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Ein aller Diener ließ sie ein. An des VerlobtenArm durchschritt Edith die langen Zirnmerreihen, riesigeHallen, Salons und Gemäldegalerien. Welch' kolossalesGebäude! Sie betrachtete die funkelnden Rüstungen, bisihr die Augen schmerzten. Voll scheuen Staunens durch-schritt sie den Ahnensaal, wo ein halbes Hundert Cha-teronS düster auf sie herabsahen. Einst sollte auch ihrBild hier prangen. Die Frauen, die sie sah, lagen ver-modert in der Ahnengruft, einst würde man auch sie kaltund starr darunter legen und ihr ein Marmordenkmalerrichten. Sie schauderte und athmete tief auf, als siewieder an die frische Lust kamen.
„Es ist ein wunderbarer Besitz", sprach sie, „aberein Zimmer haben Sie mir noch nicht gezeigt, und ichfühle ein krankhaftes Verlangen es zu sehen. Sind Sieböse, wenn ich darum bitte?"
„Ihnen böse? Sprechen Sie."
„Es ist das Zimmer, wo — o, verzeihen Sie, ichhatte nicht darum bitten sollen."
„Doch, und Sie sollen es sofort sehen. Ich bin inmanchen Dingen feige."
Sie standen auf der Schwelle. Es war finster, dieLäden geschlossen, die Vorhänge heruntergelassen, wie esfeit jener schrecklichen Nacht gewesen. Nichts war ver-ändert. Dort stand die Wiege, dort der Tisch, auf demder Dolch gelegen, dort der Stuhl, auf dem Meta Cha-teron den Todesschlaf begonnen. Todtenstille lag über Allem.
Edith zog Victor mit sich fort.
„Wer that es?" fragte sie, als sie wieder unterdem blauen Himmel standen.
„Ja, wer? Tante Helena weiß es."
Gesicht und Ton waren ernst.
„Wie konnte man ungerächt sie im Grabe liegenlassen? Ohne Zweifel hat es ein Chateron gethan, undum des Namens Ehre zu retten, ließ man den Mörderunentdeckt."
„Ich glaube nicht, daß es Jncz war."
„So war es ihr Bruder; lebt er noch?"
„Soviel ich weiß, lebt er, und ich habe im Sinneihn der Gerechtigkeit zu überweisen."
„Sprechen wir nicht von der Sache, es macht IhnenSchmerz; aber wenn ich je Herrin des Schlosses werde,lasse ich da§ Zimmer zumauern."
„Wenn Sie die Herrin werden, wann wollen SieeS sein?"
„Wer weiß; vielleicht nie. Ich kann mir nichtdenken, daß ich es je werde." ,
„Bitte, bestimmen Sie den Tag, heute ist der letzteMai, darf ich die erste Woche im Juli nennen?"
„Nein, auch nicht die erste Woche im August; weshalbdie Sache überstürzen?"
„Warum verzögern? Ich ertrage es nicht?"
„Ich werde Sie nicht heirathen, so lange Lady Helenanicht ihre volle freie Einwilligung gibt."
„Das wird sie binnen einer Woche thun. WennSie mich nur ein wenig lieb hätten, so gebrauchten Sienicht derlei Einwände."
„Doch; man heirathet nicht so stürmisch, zudemhabe ich Mrs. Stuart versprochen, den ganzen Sommerauf dem Kontinent französisch und deutsch zu reden."
„Als meine Braut ändert sich das, Sie werden dasselbst einsehen."
„Allerdings."
„Sie erweichen, ich seh' es an Ihrem Gesicht",
flehte er, „o, Edith, lassen Sie es wenigstens dke ersteWoche des September sein."
Sie lächelte wie damals, als sie ihm ihr Jawort gab.
„So sei es denn; sprechen Sie aber nicht mehr vondem Eigensinn der Frauen."
„Gut, die Trauung findet am ersten Septemberstatt, am Tage des heiligen Patrick."
(Fortsetzung folgt.)
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Vor 100 Zähren.
A« 30. August findet im benachbarten Lechhauseneine bemerkenswerthe historische Gedenkfeier statt.An genanntem Tage Vormittags 11 Uhr wird nach vor-ausgegangenem Gottesdienste eine Gedenktafel enthüllt,welche dem Andenken an den vormaligen Hohenlohe 'schenOberlieutenant FranxoiS de Bouchö gewidmetist, welcher vor 100 Jahren als Fremder mit seinerGattin durch Lechhausen auf der Reise begriffen warund bei Gelegenheit der Netirade der kaiserlichen Truppenund des Vorrückens der französischen Armee unter Mo-reau dem Orte Lechhausen ganz außerordentliche und be-trächtliche Dienste geleistet hat. Herr Gemeinde-SekretärReich! hat über die damaligen Vorgänge eine längeregeschichtliche Abhandlung veröffentlicht, der die AbendzeitungNachstehendes entnimmt. Die Nheinarmee, welche, wiekürzlich auch in einer historischen Neminiszenz im „Samm-ler" geschildert, ihren Marsch vom rechten Donauufer herdurch Brand und Plünderung bezeichnete, schien auch denOrtschaften am Lech und an der Jsar gleiches LooS be-reiten zu wollen. Lechhausen lief dabei Gefahr, wennauch nicht gänzlich vernichtet zu werden, doch zu ver-armen, und an Stelle der jetzigen blühenden Gemeindewäre vielleicht ein unansehnlicher Ort. Die Rettrade derkaiserlichen Truppen war allgemein. Unter heftigem Ge-schützfeuer setzten die Franzosen über den Lech . FürLechhausen kamen schwere Stnnden. Die Geschosse schlu-gen in die Mauern, und manches Haus stand schon inFlammen, als der erste Schwärm Franzosen plündernd,mit den Waffen in der Hand, die Straßen des Ortesüberfluthete. Auf das kurfürstliche Mauthamt war eineRotte, reiche Beute ahnend, zuerst eingedrungen. Eigen-thümlicherweise erregte das zahlreiche Mobiliar der ver-wittweten Grenzmauthnerin von Stubenrauch, welche nebsteiner 60jährigen Magd die einzige Vertheidigung desMauthamtes bildete, in so hohem Grade das Gefallender Rotte, daß sie, die Mobilien sämmtlich raubend, voneiner Plünderung der Mauth absah. Allmälig füllte sichder Ort, Plünderung und Mißhandlung wurde bald all-gemein. Der Jammer der Bewohner, die durch fort-währende Einquartierung der kaiserlich-königlichen Truppenohnehin schon schwer gelitten, kannte keine Grenzen. Inder breiten Straße war ein großer Tumult. Geplün-derte, welche, jammernd sich um ihr Eigenthum wehrend,mit Kolbenschlägen zurückgetrieben wurden, riefen einenMann um Hilfe an, der bereits andere zu schützen schien.Dieser, von stattlicher Figur, in Zivtlkleidern, einen Degenin der Faust, war bemüht, gegen Hunderte Bajonnete diebei ihm Hilfe Suchenden zu schirmen. Mit erregterStimme machte er den Franzosen in ihrer Sprache hef-tige Vorwürfe über ihr brutales Vorgehen. Es schiennicht ohne Wirkung zu bleiben, da ein großer Theil derSoldaten murrend abzog. Dieser Mann sollte Lechhau-