Ausgabe 
(1.9.1896) 73
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(Zu unserem Bild Seite 555.)

Albert Niemann .

,A. Niemann war unter den Genossen der

Biihnenfestspiele von 1876 das eigentliche,

Enthusiasmus treibende Element.-

Rieb. Wagner .

Das Motto spricht die Bedeutung des genialen Sängerserschöpfend aus, und zwar gerade Wagner darf als Autoritätbei der Beurtheilung gelten. Man kann nicht sagen, daß erfreigebig in solchem Lobe war, undTenoristen" hat er nurdrei vollkommen gelten lassen, Tichatscheck, Schnorr v. Carols-feld und Niemann . Alle drei haben sich um Wagner's gesang-dramatiscbe Reformideen Verdienste erworben. Zuerst 1842Tichatscheck, der ersteRienzi", als Wagner , damals nur vonwenigen gekannt, auf v. Lüttichau's Ruf von Paris nach Dres-den kam und nach dem Rienzi -Erfolg königl. säcbsischer Kapell-meister wurde. Tichatschecks Stimme war trompetenhell, schmet-ternd, voll Temperament; sein Vortrag vielfach eckig, aber hin-reißend zündend, sein Spiel minimal. Der zweite Wagnertenor,Schnorr, trat, von Wagner zäitlich geliebt und bewundert, alsgeist- und gefühlvollerTristan" 1865 auf den Plan und starbsehr jung; seine Stimme war dunkel, seine Figur sehr dick, imGegensatz zu dem sehnig hageren Tichatscheck. Beide Genannte :übertraf Albert Niemann durch seine prachtvolle HünenbasteErscheinung und durch ein Spieltalcnt, das ihn zum größtenSchauspieler befähigt haben würde. Er war 1861 (damals alshannöverisches Hofopernmitglied) der erste ..Tannhäuser " beijenen berüchtigt skandalösen zwei Vorstellungen dieser Oper inParis , und stand unerschrocken dem polternden, höhnenden undpfeifenden Jockeyklub gegenüber. Und weiterhin 1876 war erder ersteSiegmund" in der Walküre zu Bayreuth im Fest-spielhause. Tbc stimme hielt, was den Timbre anlangt, dieMitte zwischen beiden vorgenannten Kollegen. Sie war nichtzu hell, aber auch nicht dunkel, sondern wunderbar normalmännlich, sowohl üle schäumend kraftvoll, wie auch tief em-pfindend, energisch, wo der Accent es verlangte, von blühenderWeichheit in der Kantilene. Denn derselbe Länger, der die ^Pilger-Erzählung im dritten Akte desTannbäustr" mit sogroßartigen erschütternden Accentcn vortrug, dessen wilde, un- >bußfertige Verzweiflung das Publikum fanaftsirte, dessen erste !Phrase in den Nibelungen:Weß Herd dies auch sei hier !muß ich rasten", nie, von keinem Tenor der Welt wieder er-re cht worden ist, war nickst minder alsJoseph" in Mehrilsreizend lyrischer alter Oper so zart, daß auch diese Rolle von .keinem überboten worden in. Das Merkwürdigste ist: derKünstler, von welchem alle. die ibn gekört, mit schwärmenderBewunderung sprechen, machte gar nicht den Eindruck einesSängers. Die Deklamation der Worte, jede Bewegung des iKörpers, die großen, ernstblickenden Augen, die stürmische Größe !der Empfindung ließen den sckönen, hochragenden Mann zugleich !als Sprecher, als plastische Statue, als klassisch lebensbew'gt,ja, als überlegenen Denker erscheinen, dem die malerischen Po-sitionen völlig natürlick zu Gesickst standen. Also genau wasRichard Wagner in seinen Schriften der vier-iger Jahre alsden Typus des Kunstwerkes der Zukunft verkündete, die Ver-mischung aller Künste im dramatischen Kunstwerk, das warin Albert Niemann zur Wirklichkeit geworden. Bis 1861 hatteWagner , der ja von 1849 bis dorthin in der Verbannungaußerhalb Deutschlands gelebt hatte, Niemann nie gehört. Aberer hatte über ihn viel Rübmenswerthes gehört, und als jene ^Vorstellungen desLannhäuser", welche die Fürstin PaulineMetternich angeregt und Napoleon III. befohlen hatte, vor sichgehen sollten, Roger aber, der einzig passende französische Tann-häuser, der in Betracht kommen konnte, versagte, ließ Wagner an Niemann , der des Französischen ausgezeichnet mächtig war,die Einladung ergehen. Niemann reiste nach Paris , sah, wie .die Sachen lagen, und kam nach höchster Anerkennung seines ^Probesingens, mit dem Pariser Kontrakt in der Tascke, nach ,Hannover zurück. Bekanntlich war in Paris für die armenSänger jener Aufführungen keine Freude zu holen. Aber Nie-mann hatte das Seine gethan; die Erzählung von der Rom-fahrt, wie er sie leidenschastsglühend vortrug, bezwäng selbst dieFeinde des Werkes und hob den für die Franzosen verständ-nißschwersten dritten Akt zur größten Wirkung. Niemanns Rufstand nun fest. Aber die rechte Ausbreitung kam erst mit demJahre 1866, als er das stille Hannover mit Berlin vertauschte, 'in welchem er bis zu seiner Pensionirung ungezählte Triumphe !feierte. Geboren ist Niemann, der jetzt in Berlin als Jagd-liebhaber und Philosoph lebt, 1831 zu Eisleben . Sein Vater,ein Gastwirth, ließ dem Knaben eine tüchtige Erziehung geben;

Maschinenschlosser, Mechaniker sollte der Sobn werden, undda dieser alles, wa^ er im Leben that, mit Tücht'gkeit durch-sah'te, hätte Niemann welleicht als Techniker einen neuenBühnenmechanismus oder einen ungekannten Motor erfunden,wenn n cht die Vermögen? Verhältnisse des Vaters zurückgegangenwären und ibm den Weg versperrten zu den höheren Studiender Mech rnik. Es galt, sich auf eigene Füße zu stellen, und soging Albert Niemann muthigzum Tbeater". In Dessau be-gann er, aber keineswegs als Sänger, sondern in winzigenSchauspiel- und dann in Chor-Rollen. Häufig übte er Gesangmit dem Baritonisten Nusch, nachdem Friedrich Schneider dieprachtvolle Stimme erkannte. Vom Chor schwang er sich zuSolo Tenorrollen, ging von Dessau nach Halle und Von dort,bereits als Heldentenor von Ruf, nach Hannover. Von Han-nover aus trieb ihn der Ehrgeiz nochmals zu Studien, die erbei Duprez in Paris machte. Meyerbeer, Wagner, Halevy , alsodas hochdramatischc Fach, war seine Domäne. Wer aber einenBlick in die Seele des hockg bildeten Künstlers thun wollte, dermußte ibn Schumann'sche Lieder singen hören.Ich grollenicht" gehört eben auch zu den Dingen, die ihm keiner nach-singt. Löwe, Schubert, Brahms , darin schwelgte die herrlicheStimme und der tiefergreifende Vortrag. Niemann verheirathetesich schon 1861 mit Marie Seebach , dem damals berühmtestendeutschenGretchen". Aber er ließ sich wieder scheiden, und1870 nahm er ein anderesGretchen", Hedwig Raabe , die aller-dings in dieser Rolle nicht gerade den Ruhm ihrer Vorgängerinerrang.

-- R -

Aus derNachfolge Khristi".*)

Wenn ich schier auch alles wüßte,

Dock nicht in der Liebe stände:

Könnt' es wohl vor Gott mir helfen,

Der die That nur wägt am Ende?

Ist dein Wissen reicher, größer:

Um so strenger wird dich richtenGott der Herr, wenn nickt auch strengerDu gelebt hast deinen Pflichten.

Dieses ist die hehrste Kenntniß,

Die gedeihlichste von allen:

Daß uns selber wir erkennen,

Daß uns selber wir mißfallen.

Von sich selber nichts zu halten,

Doch das Rühmlichste vom Nächsten:

Das ist Weisheit, das ist Lugend,

Solche Klugheit steht am höchsten.

Siehst du an dem NebenmenschcnEin Verschulden, schlimm und schandhaft:Darfst du dich für besser schätzen?

Kannst du schwören, daß du standhaft?

*) SieheDes gottseligen Tbomas von Kempen Nach-folge Christi in deutschen Reimen" von Hermann Jseke.Verlag von F. W. Cordier, Heiligenstadt (Eichsfeld). Preisbrchch. M. 3.-, Salonband M. 4.50.

Auslviung ver L-cyach-Ausgabe m Rr. <2:

Weiß. Schwarz.

1. L. 63-82 S. 64-82: (.4. 8, 6)

2. D. 67- 02 si K. 8302: (82) oder

L. 81-62:

3. S. 85-83 (03) Matt.

4.

1. K. 04-82:

2. D. 07631- beliebig.

3. D. Matt.

8 .

1. S. 64831-

2. K. 02-83 beliebig.

3. T. oeer S. Matt.

0.

1. 42-4.1 D.

2. S. 85031- S. 64-86:

3. D. 67-86: Matt.