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1896.
„Augsburger PostMung".
Vtustaz, den 22. September
Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg lVorbefitzer vr. Max Huttlerl.
Ein furchtbares Geheimniß.
Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary AgnesFlemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch.
(Fortsetzung.)
6. Kapitel.
Der Tragödie Schluß.
Als Lady Helena eine Stunde später leise eintrat,fand sie des Krankenschwaches Haupt inden Armen derKnieenden, ihrAntlitz verborgenund naß von Thrä-nen. Ein Blick insein strahlendesAntlitz sagte ihrAlles. Die Verhält-nisse waren mitge-theilt und vergeben.
Ein Jahr nach derTrauung waren dieBeiden endlich ver-eint. Es bedurftekeiner Worte. DieTante küßte Beide.
„Es ist spät ge-worden, Edith, undDuwirstmüdesetn",sprach sie, „begibDich nun zur Ruhe,ich will bei Victorwachen." Aber Edithschmiegte sich nurum so inniger anihn und sah flehendauf.
„Nein, ich bin nicht müde und will ihn nie wiederverlassen. O Tante, warum wußte ich nicht früherAlles, warum kannte ich Sir Victor nicht! Wie un-freundlich war ich gegen ihn, ach, und er litt für mich!Wenn er stürbe, käme ich mir vor wie eine Mörderin."
Ihre Stimme erstickte in Thränen; sie hatte ihngehaßt, seinen Tod gewünscht, und all' die Zeit opferteer sein Leben für sie.
„O, lass' mich bei Dir bleiben, Victor", bat sie
wieder, „schicke mich nicht fort. Wir waren lange genuggetrennt, lass' uns nun vereint bleiben."
Mühevoll zog er ihre Hand an seine Lippen undlächelte selig.
„Sie spricht, als ob sie mich fast liebe."
„Dich lieben! O Victor, hätte ich doch Alles gewußt!"„Und wenn ich gewagt hätte, Dir Alles zu sagen,
wärest Du nicht vorwir, wie vor einemUngeheuer zurück-geschreckt, wärest Dubei mir geblieben?"
„Hätte ich ge-wußt, wieDeinVaterDeine Mutter ge-tödtet, wie seinWahnauf Dich überge-gangen, so hätte ichDich von Herzen be-dauert und in Folgedessen geliebt. Ichhätte Dich nie ver-lassen, nie gefürch-tet, und was Duscheutest, wäre nieeingetroffen."
„Glaubst Dudas?"
„Ich weiß undfühle es. Du hättestdagegen gekämpft,ich hätte es nicht ge-fürchtet, und mit derZeit wäre die fixeIdee verschwunden.Du bist von Naiurabergläubisch und krankhaft erregt. Die absurde Pro-phezeihung, die grause Geschichte und des Vaters War-nung waren zu viel für Dich allein. Hättest Du esmir gesagt, so wären die hypochondrischen Ideen halb ge-theilt gewesen. Ich hätte Dich nie verlassen, uno Duhättest mir nie ein Haar gekrümmt."
Ihr fester Ton schien ihn zu überzeugen, sein Ge-sicht überschattete sich.
„So war Alles umsonst, all' die Leiden und Opfer,
Prinz Feräinnnä von Konrbon unä seine Verlobte, Prinzessin Marin von Kagern.
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