doch, daß Ste's nicht wüßten, daß Lady Helena es Ihnennicht gesagt habe."
»Eine Prophezeiung? Das wird interessant", lachteVictor, „wir haben unser Familiengespenst, warum nichtivuch eine Prophezeihung l Lassen Sie hören, gute Frau;betrifft Sie wich?"
„Sie und Ihre Braut, sonst ist ja Niemand «ehrda. Sie lachen. Junge Leute lachen immer, die Altenweinen. Sie werden die Prophezeihung nicht glauben,'aber sie wird sich doch bis zum Schlüsse erfüllen."
„Wollen Sie sie endlich mittheilen?"
Aber der Alten eilte eS nicht.
„Ich denke der Nacht, wo wir bet Ihrem Vaterwachten, John Hooper und ich, der ist jetzt auch todt,so viel ich weiß. ES regnete und stürmte, die Dame lagunten mit dem Dolchstich im Herzen, ihr Gemahl tobtejm Gehirnfieber, Miß Jnez war im Gefängniß. Der,irrste Theil der Prophezeihung hatte sich also erfüllt, undich sagte zu John: „Du wirst sehen, daß das Uebrigeanch eintrifft. Er ist jetzt ein Kind, aber die Zeit wirdkommen, in der er freien und heirathen wird, am Trau«ungStage aber erfüllt sich die Vorhersagung."
„Ich muß gehen", unterbrach Sir Victor die Alte,»wollen Sie mir die Prophezeihung sagen oder nicht?"
„Ich erinnere mich derselben wohl", flüsterte fie,das Haupt wiegend, „die erste Strophe bezog sich aufden Mord."
»Wenn einst ein Chateron gemeinen Mord vollbracht,
So sinkt der Stamm dahin in Nebel und in Nacht."
„Jedermann weiß, daß es Juan gethan hat, einböser Junge mit dem Teufel in den schwarzen Augenund bösen Gedanken im Herzen."
„Ich bin ein altes Weib, aber ich habe eS nichtvergessen."
„Wenn ein Chateron an Mörders StelleGeschmachtet in Chesholms Gefängnißzelle",
das bedeutet Miß Jnez. Sie wissen ja, daß sie schuld-los ins Gefängniß kam. Der Nest muß erst eintreffen,der ist für Sie."
„Weiter l"
Die blöden Augen hefteten sich auf ihn, und diealten Lippen sprachen langsam:
„Der Bräutigam am Hochzeitstag verwittwet steht:
Erlischt der Stamm — der Name selbst vergeht."
ES folgte eine Pause. Sir Victor war zum Min-desten überrascht. Er hatte Neigung zum Aberglauben,und der VerS machte ihn stutzen.
„Ist das Alles, gute Seele?" fragte er endlich lachend.
„Alles und gewiß genug, eS wird sich erfüllen wiedaß Uebrige, bedenken Sie das."
Sir Victor legte ein Goldstück in die runzelige Hand.
„Sie meinen es gut, aber wiederholen Sie den Un-sinn gegen Niemand, ich verbiete eS Ihnen."
„Gut, ich habe dreiundzwanzig Jahre geschwiegenund will nun schweigen bis an's Ende. Aber es war«eine Pflicht Sie zu warnen. Sie mögen es Unsinnnennen, es wird sich doch erfüllen wie das Uebrige."
Er eilte fort. Natürlich war eS Unsinn und Aber-glaube, aber es war doch unangenehm und daS Wortder Alten: „es wird sich erfüllen wie das Uebrige", klangth« immer im Ohre wieder.
„Der Bräutigam am Hochzeitstag verwittwet steht",dg- hieße, daß Edith stürbe.
Er schauderte.
Sobald er PowyS Place erreichte, suchte er dieTante auf und theilte ihr sein Erlebniß mit.
„Die alte Martha? Ja, die war während DeinerKindheit in Chateron Royals, und was sagte sie Dir?"
„Etwas, was Dein Blut erstarren ließe, eine schau-derhafte Prophezeihung. Oder hast Du schon davongehört?"
Lächelnd wiederholte er den Vers. Lady Helenalauschte schweigend.
»Nun, ist Dir das bekannt?"
„Ja, ich hörte und las es oft. Die Prophezeihungsteht in einem Codex der Bibliothek in Chateron Noyals.Du Magst Dich selbst davon überzeugen."
»Aber Du glaubst doch nicht daran?"
»Ich weiß nicht, was ich glauben soll. Es gibt«ehr Dinge unter dem Himmel, als Eure Schulweisheitsich träumen läßt. Die Prophezeihung wurde vor drei-hundert Jahren gegeben, der erste Theil hat sich erfüllt."
»Zufall, weiter nichts."
»Mag sein; wenn sich aber der Schluß erfüllt, wirddas auch Zufall sein?"
»Um Himmelswillen, Tante, was redest Du da?-
„Ich will Dich nicht erschrecken, ich habe Dir's jaauch nicht gesagt, da Du nun aber davon gehört, ge-stehe ich, daß —"
„Daß Du an die Erfüllung glaubst, und diese Er-füllung schließt Edith's Tod am Trauungstage in sich."
„Ich weiß eS nicht, jedenfalls wird es am Platzesein, mit ihr davon zu reden."
„Warum?"
»Damit sie der Gefahr, wenn eine solche vorliegt,aus dem Wege gehen könne. Thue was Du willst, ichmeine «an sollte ihr eS sagen, weil es sie hauptsächlich angeht."
„Aber, liebe Tante, die dumme Reimerei ist ab-solut lächerlich."
„Dann könnt Ihr Beide darüber lachen, und Duhast Deine Pflicht gethan."
Es folgte eine Pause.
„Glaubst Du, daß eS fie erschrecken und zur Umkehrveranlassen könnte?" fragte Sir Victor endlich ängstlich.
„Nein; Edith Darrell ist ein Mädchen von unge-wöhnlicher Charakterstärke und praktischer Vernunft. Ichglaube nicht, daß so etwas sie beeinflußt!"
Lady Helena hatte Recht; als einige Stunden späterSir Victor der Verlobten zaudernd die ProphezeihungMittheilte, lachte sie ihm ins Gesicht.
„Sind Sie wirklich so abergläubisch?"
»Ich fürchte, ja, ich glaube an Träume und — *
»An die grausige Prophezeihung?"
Er schwieg.
„Gut", fuhr Edith fort, „ich bin durch dieselbe-hauptsächlich berührt, und wenn Sie es riskieren, thueich's auch. Ich fürchte mich nicht. Wenn ich den Kopfauf das Kiffen lege, träume ich nicht, meine Ruhe bleibtungestört, und wenn mir die weiße Frau begegnete, michwürde daS nicht genieren. Ich habe kein Herzleiden, derMuskel hier", sie deutete auf das Herz, „arbeitet regelmäßig,und so wollen wir eS mit der Prophezeihung aufnehmenund am Tage der Hochzeit weidlich darüber lachen."
Sie bot ihm die Hand, er küßte dieselbe innig.Freude, Hoffnung und Liebe hatten seine Schwermuthverscheucht.
An dem Tage wurde die Prophezeihung vergessen.