Ausgabe 
(22.9.1896) 79
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all' die schrecklichen Monate der Trennung", sprach erbetäubt.

Wieder nahte sich die Tante.

Du mußt nun gehen, Edith, wenn Du da bleibst,schläft er keine Minute, und wer steht dann für dieFolgen? Sage ihr, Victor, daß sie Dich verlassen müsse,sie wird Dir gehorchen."

Er sah, daß die Tante recht hatte.

Geh' auf ein paar Stunden", flüsterte er schwach,wir bedürfen der Ruhe, und ich habe Dich dann morgenden ganzen Tag."

Gute Nacht", flüsterte sie, ihn küssend,o, daßdas Lebenselixir keine Fabel, die Zeit der Wunder nichtvorüber wäre. Wie glücklich wären wir, wenn er genäse I"

Edith begab sich in ihr Zimmer. Mit welch' an-deren Gedanken betrat sie es jetzt. Wohl erinnerte siesich noch der Nacht vor zwölf Monaten, wo sie Abschiedgenommen von Rudolfs Bild und Briefen und auf dieMorgenröthe des Trauungstages gewartet hatte.

Als sie am Morgen erwachte, war ihr erster Ge-danke:Lebt Victor?"

Sie läutete.

Jnez erschien selbst.

Ich weiß, was Sie zu wissen wünschen", sprachsie herzlich,ja, er lebt, ist aber sehr schwach. Die Er-regung und Freude der letzten Nacht waren zu viel fürihn. Und er gedenkt noch des Jahrestages."

Edith wandte sich ab, das Herz voll Pein.

Hatte ich es nur gewußt", rief sie schmerzlich,wenn Sie, wenn er es mir gesagt, Alles wäre gutgewesen."

Ich glaube es nun selbst; Sie sind so stark undwüthig und hätten ihm diese Gefühle eingeflößt. Jetztaber ist es zu spät, und wir können ihn nur glücklichmachen, so lange wir ihn noch haben."

Zu spät! Zu spät!" widerhallte es trostlos inEdith's Herz. Sie war so nahe daran, den Gatten zu lieben.

Sobald sie angekleidet war, eilte sie ins Kranken-zimmer. Victor lag bleicher als das Linnen in seinemKissen. Jetzt erst bemerkte sie die geisterhafte Blässe,sah, daß sein Haar mit Grau gemischt war, daß in seinemGesicht die Anzeichen der nahen Auflösung sichtbar wur-den. Er athmete schwer. Die ganze Nacht hatte er anHerzkrämpfen gelitten. Der Schmerz war vorüber, aberer war erschöpft, vom Eis des Todes angehaucht. Solag er, das Wrack des edlen, hoffnungsvollen, schönenMannes, den sie vor einem Jahre geheirathet, und dochumspielte das alte Lächeln seine Züge, als er sie erblickte.

Unfähig zu sprechen vor innerer Bewegung, setztesie sich an seine Seite. Er bat sie, ihm Alles mitzu-theilen, was sie erlebt seit jenem verhängnißvollen Tag,da er sie verlassen. Sie entsprach dem Wunsche, erzählteihm, wie es ihr ergangen von der Flucht von PowysPlace nach Chateron Royals. Die Schattenseite ließ sieziemlich unberührt, aber er verstand sie und wußte, wieihr Stolz gelitten und geblutet hatte.

Ich dachte nicht, daß Du so handeln würdest",flüsterte er,aber ich hätte Dich besser kennen sollen.Meiner Absicht entsprechend, wärest Du bei Tante Helenageblieben und hättest genommen, was Dir gebührte;als ich von Deiner Flucht hörte, war ich wie betäubtund suchte Dich überall. Weißt Du, daß ich in Ame-rika war?"

Jnez sagte eS mir."

Ich konnte aber weder Deinen Vater, noch dieFamilie Stuart ausfindig machen. Dich selbst sah ichzufällig in Madame Mirabeau's Laden, und es war meineletzte Hoffnung, als ich Jnez zu Dir sandte. Sie littSchiffbruch, und das war am schwersten zu ertragen."

O, daß ich's gewußt hätte!"

Ja, das war der Fehler; mit Deinem Stolz konntestDu nicht anders handeln, und doch gefällt mir DeinWesen. Ich sehe Dich im Geiste als eines edlen Mannesglückliche Gattin; lass' dann aber nicht den Stolz zwischenDich und Deine Zukunft treten. Edith, ich werde fried-licher im Grabe ruhen, wenn ich auf Erden Dich glück-lich weiß."

O, Victor, Deine Güte bricht mir das Herz."

Um eins aber muß ich Dich bitten, Edith, willstDu mir es gewähren?"

Könnte ich Dir's versagen?"

Versprich mir, daß Du nach meinem Tode nimmst,was Dir gebührt. Kein falscher Stolz soll Sir VictorChaterons Wittwe beeinflussen. Juan Chateron ist miteiner Creolin verheirathet und lebt gebessert auf der InselMartinique . Er erbt gesetzlich den Titel Chateron Royalsund dessen Revenuen. Das Uebrige gehört Dir. MeinerGroßmutter bedeutendes Vermögen ist Dir testamentarischgesichert, und es ist mein letzter Wunsch und Befehl, daßDu Alles ohne Zögern annimmst, auf daß ich Dich ruhigverlassen kann. Versprich es mir, Edith."

Ich verspreche es", flüsterte sie.

Er sammelte glühende Kohlen auf ihr Haupt.

Langes Schweigen folgte. Er lag mit geschlossenenAugen, erschöpft, aber glückselig. Des Todes Bitterkeitwar vorübergegangen, er hatte heiligen Frieden. An derSeite des geliebten Weibes mochte er ruhig sterben, denner wußte, daß in ihrem Herzen nur Liebe wohnte undVergebung, daß sie einst glücklich sein würde.

Edith verließ ihn keinen Moment. Tante Helenaund Jnez theilten gelegentlich ihre Wache, sie alle sahen,daß das Ende nahte.

Lies mir vor", sprach er zu Edith während deSTages.

Sie las über des Lebeus Leiden und Versuchungen:

Aber das Ende wird kommen und alle Thränensollen getrocknet werden, und es soll nicht mehr seinTrauer noch Schmerz. Danket dem Herrn für die Auf-lösung."

Er sah sie begeistert an; ihre Stimme brach, sielegte das Buch weg.

Als der Sonnenuntergang das Fenster vergoldete,erwachte er und blickte hinaus in die purpurne Gegend.

Oeffne das Fenster, Edith, ich möchte noch einmaldes Tagesgestirnes Sinken sehen."

Ambrosisches Licht durchstrahlte das Zimmer, wiedes Paradieses Pforten leuchtete der Horizont.

Herrlich! O, wenn die Erde schon so schön ist,wie göttlich muß der Himmel sein!"

Und leise wiederholte er die Worte, die sie gelesen:

Und es soll nimmer sein weder Trauer noch Klagenoch Pein."

Er athmete tief auf.

Du bist bleich, Edith, geh' ein Weilchen ins Freie,Du magst mich ruhig verlassen."

Sie küßte ihn und ging. Ihr ganzes Leben warsie froh, daß sie mit einem Kusse von ihm geschieden. Sieging hinab in den Garten und blieb etwa fünfzehn Mi-