der Diener sieverlassen, an den Neffen,gib mir Zeit und Du sollstbald hören, was Du wissen mußt. Diese Dame kommtsehr gelegen."

Soll das heißen, daß die Fremde Deine Vertrauteist und auch die meine werden soll, daß Du sie konsul-tiren willst, ehe Du mir das Geheimniß mittheilst, vondem mein Lebensglück abhängt?"

Ja, und Du wirst Alles verstehen. Die Damegehört zu unserer Familie; mehr kann ich vorerst Dirnicht sagen. Geh' nun, Victor, Morgen womöglich sollstDu die Wahrheit hören."

Er verbeugte sich kalt und ging. Was bedeutet all'das? Bisher war sein Leben friedlich verlaufen, nuntauchten auf einmal Familiengcheimnisse auf.

Mag der Morgen bringen, was er wolle", sagteer entschlossen,Edith Darrell wird mein Weib."

11. Kapitel.

Am Tage des heiligen Patrick.

Beim Hinabgehen begegnete er einer schlanken, großen,tiefverschleierien Dame. Wer mochte sie sein? Er ver-beugte sich und eilte vorüber, um Edith aufzusuchen.

Des Mädchens Auge war scharf, und Sir Victorverstand es nicht, sich zu verstellen.

Lassen Sie sich wahrsagen, Sir Victor", lächeltesie,ich sage Ihnen die Vergangenheit aus den Liniender Hand. Sie waren bei Lady Helena, theilten ihrIhre Werbung mit und baten um ihren Segen; Siewurden natürlich entrüstet abgewiesen."

Der Baron erröthete.

Ich hielt Sie stets für eine Zauberin, nun weißich es gewiß. Können Sie die Zukunft prophezeien?"

Vielleicht; Lady Helena wird darauf bestehen, daßSie das arme, unbekannte Mädchen aufgeben; sie wirdtriftige und vernünftige Gründe dafür vorbringen, undSie werden mir eines Tages erklären, daß Sie bedauern,einen Mißgriff gemacht zu haben, und mich bitten, IhrWort zurückzugeben. Edith Darrell wird wieder in dasDunkel zurückkehren, aus dem sie gekommen."

Er lachte; sie hatte seine Sprechweise genau nach-geahmt. Dann sprach er ernst und tadelnd:

Und so kennen Sie mich nicht besser? Ich liebemeine Tante sehr, aber alle meine Tanten der Weltkönnten mich nicht von Ihnen trennen."

Vielleicht wäre eine solche Trennung für uns Beidebesser. Werden Sie nicht böse, Sie wissen wie ich'smeine. Ich bin nicht von aristokratischer Abkunft, meinVater hat ein Knabenpensionat, ich bin eigentlich MißStuarts Gesellschafterin, jedenfalls nur eine arme Ver-wandte. Seien Sie weise, Sir Victor, so lange es Zeitjst, lassen Sie sich warnen, bevor es zu spät ist. Ichverspreche nicht zu zürnen, ja sogar Ihre Vernunft zubewundern. Lady Helena war Ihnen eine Mutter, eslohnt sich nicht, sie meinetwegen zu kränken. ES gibtDutzende von reichen, schönen, adeligen Mädchen, die

Sie lieben werden. Geben wir uns die Hand undscheiden wir."

Mit ungezwungenem Lächeln reichte sie ihm dieHand, die er mit Küssen bedeckte.

O, Edith, wie leicht sprechen Sie vom Scheiden!Ich aber lasse Sie nicht. Sie mein Weib zu nennen, istmeines Lebens Hoffnung. O, daß Sie wüßten, wie ichSie liebe, wie leer und werthlos mir die ganze Weltist ohne Sie. Es könnte für mich nichts Schrecklicheresgeben, als Ihren Verlust."

Sie lieben mich also sehr?"

Ich stürbe für Sie, Edith!"

Sterben Sie nicht", lächelte sie hold,leben Siefür mich, ich glaube, es ist nicht hart, Sie lieben zu lernen."

Sie wollen also nicht mehr vom Scheiden redenSie wünschen es wirklich nicht?"

Hätte ich dann Ihre Werbung angenommen? Wennwir uns je trennen, geschieht es von Ihrer, nicht vonmeiner Seite aus."

Von meiner Seite?" lachte er glücklich,und wennSie sich frei glauben, will ich Sie sofort binden."

Er zog ein kleines Etui hervor.

Sehen Sie, Edith, diesen Ring trugen die Frauenunseres Geschlechts seit zweihundert Jahren, es ist derVerlobungsring der Chaterons."

Ihr dunkles Auge funkelte bei diesem Anblick. ESwar ein wundervoller, großer Solitaire, wie ein in Goldgefaßter Wassertropfen.

Es knüpft an diesen Ring sich die Sage, daß dieBraut eines Chateron, welche ihn nicht trägt, ein un-glückliches Leben führt und eines unseligen Todes stirbt.Sie begreifen wohl, daß es nöthig ist, ihn eifrig zu tragen."

Sie hob gedankenvoll ihr Auge.

Trug ihn Ihre Mutter, Sir Victor?"

Er erbleichte.

Nein, mein Vater heirathete sie heimlich und dachtenicht an den Ring. Führen ein unglückliches Leben undsterben eines unseligen Todes", fuhr er fort,sie trugihn nie, und bei ihr traf es ein."

Ein seltsames Zusammentreffen", sagte Edith undbetrachtete den blitzenden Stein an ihrer Hand, der Hand,die noch vor zwei Monaten im alten Hause am MeereS-gestade gewaschen und gearbeitet hatte.

Sprechen wir nicht von meiner Mutter", bat er,mir ist es furchtbar, an ihren Tod zu denken."

Wissen Sie, daß ich gern Chateron Royals sehenmöchte?" bat sie,darf ich?"

Ich bin glücklich, Ihnen Ihre künftige Heimath zuzeigen, und wenn Sie soweit gehen können, wollen wiruns gleich auf den Weg machen und zu Tische wiederherüberführen."

Es war ein herrlicher Weg über Felder und duf-tende Wiesen und entlang die stille Landstraße, auf dereinst ein anderer Sir Victor auf ewig von dem geliebtenWeibe fortgeritten.

Vergoldet von den Sonnenstrahlen, umrauscht vonalten Bäumen, zeigten sich Chateron RoyalS epheuum-wundene Mauern und hochaufstrebende Thürme. Furcht-los äs'te das Wild, Perlhühner stolzirten umher, ein Pfauflog aufgeschreckt empor. Ueberall feierliche Ruhe.

Willkommen in Chateron Royals, willkommen alsdessen Herrin, meine liebe Braut", sprach Sir Victor innig.

Sie hob den thränenvollen Blick zu ihm. Wie gutwar er, wie dankbar mußte sie ihm sein!