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Hand, Tante Charlotte küßte sie zärtlich, Trixy berührtemit den Lippen nur förmlich ihre Wangen und Rudolflegte zwei kalte Finger in ihre Hand und sagte lächelndihr Lebewohl.
Sie waren fort. Die Räder der davoneilenden Wagendonnerten über die Straße; es war Edith, als führensie über ihr Herz.
Am gleichen Abend noch quartierte sich die FamilieStuart in einem eleganten Hotel ein. Aber, ach, dieVergänglichkeit menschlicher Hoffnungen!
Die glänzende Zeit, auf die Trixy sich gefreut, er-schien nie. Am Morgen nach ihrer Ankunft kam einTelegramm für Mr. Stuart.
Der alte Herr befand sich zufällig in seinem An-kleidezimmcr; er nahm das Couvert mit zitternder Handund blutunterlaufenen Augen. Einen Moment spätererscholl ein lauter Schrei, dem ein schwerer Fall folgte.MrS. Stuart fand ihren Gatten ohnmächtig auf demBoden, — das Telegramm in der Hand.
Hauptmanu Hammond hatte sich mit Rudolf Stuartau einem Diner verabredet. Als die Schatten der Däm-merung sich senkten, erwartete der Offizier ungeduldig, es Freundes Ankunft.
Eine Viertelstunde später erschien er bleich undheilte Hammond die schreckliche Nachricht mit, daß derVater sich in Spekulationen verwickelt, von der Krisisvetroffen und vollständig ruinirt sei. Rudolf erzähltees ruhig.
„Wie nehmen es Deine Mutter und Schwester auf?"'ragte der Offizier ruhig.
„Die Mutter weint, Trixy vermag es nicht zu fassen.Sie pflegt den Vater, der in einer Lethargie liegt, ausa:r er nicht zu erwecken ist. Natürlich kehren wir sofortna-' New-Uork zurück. Bettler haben hier im Hotel nichts;u nichen."
Der Haupimann wollte sprechen, schloß aber düsterdi, Lippen wieder.
„Ich habe sofort Plätze auf dem Dampfer, der invier Tagen abgeht, belegt", fuhr Rudolf fort, „wenn Dumeiner Mutter und Schwester noch ein freundliches Wortsagen willst, wär mir's lieb, denn eS hat sie furchtbar.angegriffen."
Hammond sprang auf.
„Alter Junge", begann er, kam aber nicht weiter,dcr Strom seiner Rede versiegte, ein Händedruck endigte sie.
Am folgenden Tage reiste Rudolf nach Powys Place,um Edith Mittheilung von der Sachlage zu machen.
„Sie verdient eS nicht", sprach Trixy, „sie hatkein Herz."
Die Dienerschaft starrte ihn verwundert an, als erPowys Place erreichte.
Im Empfangszimmer erwartete er Edith's Kommen.In Abendtoilette, strahlend von Juwelen, rauschte sieherein. Er blickte auf und sie standen sich schweigendgegenüber. Kurz und traurig theilte Rudolf ihr denWechsel der Verhältnisse mit, sagte ihr, daß sie Plätzeauf dem nächsten Dampfer genommen hätten und er, inErinnerung vergangener Zeiten gekommen sei, ihr Lebe-wohl zu sagen.
Edith's Brust hob sich. Armer Rudolf! EinenMoment war ihr'S, als müsse sie Alles aufgeben und mitihm den Bettelstab theilen.
»Laß «ich Dir Adieu sagen, Dithy, Du bist glück-
lich, Deine Zukunft ist gesichert, ich kann Deinem Vatergute Kunde bringen."
„Lebewohl", entgegnete sie bleich und kalt, „grüßeTrixy und lass' uns hoffen, daß die Sachlage sich bessergestalte, als wir glauben."
Sie wandte sich zur Thür. In ihrer Brust tobtees. Es war ein ewiger Abschied von Rudolf. Ihr Stolzschwand, sie eilte zurück und schlang stürmisch die Armeum seinen Hals. „Leb' wohl, mein Rudolf, leb' wohlauf immer!"
Sie riß sich loS und eilte aus dem Zimmer. WenigeMinuten später fuhr Rudolf Stuart wieder gen Ehesterund als der Mitternacht Gestirne blinkten, war er aufdem Wege nach London .
1S. Kapitel.
Ein Telegramm.
Die Sonne erhob sich über Londons zahllosen Dächernals Rudolf vor dem Hotel, das seine Familie bewohnte,Vorfahr. Er eilte tn seines Vaters Zimmer und trakTrixy auf der Schwelle.
„Du darfst die Eltern nicht stören, sie schlafen Beide",sprach sie leise, „geh' auch Du zur Ruhe, ich wecke Dichzum Frühstück. Hast Du sie gesehen?"
„Meinst Du Edith? Natürlich, deshalb reiste ich ja hin."
„Und was sagte sie?" fragte Trixy bitter.
„Wenig, wir sahen uns kaum zehn Minuten. Edithwar in Abendtoilette, und ich wollte sie nicht aufhalten.Sie läßt Dich herzlich grüßen."
„Ich brauche ihre Grüße nicht, sie ist doch das herz-loseste, undankbarste Geschöpf."
Ein Blick des Bruders schnitt die Rede ab.
„Genug, Trixy, Edith ist eine der weisesten Jung-frauen und hat den besseren Theil erwählt. Was sollenwir auch jetzt thun? Sie wieder nach Sandypoint inihres Vaters ödes Haus zurückbringen? Und was dieDankbarkeit damit zu schaffen hat, sehe ich nicht ein.Wir nahmen sie ausdrücklich mit, damit ihre Sprachkennt-nisse uns nützten, sie hat wahrlich das Ihre gethan.Schweig Du lieber von Edith, wenn Du ihr nichts Gutesnachzusagen vorhast."
Mit hastigen Schritten eilte er die Treppe hinauf.
Trixy brach in Thränen aus. Es war schlimmgenug, Alles, Alles zu verlieren, warum mußte sie auchnoch Edith, die ihr so tief ins Herz geschnitten hatte,entsagen? Ein süßer Tropfen freilich war in ihrem Lei-denskelche; Hauptmann Hammond hatte bewiesen, daßnicht die ganze Welt selbstsüchtig sei, und hatte in derStunde der Trübsal um BeatrtcenS Hand geworben. VollUeberraschung und Freude hatte diese gezögert, gelächelt,Einwände gemacht und schließlich ihr „Ja" hervorge-schluchzt. So wäre Augustus Hammond, der Trixy wirk-lich liebte, ganz glücklich gewesen, hätte nicht der Gedanke,daß in wenigen Tagen zwischen ihm und ihr der Oceanrollen würde, seine Freude getrübt.
Spät Abends öffnete er sein Herz dem Freunde undkünftigen Schwager.
Rudolf hörte schweigend zu.
„Das ist Thorheit, Wahnsinn von Deiner Seite",rief er endlich, „vor einer Woche, da Trixy noch eineErbin war, hätte ich Dir die Hand gedrückt und Dirmeinen Segen gegeben, jetzt aber find wir Bettler undmüssen arbeiten, wenn wir nach New-Iork kommen. Wiedas gehen wird, weiß der Himmel, denn wir wuchsenauf, wie Lilien auf dem Felde. Ich rede nicht viel über