18 . Kapitel.
Auf immer.
Als des Juni sonnige Tage sich zu Ende neigten,reisten die Gäste von Powys Place ab; nur Edith blieb.
Seit dem Tage nach dem Ball war diese beständigauf der Folter. Sie hatte Rudolf von sich gestoßen wegeneines Titels, eines Vermögens, und jetzt, da sie sich seineswahren Werthes bewußt geworden, da seine Liebe inVerachtung erstorben war, sehnte sich ihr ganzes Herznach ihm. Es war ihr eine tägliche Qual, ihn zu sehen,ihn zu sprechen, seine Aufmerksamkeiten für Lady Arabella zu beobachten. — Sie verlor an Fülle und Farbe undbleichte zum eigenen Schatten. Sir Victor war voll Un-ruhe. Lady Helena sagte nichts, ihr scharfes Auge aberdurchschaute Alles.
„Je eher die Gäste gehen, desto bester", dachte sie,„je früher sie den Rivalen aus dem Auge verliert, destofrüher kehrt ihre Gesundheit wieder."
Vielleicht begriff Rudolf selbst die Sachlage, denner drängte zur Abreise.
„Sehen wir uns ei« wenig das Londoner Lebenan", sagte er zu seinem Vater, „auf dem Lande ist essehr schön, aber ich sehne mich nach dem Gewühle einerGroßstadt."
Der alte Herr war mit dem Vorschlage zufriedenund der Tag der Abreise wurde bestimmt.
„Liebes Kind", sprach Lady Helena zu Edith, „ichglaube Du bliebest bester hier."
Ihre Betonung trieb Edith daS Blut in die Wangen.Sie senkte das Haupt und schwieg.
„Gewiß bleibt Edith", unterbrach ste Sir Victorstürmisch, „als ob wir hier leben könnten ohne sie."
„Ich bleibe", sprach das junge Mädchen leise.
„Meiner Ansicht nach geht die Familie Stuart gern",fuhr der Baron fort, „der alte Herr scheint trübe unddüster, hast Du'S bemerkt, Edith?"
„Ja, ich glaube es hängt mit seinen Geschäften inNew-Uork zusammen. Papa spielte im letzten Briefedarauf an."
Mr. Fred Darrell hatte geschrieben:
„In New-Iork bereitet sich eine große Geldkristsvor und wälzt unermeßlichen Ruin mit sich. JameSStuart soll sehr dabei betheiligt und vom Aeußerstenbedroht sein. Hoffen wir, eS sei übertrieben. Einsthielt ich seinen Sohn für eine brillante Partie fürDich; wieviel besser aber leitete es die Vorsehung. Noch-mals, liebe Tochter, ich gratulire Dir zu Deinen Aus-sichten. Deine Stiefmutter läßt Dich grüßen, sie ver-fehlt nicht, die Wundermähr, daß die kleine Edith dieFrau eines reichen Barons wird, überall zu verbreiten."
Miß Darrells Stirne faltete sich, sie zerriß dieväterliche Epistel in Stücke und zerstreute sie nach allenWindrichtungen.
Unaufhörlich kamen Briefe an Mr. Stuart, fasttäglich brachte man ominöse Kabeltelegramme in orange-farbener Hülle. Und der alte Mann wurde immer blei-cher und düsterer. Seine Familie erkundigte sich theil-nehmend nach seinem Befinden. Er wies sie mürrischab und verlangte, daß man ihn in Ruhe lasse, er seiganz wohl.
Daß Bankerott drohe, ahnten sie nicht. Des VatersReichthum schien ihnen unbegrenzt, ein goldener Strom,aus goldenem Ocean.
Eines Tages bot Mr. Stuart Edith eine Banknotevon tausend Dollars.
„Ich wollte Dir mehr geben, aber die Verhältnissehaben sich kürzlich geändert; ein Brautkleid aber kannstDu immerhin dafür kaufen."
Freundlich aber bestimmt verweigerte sie die Annahme.
„Ich danke, lieber Onkel, aber ich kann es nichtannehmen. Sie haben für mich schon mehr gethan, alsje vergelten kann. Sir Victor nimmt mich ohne jedwedeAussteuer, und Lady Helena gibt mir ein weißes Kleidnebst Schleier."
Der alte Mann legte die Banknote wieder in seinTaschenbuch, vielleicht war er froh, daß sie nicht angenom-men wurde. Die Zeit war vorbei, daß ihm tau-send DollarS nur ein Tropfen im Meere waren.
„Also übermorgen gehen wir", jubelte Trixy, „packesofort, Edith. Es war hier recht schön, aber nach undnach wird man der Idylle müde und sehnt sich nach Gas-licht, Flitter und Menschengewühl. Und denke nur,Hauptmann Hammond geht auch mit und Lady Portiaund Lady Arabella . Aber warum siehst Du so mürrischaus, freust Du Dich nicht?"
„Auf was?"
„Auf den Wirbel der Zerstreuung in London ."
„Ich gehe nicht mit."
„Du gehst nicht mit?" fragte Trixy niedergeschmettert.
„Nein, es wurde beschlossen, daß ich bleibe. Du wirstmich nicht vermissen, Du hast Hanptmann Hammond."
„Ich will aber Dich haben. Was hast Du denneigentlich vor?" —
„Ruhig hier bleiben, bis — bis —"
„Und Du willst Dich zwei Monate hier langweilenund Liebcsgeflüster anhören, das Dir nicht sympathischist? Brause nicht auf, ich weiß was Du darum gibst.Du magerst zum Schatten ab und sollst mit uns nachLondon gehen und Dich erholen. Die Idee, zwei Mo-nate lang mit dem Bräutigam unter einem Dache zuwohnen! Du schützest natürlich Lady Helena vor, ichaber sage. Du gehst mit uns, denn uns gehörst Du biszur Heirath."
Edith seufzte.'
„Ich habe versprochen zu bleiben, Sir Victor undLady Helena wünschen es."
„Fürchten sie, Dein Vertrauen zu verlieren, wennDu außer Sicht bist?"
„Laß mich, Trixy, ich bin müde und krank an Leibund Seele." Jede Fieber ihres Herzens sehnte sich mit-zugehen, aber es durste nicht sein.
„Ich, ich will Dich lassen", zürnte Trixy, „wennwir jetzt uns scheiden, sei es auf immer. Dein Betruggegen mich, Deine Herzlosigkeit gegen Rudolf warenschlimm genug, das ist der letzte Tropfen in den vollenBecher. Dn wirfst uns weg um der Freunde willen, zudenen wir Dir geholfen; das ist so der Lauf der Weltund von Edith Darrell nicht anders zu erwarten."
Roth vor Zorn stürzte Beatrice aus dem Zimmer.
Edith war allein. Wieder ein Freundesherz ver-loren auf immer! Nun, sie hatte Sir Victor, und dasmußte ihr Alles ersetzen. Sie blieb den ganzes folgen-den Tag in ihrem Zimmer. Sie war wirklich krank.Morgen mußte sie sich von den Stuarts trennen undübermorgen-weiter mochte ste nicht denken.
Sie kam die Treppe herab sich zu verabschieden.
Der alte Onkel schüttelte ihr schnell und nervös die